Maennlichkeit
25.11.2017

Body + Soul

"Und auch er aß"

Wie Männlichkeit sich entwickelt und beeinflusst wird

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Von Tobias Schulte

Männer essen, was auf den Tisch kommt – und zeigen damit die größte Tölpelhaftigkeit aller Zeiten. Zumindest, wenn es nach der Bibel geht. Wer sich heutzutage damit auseinandersetzt, was männlich ist, wie sich das verändert und wodurch es beeinflusst wird, für den lohnt sich zunächst ein Blick in die Bibel. Auf der Suche nach dem, was Männer ausmacht, stößt man dort sofort auf die Schöpfungsgeschichte. Im Garten Eden unterhält sich Eva charmant mit der Schlange. Adam steht blöd daneben, er hält sich komplett raus.

Adam nimmt den Apfel von Eva
Adam nimmt den Apfel von Eva

„Sie gab auch ihrem Mann, und auch er aß.“ Gott stellt Adam zur Rede, dieser schiebt die Schuld auf Eva. „Die Frau, die du mir beigesellt hast, hat mir von dem Baum gegeben. So habe ich gegessen“.

NACH GENESIS 3

Für den Dortmunder Theologie Professor Thomas Ruster ist es eindeutig: „Den Sündenfall hat Adam aus bloßer Tölpelhaftigkeit verursacht, ohne nachzudenken“. Nach dem Sündenfall sei die Bibel laut Ruster voll von überwiegend gewalttätigen, herrschsüchtigen Männern: Kain erschlägt seinen Bruder Abel. Die Söhne Jakobs, immerhin die Stammväter Israels, metzeln alle Einwohner von Sichem nieder (Gen 34, 25) und so weiter.

„Die hervorstechenden Merkmale der Männer sind Gewalttätigkeit, Herrschsucht, sexuelle Übergriffigkeit und Gefühlslosigkeit“, fasst Theologe Ruster zusammen. Seiner Meinung nach habe sich das bis heute nur wenig verändert. Andererseits beschäftigen sich Männer heutzutage immer mehr mit Fragen, die früher noch Frauensache waren. Wie kleide ich mich? Wie lasse ich meine Haare auf dem Kopf und am Körper wachsen? Frauen verdrängen Männer aus Führungspositionen und Männer arbeiten in Erziehungsberufen. Da können Männer schnell mal die Orientierung verlieren und an der eigenen Männlichkeit zweifeln.

Deshalb haben wir Michael Meuser, Soziologieprofessor an der TU Dortmund interviewet. Er spricht darüber, was heute als männlich gilt, wer das überhaupt beeinflusst und wie sich das in den nächsten Jahren ändern kann.

Der Platzhirsch - typisch männlich?
Der Platzhirsch - typisch männlich?
Michael Meuser von der TU Dortmund spricht mit YOUPAX über Rollenbilder
Michael Meuser von der TU Dortmund spricht mit YOUPAX über Rollenbilder
Das Symbolbild

»Wann ist der Mann ein Mann?«

Herbert Grönemeyer, "Männer"

Das Portemonnaie in der Hosentasche

»This is a man's world«

James Brown

Der Sündenfall
Der Sündenfall

Was ist Männlichkeit?

Michael Meuser: Das ist abhängig von den Lebensphasen und Lebensumständen, in denen man sich befindet. In einem Projekt haben ich und mein Forschungsteam Männern die Frage gestellt, was es bedeutet, Mann zu sein. Bei den Anfang 20-Jährigen war die Beziehung zu Frauen, die Sexualität, das wichtigste Thema.

Für Männer, die in einer langfristigen Beziehung leben und eine Familie gegründet haben, steht die Erwerbstätigkeit im Zentrum des männlichen Selbstverständnisses. Männer, die im Übergang zum Ruhestand sind, müssen sich erst mal ganz neu orientieren. Denn wenn Männlichkeit stark an beruflichen Erfolg geknüpft wird, fällt mit dem Ende der Berufstätigkeit die Grundlage des bisherigen männlichen Selbstverständnisses weg.

Ist die Rolle des Ernährers immer noch so präsent?

Meuser: In wissenschaftlichen Interviews mit Paaren hat sich gezeigt, dass die Erwartungshaltung, dass der Mann in der Lage sein sollte, die Familie zu ernähren, immer noch eine starke Verbreitung hat.

Und das, obwohl in der Mehrzahl der Familien ein Gehalt nicht mehr ausreicht.Faktisch hat die Position des männlichen Alleinernährers starkan Verbreitung verloren, aber als Erwartungshaltung spielt sie nach wie vor eine bedeutende Rolle. Daneben beteiligen sich die Männer immer öfter an der Erziehung.

Sie sagten, dass gerade bei jungen Männern die Beziehung zu Frauen ein wichtiger Aspekt der Männlichkeit ist. Vor welchen Herausforderungen stehen junge Männer?

Meuser: Junge Männer nehmen wahr, dass von ihnen erwartet wird, dass sie auf die Frauen zugehen, den ersten Schritt machen sollen. Das verspüren viele Männer als Last und sind sich unsicher. Kulturell hat das Bild des Mannes als Verführer eine lange Tradition, wie sich u.a. in der europäischen Literatur zeigt. Zusammen mit dem Bild der weiblichen Reinheit wirkt es trotz aller Veränderungen in den Geschlechterverhältnissen noch nach.

