Niklas und Pauline Hötte sind im Advent jeden Tag in der Kirche. Meist für zwei oder drei Stunden. Die Geschwister sind Teil des Teams, das einen besonderen Krippenweg zu Beginn der Adventszeit in St. Elisabeth Lippstadt aufgebaut hat.
Ich treffe die beiden an einem Donnerstagabend im Advent. Draußen ist es dunkel. Die Kirche wird durch einige lilafarbene Strahler im Altarraum und entlang der Säulen des Kirchenraumes indirekt illuminiert.
Niklas und Pauline erzählen, dass sie – wie heute – jeden Tag im Advent nach Feierabend hier sind. Sie empfangen Besucherinnen und Besucher und nehmen sich Zeit, sich von den Szenen dieses Projektes selbst berühren zu lassen. Denn: Dieser Krippenweg erzählt nicht nur die Geschichte Jesu, sondern auch viel über uns heute.
Acht Stationen hat der Krippenweg. Und zugegeben: Den Holzfiguren, Palmen und Häuser sieht man an, dass sie selbstgemacht sind. Manche Szenen haben eine eher kindliche Ausstrahlung.
Zwischendurch denke ich: Da habe ich schon schönere Krippen gesehen.
Aber: Sollte man eine Krippe überhaupt wie eine Sehenswürdigkeit anschauen? Bewerten, wie schön sie ist?
Muss man eine Krippe nicht fühlen? Mit dem Herzen anschauen?
Wenn ich die Szenen auf mich wirken lasse, erlebe ich, wie eine junge Frau unerwartet eine große Ehre und Aufgabe erhält.
Wie sie zu ihrer Cousine eilt und dort erlebt, wie gut es tut, sich mit jemandem auszutauschen, dem es so ähnlich geht.
Dann spüre ich, wie diese besondere Familie unterwegs ist. Abgewiesen wird. Ihren Platz findet.
Dass Glück nicht Luxus bedeutet. Sondern darin, dass man einander hat.
Ich frage mich: Welche Szene berührt die Geschwister Niklas und Pauline besonders? Schließlich sind sie jeden Tag hier und können immer wieder in die Welt der Figuren eintauchen.
Paulines Favorit ist die Geburt. Eine glückliche Familie inmitten von Trubel und unsicheren Zeiten. Das berührt sie. Ihr Bruder Niklas wird besonders von den Hirten an der Krippe angesprochen. Er sagt: „Der Engel zieht die Hirten aus ihrer gewohnten Umgebung heraus. Sie gehen zur Krippe, wissen aber nicht, was da passiert.“
So hat sich Niklas auch gefühlt, als er vor sechs Jahren einen Anruf bekam. Der Verwaltungsleiter des Pastoralen Raums Lippstadt war dran. Er sagte zu Niklas, dass sie einen Küster für St. Elisabeth suchen. „Für länger.“ Als Küster ist er für die Vor- und Nachbereitung der Gottesdienste zuständig, dass in der Kirche alles in Ordnung ist.
Niklas erzählt: „Damals war ich schon Messdiener in St. Elisabeth und habe in Cappel geküstert. Ungefähr wusste ich natürlich, was passiert. Aber schaffe ich das?“
Er sagt zu. Im Januar 2020 fängt er an. Weil der Hausmeister gekündigt hat, liegt noch mehr in seiner Verantwortung als gedacht: Weihnachtsbaum und Krippe abbauen, schauen, ob noch genug Kerzen und Hostien auf Lager sind, Blumenschmuck und vieles mehr.
Niklas lernt, mit der Verantwortung umzugehen. Auch mit Konflikten. Beispielsweise mit dem Pastor, oder Kritik aus der Gemeinde für seinen Blumenschmuck. Er lernt in der Aufgabe, seinen Weg zu gehen. So wie die biblischen Gestalten, die der Krippenweg zeigt.
»Der Engel zieht die Hirten aus ihrer gewohnten Umgebung heraus. Sie gehen zur Krippe, wissen aber nicht, was da passiert.«
Niklas Hötte
An Weihnachten ist die Weihnachtsgeschichte schnell erzählt. Das Evangelium in der Christmette dauert nicht einmal zwei Minuten. Doch der Krippenweg in St. Elisabeth Lippstadt zeigt mir: Weihnachten besteht aus so vielen Szenen. So vielen Menschen. So vielen Perspektiven.
Weihnachten beginnt neun Monate vorher mit der Verkündigung. Und endet beim Krippenweg in St. Elisabeth Lippstadt mit einer Flucht. Der Flucht nach Ägypten. Eine Szene, die eigentlich alles andere verkörpert, als wonach ich mich an Weihnachten sehne: Geborgenheit, Ruhe, menschliche Nähe. Maria und Josef müssen mit Jesus fliehen. Kein sicheres Umfeld, keine Familie und Freunde um sich herum.
Irgendwie muss ich bei dieser Szene an Fußballstars denken, die auch nicht mehr „normal“ vor die Tür gehen können. Ohne erkannt zu werden. An Politiker, Bischöfe und Stars, die wegen ihrer beruflichen Rolle besonders, aber eben nicht „normal“ leben.
Und gleichzeitig kenne ich das Gefühl sehr gut, dass ich auch „besonders“ sein möchte. Ich will derjenige sein, der in meiner Mannschaft am meisten Tore schießt. Der im Studium glänzt, weil er alles kann. Wollen wir nicht alle auf eine gewisse Art und Weise besonders sein?
Klar ist: Besonders sein hat Konsequenzen. Wer im Mittelpunkt steht, verliert ein Stück Normalität. Die Folgen sind positiv und negativ: Lob, Jubel, Chancen und besondere Herausforderungen. Erwartungen, die man erfüllen möchte oder muss. Man wird beobachtet, kritisiert oder angefeindet.
Das lerne ich an diesem Abend im Advent durch den Krippenweg in St. Elisabeth Lippstadt. Es ist eine neue Facette von Weihnachten, die den Advent und das Fest bei mir begleiten wird.