Protest geht auch im Kirchenlied
Protest geht auch im Kirchenlied
15.05.2020

Exklusiv

Protestsong - Maria, Maienkönigin

In einigen Marienliedern steckt mehr als man denkt…

test
von Maike C. Kammüller

Pass auf, was du singst! Es könnte sich eine geheime Botschaft darin verstecken. Kirchenlieder wurden zensiert oder umgedichtet, wenn der Text den Machthabern nicht in den Kram passte. Das gilt auch für ein Lied, das wir im Marienmonat Mai bei Marienandachten singen: Maria, Maienkönigin. Das Lied stammt von Guido Görres, wurde 1842 veröffentlicht und steht im Gotteslob. Klingt harmlos, ist es aber nicht!

Guido Görres (*1805 - †1852) war ein katholischer Lieddichter und Publizist. Guido Görres gehörte dem politischen Katholizismus an und verfasste zahlreiche geistliche Lieder.

Warum soll ein Marienlied ein politischer Protestsong sein?

Ganz einfach: Weil in einem Text immer Infos transportiert werden, die das Weltbild des Autors zeigen. Glaube ich an Gott? Welcher Religion fühle ich mich verbunden? Halte ich die aktuelle Politik für richtig? Nun überlegt, was mit Menschen passiert ist, die früher nicht dieselbe Meinung oder Religion wie die Landesherrscher hatten.

Schauen wir in die Zeit der Aufklärung und der napoleonischen Kriege. Viele Klöster wurden aufgelöst und bekamen weltliche Besitzer. Ein großer Teil alter katholischer Traditionen waren verboten worden und hinterließen in Deutschland eine geschwächte und dezimierte katholische Gemeinschaft. Dies erforderte eine Neuorientierung der katholischen Kirche auch gegen die protestantischen Preußen, die eine Vormachtstellung im Deutschen Bund gewonnen hatten. Anfang des 19. Jahrhunderts mussten die deutschen Katholiken ihre religiösen Traditionen neu behaupten lernen und entwickelten ein eigenes geschlossenes kulturelles System. In dieser Zeit entstand eine Vielzahl neuer religiöser Lieder, die bei näherem Hinsehen, die katholische „Seele“ stärken sollten, gegen allerlei Feinde wie dem Protestantismus und der Moderne. Noch heute lernen wir aus den Liedern, die wir im Gottesdienst singen, wie Bibeltexte theologisch verstanden werden. Die Lieder im Gotteslob sind konform mit der offiziellen Glaubenslehre der katholischen Kirche.

Zur Stärkung der katholischen Identität wurde auch „Maria, Maienkönigin“ gedichtet. Es möchte den neu aufkommenden Marienkult unterstützen! Die Betonung liegt auf katholisch, denn die Protestanten kennen diese Form der Marienverehrung nicht. So ergab sich die Möglichkeit, ein Erkennungsmerkmal der Katholiken neu zu installieren. Um dieses Ziel erreichen zu können, bedienen sich Religionen seit eh und je passend neugetexteter Lieder und Gebete.

Protest kann sich in einem Text offen oder versteckt äußern
Protest kann sich in einem Text offen oder versteckt äußern
Was ist richtig und was falsch?
Was ist richtig und was falsch?

Lieder vermitteln eine Weltanschaung

Versetzen wir uns noch näher in diese Zeit: Damals gingen die Päpste Leo XII., Pius VIII. und Gregor XVI. gegen jegliche Form von Religionskritik und Fortschritt vor. Sie formulierten die Maxime: Nicht mehr das Individuum, das Ideal des aufgeklärten Menschen zählt, sondern der demütig Glaubende, die Gemeinschaft der praktizierenden Katholiken. Der rechte Glauben, der Katholizismus, sollte bewahrt und verteidigt werden gegen Anfeindungen und Beschränkungen von außen. Damit gewinnt das Lied einen politisch-ideologischen Charakter. Sehen wir uns den Text an, dann entfalten sich in dem scheinbar harmlosen Marientext einige ungeahnte Anspielungen.

Er beginnt folgendermaßen: „Maria, Maienkönigin! Dich will der Mai begrüßen / o segne ihn mit holdem Sinn / und uns zu deinen Füßen“. Wunderbar süß und sanft, betörend und behütend klingt der Text. Maria ist eine Blumenkönigin! Eine Majestät, die sanft auf ihre Kinder herabblicken soll. Sie soll die Blumen in den Herzen aller wachsen und blühen lassen: „O lass die Blumen um und um / in allen Herzen sprossen / und mache sie zum Heiligtum, / drin sich der Mai erschlossen“.

