Russland / Ukraine Krieg
20.07.2022

Politik

Kommt Putin in den Himmel?

Interview mit Prof. Langenfeld darüber, was der Himmel ist - und ob dort ein Platz für Putin ist

Ein Angriffskrieg auf eine ganze Nation. Panzer, Raketen, Artillerie. Tod, Verzweiflung, Zerstörung in der Ukraine. Turbulenzen auf dem Weltmarkt, Hunger, Krisen in ganz Europa. All das hat letztlich Wladimir Putin, Russlands Präsident, zu verantworten. Auf seinen Befehl hin greift Russland die Ukraine an. Seine Truppen zerstören strategisch Städte und löschen Menschenleben aus.

Kommen Menschen wie Putin dafür in die Hölle? Oder hat Gott, warum auch immer, für ihn einen Platz im Himmel? Fragen, auf die Prof. Aaron Langefeld von der Theologischen Fakultät Paderborn besondere Antworten hat.

Eine grundlegende Botschaft des Christentums ist, dass Gott alle Menschen bedingungslos liebt. Auch Menschen wie Wladimir Putin, die unendlich viel Leid zu verantworten haben?

Gott ist im christlichen Verständnis die Liebe selbst. Deswegen ist es undenkbar, dass es Menschen gibt, die von dieser Liebe ausgeschlossen sind. Die Frage ist eher: Wie gehen die Menschen mit diesem Angebot um?

Wenn Gott Wladimir Putin liebt, wovon hängt dann ab, ob er in den Himmel oder die Hölle kommt?

Wichtig ist zunächst: Himmel und Hölle sind keine Orte, sondern werden in der Theologie als personale Ereignisse verstanden. Vielleicht hilft hier eine kurze Geschichte. Dostojewski beschreibt in „Die Brüder Karamasow“ die Geschichte einer alten Sünderin. Sie ist eine alte, verknorzte Frau, die ihr Leben lang nur böse und gemein war. Sie verbrennt nach ihrem Tod in einem Feuersee und leidet unendliche Qualen. Es ist so eine Art Höllen-Situation.

Dann kommt ein Engel zu ihr und sagt: Erinnerst du dich nicht daran, als du einmal einem hungernden Bettler ein Zwiebelchen hingeworfen hast, damit er etwas zu essen hatte?

Also zeigt der Engel, dass es eine gute Sache im Leben der Frau gab. Da wirft der Engel ihr die Zwiebel an einem Faden zu. Sie klammert sich daran fest und der Engel beginnt, sie an der Zwiebel, also an der einen guten Tat, aus dem Feuersee herauszuziehen.

Wohin?

Hinein in die Liebe, das Wesen Gottes. Die christliche Vorstellung des Himmels ist ja, dass ein Mensch ganz teilhat an der Liebe, die Gott selbst ist.

Professor Aaron Langenfeld
Professor Aaron Langenfeld
Postkarte Wladimir Putin

Und klappt das bei der Frau?

Der Faden hält sogar so gut und stabil, dass sich andere Sünder in dem Feuersee mit dranhängen können. Die eine gute Tat der Sünderin reicht aus, um für Gott auch andere Sünder aus dem See zu ziehen. Dann merkt die Frau aber, dass sich die Sünder an ihr Bein hängen. Und sie fängt an, die anderen wegzutreten. Sie sagt: Das ist mein Zwiebelchen. Das ist für meine Rettung gedacht, nicht für eure. In dem Moment reißt der Faden ab, an dem sie herausgezogen wurde. Sie fällt zurück in den See.

Okay. Und was hat das mit Putin zu tun?

Wenn wir uns fragen, ob Putin oder zum Beispiel auch Hitler in den Himmel oder die Hölle kommen, dann wäre die Hölle, christlich verstanden, keine Strafe Gottes für die beiden. Die Hölle ist, wenn wir uns selbst dazu entscheiden, ohne Liebe zu sein. Putin wäre in der Hölle, wenn er sich selbst verweigern würde, der Liebe in seinem Leben Raum zu geben.

Und wie könnte er in den Himmel kommen?

Indem Gott gutmacht, was noch nicht gut ist. Das christliche Bild des Menschen geht davon aus, dass es ausreicht, diese Zwiebelchen, diese einzelnen guten Momente im Leben zu haben. Es kann sein, dass Menschen so bösartig sind, dass es kaum möglich ist, auch nur einen Moment zu identifizieren, in dem sie geliebt haben. Aber wahrscheinlich gibt es in jedem Leben doch gute Momente, Momente die Gott verwandeln kann.

Ein paar Momente der Zuneigung sind aber ganz schön wenig im Vergleich zu dem unendlichen Leid, das beide verursacht haben …

Klar. Aber Christen glauben, dass es Gott möglich ist, selbst bei Putin das rauszuholen, was noch nicht gut ist. Aber nicht gegen seinen Willen. Und nicht gegen seine Geschichte.

Krieg Ukraine / Russland
"Sie erkennen im Angesicht der Liebe, was das eigentlich Richtige und Gute gewesen wäre." Prof Langenfeld
"Sie erkennen im Angesicht der Liebe, was das eigentlich Richtige und Gute gewesen wäre." Prof Langenfeld
Selfie gepostet. Reel gedreht. Friedensgebet?