In einer Gruppendiskussion mit jungen Studierenden war der Tenor: Geht eine junge Frau offen auf Männer zu und hat viele Sexualkontakte, gilt sie eher als „Schlampe“. Wenn ein junger Mann viele Sexualkontakte hat, gilt er eher als „toller Hecht“. 

Wie wird denn überhaupt beeinflusst, was als männlich gilt und was nicht?

Meuser: Das hängt zusammen mit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen. Auch soziale Bewegungen verändern das Bild von Männlichkeit. Die Frauenbewegung hat vieles infrage gestellt, weshalb sich Männer neu orientiert haben. Man muss also immer sehen, wie sich Gesellschaft insgesamt entwickelt und wie sich dadurch die Erwartungen an Männer und Frauen verändern.

Wie entwickelt sich denn Gesellschaft momentan?

Meuser: Aktuell spricht man von der Individualisierung. Die bindende Kraft von traditionellen Vorgaben wird schwächer, die Optionen der Lebensgestaltung werden vielfältiger. In der gegenwärtigen Gesellschaft gewinnt die vorteilhafte Selbstpräsentation immer stärker an Gewicht. In diesem Zusammenhang ist es zu beobachten, dass die legitimen Ausdrucksformen von Männlichkeit breiter geworden sind.

Ein Beispiel ist die Präsentation des männlichen Körpers. Männer verwenden Kosmetika und entfernen ihre Körperbehaarung. Diese Körperpraktiken werden als völlig kompatibel mit Männlichkeit gesehen und nicht etwa als Form der Verweiblichung.

Welche Tabus könnten in Zukunft noch infrage gestellt werden?

Meuser: Gegenwärtig ist der Anteil von Männern in Kindergärten und Grundschulen stark in der Diskussion. Dort machen sie einen Anteil der Arbeitskräfte von vier bis zehn Prozent aus. In diesen Berufsfeldern sehe ich aber wenig Veränderung eintreten.

Einerseits ist das Gehalt vergleichsweise gering, weshalb da wieder das Selbstverständnis, eine Familie zu versorgen, ins Spiel kommt. Andererseits wird die Befassung mit kleinen Kindern in unserer Gesellschaft stark mit Weiblichkeit assoziiert. Wenn Männer in solche Berufe gehen, wird oftmals gefragt: Ist das eigentlich ein richtiger Mann?

Andersherum erhalten Frauen, die zum Beispiel in einen handwerklichen Beruf gehen, Lob und Respekt...

Meuser: Genau. Denn dazu kommt, dass überwiegend von Männern ausgeübte Berufe ein höheres Prestige haben als überwiegend von Frauen ausgeübte Berufe. Traditionelle Frauenberufe sind oft keine Prestigeberufe, was auch mit der Höhe des Gehalts korrespondiert. Das macht es verständlich, dass der Schritt von Frauen in einen Männerberuf anders wahrgenommen wird, als wenn ein Mann in einen Frauenberuf geht.

Sind die neuen Herausforderungen an Männlichkeit auch ein Faktor, warum sich Ehepartner immer öfter scheiden lassen?

Meuser: Das Zusammenleben ist heute stärker auf emotionale Zuneigung als auf ökonomische Abhängigkeit hin ausgerichtet. Heutzutage sind die Frauen öfter erwerbstätig und eigenständig ökonomisch abgesichert. Wenn die emotionale Zuneigung nach Jahren nachlässt, können sich viele Frauen heute leichter scheiden lassen, weil ihre ökonomische Existenz nicht mehr fraglich ist.

Die Individualisierung schwächt also traditionelle Vorgaben unserer Gesellschaft immer weiter ab – auch die gesellschaftlichen Vorgaben, was als männlich gilt. Die Optionen, wie jeder Einzelne sein Leben gestalten kann, werden größer. Immer mehr wird akzeptiert. Das führt dazu, dass Menschen mit einem eher schwachen Charakter auch immer mehr Möglichkeiten erhalten, an sich zu zweifeln.

„Selig der Mann, der sein Gefallen hat an der Weisung des Herrn, bei Tag und Nacht über seine Weisung nachdenkt. Er ist wie ein Baum, gepflanzt an Bächen voll Wasser…“

PSALM 1

Halt kann da auch der Glaube an Gott geben, denn Gott hat uns erschaffen und liebt uns so, wie wir sind. Selbst dann noch, wenn wir uns mal so dämlich verhalten, wie die Männer in der Bibel. Denn die Heilige Schrift enthält eine Art Umerziehungsprogramm. In Psalm 1 heißt es: „Selig der Mann, der […] sein Gefallen hat an der Weisung des Herrn, bei Tag und Nacht über seine Weisung nachdenkt. Er ist wie ein Baum, gepflanzt an Bächen voll Wasser…“. Der Weg, den die Bibel Männern empfiehlt ist also: Über die Weisung des Herrn nachdenken. Du kannst dich immer wieder fragen, was Gottes Plan für dein Leben ist. Das Evangelium lesen und die die Bibelstellen auf dein Leben beziehen. Dich fragen, welche deiner Stärken du in der Kirche und der Gesellschaft einbringen kannst. Dann wirst du selig.   

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