Weiter: „Die Seelen kalt und glaubensarm, / die mit Verzweiflung ringen, / o mach sie hell und liebeswarm, / damit sie freudig singen“. Dies ist der entscheidende Punkt des Liedes. Mit den kalten Seelen sind diejenigen gemeint, die nicht an Maria glauben, die nicht der katholischen Kirche angehören und deshalb „glaubensarm“ sind. Maria scheint einen Ausweg zu kennen, wenn sie dem Wunsch des lyrischen Wirs entsprechend, die Seelen hell machen kann. An dieser Stelle trifft auf den Text eine jubelnde Melodie, die das jubelnde Singen melodisch ausmalt. Die Melodie stärkt den Text, macht ihn eingängig und betont den frommen Wunsch, dass alle Seelen erhellt werden mögen. Klingt doch ganz harmlos, oder? Die süßliche Maria wird als Abgrenzung gegen die „falschen Religionen“ ohne Marienkult positioniert. In einer Zeit, in der es gefährlich war, offen politisch-religiöse Stellung zu beziehen, ist das Sprengstoff, den jeder Sänger sofort versteht. Und wem gefällt es schon gesagt zu bekommen, er besitze die falsche Religion. Ist das okay?

Es gibt zahlreiche Liedvarianten
Es gibt zahlreiche Liedvarianten

Noch heute findet sich dieses Lied in den Eigenteilen der Erzbistümer im Gotteslob in unterschiedlichen Fassungen. Wenn ihr den Paderborner Liedanhang aufschlagt, so findet ihr eine Liedvariante, die für die Neuauflage des Gotteslobs (2) von 2013 einen stark umgedichteten Liedtext enthält. Dieser ist theologisch bearbeitet und zeigt eine pädagogisch-aufklärende Variante der Marienverehrung. Maria wird zurückgebunden in ihrem Sein an Jesus Christus. „Maria, Jungfrau, auserwählt, / gesegnetste der Frauen, / durch dich kam Gottes Sohn zur Welt […] / Dir, Mutter, sind wir anvertraut / durch Jesu Wort im Leiden. / Zeig allen, die dein Bild geschaut, / den Trost der ewgen Freuden“.

In dieser Neudichtung gibt es keine autonome Maria mehr, sondern eine von Gott auserwählte Frau, die erst durch diesen Akt zur Helferin der Menschen werden konnte. Maria preist mit ihrem Magnifikat Gottes Größe. Diesem Lobpreis schließt sich nun der Sänger mittelbar an: „Du Frau, die Gottes Größe preist, / uns deinen Glauben lehre“.

Wie viel Kitsch verträgt die Gottesmutter?
Wie viel Kitsch verträgt die Gottesmutter?

Es ist spannend zu sehen, wie viele Liedtexte für das Gotteslob umgedichtet wurden, damit sie den aktuellen Auslegungen der katholischen Glaubenslehre entsprechen. Auch das ist theopolitisch. Ein süßlicher Madonnenkult, der Maria wie eine Göttin verehrt, ist theologisch falsch. Das ist keine Zensur, aber Politik. Denn in einem Text wird immer Wissen vermittelt: egal ob im Schulbuchtext oder Liedtext. Das ist nicht uninteressant, denn die meisten Lieder im Gotteslob erscheinen uns alt und tradiert. Das stimmt nicht ganz. Viele der heute beliebten Kirchenlieder sind im 19. Jahrhundert entstanden, wurden etliche Male umgedichtet, bis es 1975 das erste einheitliche Gesangbuch für Katholiken in Deutschland gab. Wir gehören wohl alle zu einer Generation, die nur das Gotteslob kennt. Es gibt aber erst seit fast 50 Jahren für Katholiken ein gemeinsames Gesangbuch! Wer hätte das gedacht?

»Nachdenken erlaubt«

Ich weiß nicht, wie ihr zu den Liedern im Gotteslob steht. Aber eines kann ich euch versichern. Wenn man sich die Zeit nimmt, sich mit Text und Melodie näher zu beschäftigen, kommt man zu überraschenden Erkenntnissen. Sie sind nicht langweilig. Meistens erzählen sie eine Geschichte auf zwei Ebenen. Eine Entstehungsgeschichte und eine Geschichte innerhalb des Textes. Falls ihr in einer Maiandacht „Maria, Maienkönigin“ singt, überlegt mal, wie ihr das Lied wahrnehmt. Ein Lied zu singen und darüber nachzudenken, das sind zwei Paar Stiefel.

Mix