DJ Faith beim Louder Than Before 2021 in Paderborn
06.09.2021

Konzert

Party im Namen des Herrn

Das Paderborner Festival christlicher Popularmusik als Selbstversuch

von Cornelius Stiegemann

Schon zum vierten Mal: Das Festival „Louder Than Before“ gilt mittlerweile als feste Größe der christlichen Musikwelt im Erzbistum Paderborn. Doch unser Autor hatte bisher noch nie davon gehört – höchste Zeit, für einen Selbstversuch!

„Am 4. September ist das „Louder Than Before“-Festival. Wir brauchen jemanden, der von vor Ort berichtet. Cornelius, mach du das doch mal!“ So lautet der Auftrag, der Mitte August an mich ergeht. Das Festival für christliche Rock- und Popmusik, das in diesem Jahr im Dekanat Paderborn stattfindet, geht in die vierte Runde – und ausgerechnet ich soll darüber schreiben.

Damit will ich keinesfalls sagen, dass ich etwas gegen christlichen Rock und Pop hätte. Ich habe nur einfach kaum Ahnung davon. Denn was christliche Musik angeht, gehöre ich eher der Klassik-Fraktion an. Mein absolutes Lieblingskirchenlied ist „O Heiland, reiß die Himmel auf“ von Friedrich Spee von Langenfeld aus dem 17. Jahrhundert. Nun gilt es fast 400 Jahre zu überbrücken und sich auf‘s Abenteuer „christliche Popularmusik“ einzulassen. Doch was ist das überhaupt? Den Begriff „Lobpreis“ habe ich natürlich schon einmal gehört. Und Gottes Größe und Güte rühmen ja auch die klassischen Kirchenlieder, das ist wichtiger Bestandteil christlicher Musik. Doch nach einer kurzen Worship-Googlesuche frage ich mich: Ist das nicht alles ein bisschen zu positiv?

Caspar Beule alias "Hertzcaspar" auf der Bühne des Louder Than Before 2021

»Das Leben ist nicht nur Lobpreis.«

Caspar Beule
tritt als Singer-/Songwriter "Hertzcaspar" auf

Caspar Beule denkt da ähnlich. So, wie ich zum ersten Mal vor der „Louder Than Before“-Bühne stehen werde, steht er zum ersten Mal drauf, und zwar als Opener. Vor dem Auftritt sagt er mir: „Das Leben ist nicht nur Lobpreis.“ Und deshalb müsse auch christliche Popmusik das ganze Spektrum abdecken. Als „Hertzcaspar“ singt der junge Mann aus Unna dann auch von Zweifeln und klagt über das Gefühl des Eingesperrt-Seins im Pandemie-Winter. Es geht darum, wie schwer es ist, keine Angst mehr zu haben. Doch Beule gibt seinem Publikum am Ende doch immer einen Schimmer Hoffnung mit, lässt uns also quasi den Wegweiser auf dem Weg ins Glück sehen.


Er sei „ein Singer-/Songwriter, wie alle anderen auch“, sagt er und meint damit, dass es in seinen Texten vor allem um seine eigenen Gedanken geht. Die drehen sich auch um Gott und Glaube, weil das einfach ein wichtiger Teil seiner Identität sei. Aber er wolle nicht missionieren oder einfach Bibelworte mit Pop-Akkorden unterlegen. Das spiegelt sich übrigens auch in der Sprache seiner Texte. Worte wie „Herr“ und „Gott“ verwendet er gar nicht, stattdessen spricht er sein Gegenüber ganz direkt mit „Du“ an. In seiner Musik sollen sich alle Menschen wiederfinden können. Er wolle Menschen höchstens „anregen, sich selbst mit dem Thema Glaube zu beschäftigen“. Das könne man als Singer-/Songwriter besser ausdrücken, da die Zuhörer bei dieser Musikform eher auf die Texte achteten.