Was bedeutet das: „Nicht gegen seine Geschichte“?

Mit dem Tod ist die Lebensgeschichte des Menschen vorbei. Und zwar wirklich vorbei. Aber Christen glauben, dass Menschen als Person nicht verschwinden. Putins Lebensgeschichte und das, was ihn ausmacht, sind in Ewigkeit aufgehoben. Deswegen ist seine Lebensgeschichte sozusagen die Entscheidung, wie er sich zu Gott verhalten will. Er und wir alle können in jedem einzelnen Moment, an jedem Tag, in jeder Tat, immer ein Ja oder ein Nein sagen.

Wozu?

Zu dem, was die Liebe an sich ist.

Und dann?

Was nach dem Tod kommt, ist dann nicht mehr Ihre, sondern Gottes Tat. Da ist die Frage, ob es das Zwiebelchen gibt, bei dem Gott ansetzen und Sie herausziehen kann. Aus der Selbstisolation hinein in die Liebe. Katholisch nennen wir das Fegefeuer. Es ist der „Ort“, an dem dieser schmerzhafte Prozess läuft, bei dem ich loswerde, was mich von der Liebe, die ja Gott selbst ist, trennt.

Wie kann ich mir das vorstellen?

Ein Beispiel: Sie gehen feiern und knutschen fremd. Am nächsten Tag kommen Sie nach Hause und haben ein wahnsinnig schlechtes Gewissen. Ausgerechnet dann hat Ihre Partnerin ein riesiges Frühstück gemacht, ist ganz lieb zu ihnen. Dann sitzen Sie schwitzend da und sind beschämt, weil Ihnen klar wird, dass Sie eine andere Möglichkeit gehabt hätten. Sie erkennen im Angesicht der Liebe, was das eigentlich Richtige und Gute gewesen wäre.

Was heißt das für Wladimir Putin?

Wenn Putin in den Himmel kommt, dann nicht dieser Putin. Nicht die Person, die menschenverachtend und lebensverachtend in Erscheinung tritt. Sondern das, was ihm in seinem Leben möglich gewesen wäre von Gott. Christlich hofft man, dass das eigentliche des Menschen gerettet werden kann.

Wow. Und was ist das?

Die Fähigkeit, zu lieben. In Beziehung mit anderen zu sein. Im christlichen Sinne ist Ihre eigentliche Lebensmöglichkeit, andere Menschen zu lieben. Gott in ihrem Leben zur Geltung kommen zu lassen. Und Sünde bedeutet, das nicht zu tun. Nicht zu lieben. Der Himmel ist also der Zustand, wo Sie nicht mehr hinter Ihren Möglichkeiten zurückbleiben. Sondern Sie sind der, der sie eigentlich sein können. Nämlich: in Beziehung.

Wenn Gott Liebe und Beziehung ist: Funkelt dann jetzt schon etwas Göttliches auf, wenn Menschen in Beziehung sind? Wenn ich Partnerschaft, Freundschaft und Familie lebe?

Ja. Es ist dogmatisch unumstritten, das da, wo Nächstenliebe im Alltag passiert, Gott selbst da ist. Nicht nur ein Funke. Sondern das ist das, was Gott ist.

Prof. Langenfeld bei einem Vortrag in Paderborn

Also: Gott ist Freundschaft?

Ja. Klassisch sind die Begriffe der Liebe unterteilt in Freundschaftsliebe, Nächstenliebe und erotische Liebe. Die Freundschaftsliebe ist bei Thomas von Aquin eine wichtige Kategorie, um Erlösung zu erklären: Gott erlöst uns darin, dass er uns zu Freunden macht.

Untereinander oder mit ihm?

Beides. Das ist nicht zu trennen. Dann, wenn wir Freunde sind, ereignet sich das, was Gott ist.

Auf Putin bezogen: Um in die Hölle zu kommen, müsste er lieber ganz allein sein wollen? Ohne Freunde? Ohne Menschen, denen er nahe ist?

Freundschaft bedeutet ja auch, dass man das Gute für den anderen will. Dazu gehört auch, jemandem zu sagen: Du machst hier einen Fehler. Wenn Menschen riesengroße Fehler machen, indem sie Menschen vernichten und entwürdigen, hängt das auch damit zusammen, dass sie keine Freunde haben, die sagen: Du machst hier einen Fehler.

Oder wenn die Freunde selbst so gestrickt sind …

Genau. Ein literarischer Vergleich: Bei Harry Potter streben die Todesser nach demselben wie Lord Voldemort: Macht. Und das ist egozentrisch. Mitläufer sind keine Freunde. Sie erhoffen sich nur den eigenen Vorteil – oftmals aus Angst vor dem eigenen Nachteil. Als Freund bin ich gerade dazu aufgefordert, auch mal die Wahrheit zu sagen, mich quer zu stellen und den anderen um seiner selbst willen davor zu bewahren, sich im Egozentrismus zu verkriechen und Menschen zu verzwecken.

Vielen Dank für das Gespräch.

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