Louder Than Before 2021

Sommergartenparty-Vibes

Seine Zuhörerinnen und Zuhörer im Garten des Konrad-Martin-Hauses überraschen mich übrigens. Denn das Publikum ist deutlich vielfältiger, als ich gedacht hatte. Hier sitzen Mütter mit Grundschulkindern neben älteren Ehepaaren auf Bierbänken, während Teenager in YOUPAX-Liegestühlen loungen. Junge Erwachsene stehen in Grüppchen herum und quatschen. Im Vorbeigehen schnappe ich Gesprächsfetzen auf, es wird von Besuchen der früheren „Louder Than Before“-Festivals erzählt. Die Veranstaltung hat anscheinend eine Fangemeinde. Was der größte Unterschied zu den vorangegangenen Veranstaltungen sein dürfte: Das Festival findet zum ersten Mal Open-Air statt. Sonnenstrahlen fallen durch die Blätter der mächtigen Platanen und wenn der Wind günstig steht, riecht es nach Bratwurst und vegetarischem Grillgut. Nahezu die perfekte Gartenparty-Atmosphäre, fehlen nur noch die Lampions.

Im Backstagebereich höre ich ein „Noch ein kurzes Gebet vor dem Auftritt“, kurze Zeit später stehen Daniela May und ihre Band auf der Bühne. Sie liefern uns eine neue Definition von Spontaneität: Um zehn Uhr morgens desselben Tages hatten sie zugesagt, anstelle der krankheitsbedingt ausgefallenen Band „Lupid“ aufzutreten. Daniela May bringt eine Mischung aus eigenen Texten und Lobpreis-Klassikern zu Gehör. Ich kenne keinen einzigen Song, aber das macht nichts. Denn die Lieder sind ja bewusst so eingängig, dass man mindestens im Takt Mitklatschen kann.

Daniela May und Band beim Louder Than Before 2021

»Mein ganzes Leben soll sich
wie ein Strudel um Dich drehen.«

Daniela May


Anders als bei „Hertzcaspar“ spricht Daniela May ihn direkt an: ihren Gott, Herrn und Meister. Und sie beendet Lieder, die ihr besonders wichtig sind, mit einem „Amen“. Das ist für Lobpreislieder wohl typisch. Meine Angst vor allzu positivem Heile-Welt-Gesang bestätigt sich allerdings nicht.

Selbstverständlich sind Hymnen dabei, es geht um das Gefühl, sich von Gott geliebt zu wissen. „Mein ganzes Leben soll sich wie ein Strudel um Dich drehen“, singt May. Doch sie ruft auch dazu auf, in einer schnellen Welt Pausen einzulegen oder sie erteilt dem Perfektionismus in Sozialen Medien singend eine Absage. Ganz reale, menschliche Probleme erden das Programm. Die Mischung ist stimmig. Und als sie am Ende noch von einer Gotteserfahrung erzählt, ist das nicht kitschig, sondern bewegend.


Daniela May und Band beim Louder Than Before 2021

Eine Message, die guttut

Bewegung ist beim letzten Act des Abends auch ein großes Thema, allerdings auf ganz andere Art. Die Sonne versinkt hinter der Stadtbibliothek, da legt „DJ Faith“ aus Stuttgart auf – und verwandelt die Gartenfeier im Handumdrehen in eine waschechte Party! Er stehe auf der Bühne, sagt der DJ, weil er glaube, „dass es keiner besser macht als unser himmlischer Vater“. Und unterlegt seine Worte mit ABBAs „Gimme, gimme, gimme“.


Dass das Lied kein dezidiert christliches ist, weiß „DJ Faith“ natürlich selbst. Aber sein erklärtes Ziel ist, radiotaugliche Musik mit christlicher Botschaft zu verbinden. In seinen Impulsen, die er über die Songs spricht, geht es um Freundschaft, Zusammenhalt, Hoffnung, was seinem Lockdown-geprüftem Publikum merklich guttut. Die 100 Festivalbesucher tanzen – coronakonform! – die ganze Zeit durch. Auch mich hält nichts auf meiner Bierbank. Wer schafft es schon, bei Johnny Denvers „Country Roads“ nicht mitzusingen?

Vom Domturm tönen Glockenschläge herüber.
Punkt zehn Uhr endet das Festival. Ich muss sagen, dass es mir sehr gefallen hat, auch dass es Open-Air stattgefunden hat. Eine Teilnehmerin sagt mir begeistert: „Katholische Kirche kann auch cool.“ Und ich weiß jetzt: Christliche Popularmusik, das ist vielfältig, vielschichtig und macht echt Spaß. „O Heiland, reiß die Himmel auf“ wird definitiv mein absolutes Lieblingskirchenlied bleiben, aber die Tickets für das „Louder Than Before“-Wochenende nächstes Jahr in Hardehausen sind quasi schon gekauft!

Louder Than Before 2021

Mix