Der Name der Jungfrau war Maria. (Lk 1,26)
Der Name der Jungfrau war Maria. (Lk 1,26)
01.05.2020

Perspektive

Maria - Who´s that girl?

Maria aus jüdischer, christlicher und muslimischer Perspektive

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Von Miriam Pawlak

Der Mai gilt im Christentum als Marienmonat. Dort, wo es möglich ist, werden Maiandachten gehalten, Rosenkränze gebetet und Marienlieder gesungen. Aber: Wer ist diese Frau eigentlich, die so verehrt wird?

Mirjam, Maria, Maryam – das sind alles Namen für ein und dieselbe Frau, die unterschiedliche Bedeutungen in den drei abrahamitischen Religionen hat. Eines ist klar: Sie ist in allen drei Religionen eine außergewöhnlich starke Persönlichkeit. Wir haben kaum Zeugnisse über Maria. Die historischen Quellen sind dürftig. Über ihr Leben können wir kaum Aussagen machen. Daher fällt mein erster Blick natürlich in die Bibel.
 

Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. (Lk 1,38)
Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. (Lk 1,38)

Judentum - fromme Frau

Der Evangelist Lukas zeichnet das Bild einer jungen Frau aus Nazaret mit prophetischer Kraft, wie es in dem wunderschönen und zugleich politisch explosiven Text zum Ausdruck kommt: dem Magnificat.
Maria war eine fromme Jüdin, die sich dem jüdischen Gesetz verpflichtet wusste. Sie wird in der Bibel als weder frommer noch klüger als andere Frauen dargestellt. Sie war versprochen an Josef, das heißt im heiratsfähigen Alter von ca. zwölfeinhalb Jahren.
Da der soziale Status einer Frau von ihrem Vater und später von ihrem Mann abhing, war sie abhängig. Maria, so erzählen es auch jüdische Quellen, wird Mutter. Als Tochter Israels ist es ihre Aufgabe, den Fortbestand der Familie zu sichern – da unterscheidet sie sich nicht von anderen Mädchen ihres Alters. Sie wird als Jungfrau beschrieben, die dank Josef, der sie nicht wegen des unehelichen Kindes verlässt, unter seinem Schutz bleibt.

Christentum - Mutter Jesu

In der Kindheitserzählung Jesu (Lk 1-2) nimmt Maria, hebr. Mirjam, eine Hauptrolle ein, die sie zum Glaubensvorbild macht. Gott erfüllt sein Werk mit ihr, denn ihr entschiedenes Ja zu dem Kind, der Sohn Gottes ist, erlöst die Welt.

Nach dem Markusevangelium hat sie noch vier weitere Söhne und mehrere Töchter. Oder handelt es sich dabei doch nur um Kinder der einen Familie Gottes und nicht um echte Verwandtschaft? Ganz schön tricky. Dort, wo Texte Lücken aufweisen, wird viel hineininterpretiert. Es gibt aber auch sichere Aussagen. Den bedeutendsten Moment scheint Lukas darzustellen: Im Magnificat zeigt sich Maria als dankbare Auserwählte Gottes. Sie erklärt aller Welt, dass Gott die Heilsgeschichte Israels fortschreibt. Er ist der Gott, der sich (auch heute noch) an die Seite der Schwachen und Kleinen stellt und die Hochmütigen vernichtet.

Da erfüllten sich die Tage, dass sie gebären sollte, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. (Lk 2,6f.)
Da erfüllten sich die Tage, dass sie gebären sollte, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. (Lk 2,6f.)

Magnificat (Lk 1,46-55)

Meine Seele preist die Größe des Herrn
und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.
Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.
Denn der Mächtige hat Großes an mir getan und sein Name ist heilig.
Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten.
Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.
Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.
Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen,
das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.

Maria wird in den Evangelien vor allem an den Schlüsselstellen der Lebensgeschichte Jesu erwähnt. Bis zum Tod am Kreuz begleitet sie den Weg ihres Sohnes. Sie hat sich dem Wort Gottes versprochen und sie bleibt ihm treu. Unter dem Kreuz wird sie zum Sinnbild des Glaubens – eine beliebte Szene, die Eingang in die Kunst gefunden hat.
Die christliche Traditionsgeschichte hat immer mehr Deutungen auf Maria projiziert, die ihr Bild mit legendarischen Zügen füllen und es so verzerren. Unzählige Ikonen, Marienlieder und -feste, die die Marienfrömmigkeit schmücken, finden auch heute noch Verehrung und prägen die Spiritualität vieler Menschen.

Ein Höhepunkt in der Kirchengeschichte Mariens ist sicherlich die Etablierung des christlichen Dogmas, (also der Lehraussage mit höchster Autorität, die es zu glauben gilt) Maria als die „Gottesgebärerin“ auf dem Konzil von Ephesus (431). Dieser Titel hat sich für immer in die Glaubenslehre der Kirche eingebrannt.

Ausschnitt Sure 19: Maryam (615-620 n.Chr.)

Und gedenke im Buch der Maria: Da sie sich vor ihren Leuten an einen Ort im Osten zurückzog und sich vor ihnen abschirmte.
Da sandten wir unseren Geist zu ihr. Der trat als Mensch, wohlgestaltet, vor sie hin.
Sie sprach: „Siehe, ich suche meine Zuflucht vor dir bei dem Erbarmer, sofern du gottesfürchtig bist.“
Er sprach: „Ich bin der Gesandte deines Herrn, um dir einen lauteren Knaben zu schenken!“
Sie sprach: „Wie soll ich einen Knaben bekommen, da mich noch kein Mann berührt hat und ich auch keine Dirne bin?“
Er sprach: „So spricht dein Herr: (Das ist für mich ein Leichtes.) Auf das wir ihn zu einem Zeichen machen für die Menschen und zu einer Barmherzigkeit von uns." Da wurde es beschlossene Sache. Sie wurde mit ihm schwanger und zog sich mit ihm zurück an einen weit entfernten Ort.

Islam - Ehrenfrau

 Maria ist aber nicht nur die jüdische Frau, die die Besonderheit des weiblichen Christentums verkörpert, sondern sie hat auch eine herausragende Rolle im Islam. Sie ist die einzige Frau, die im Koran mit Namen erwähnt wird.
Sie gilt als Erwählte Gottes, weil sie ehrfürchtig und demütig dem Willen Gottes folgt. Das ist eine besondere Auszeichnung. Maria wird als eine der vier besten Frauen, die je gelebt haben, angesehen und nimmt eine führende Rolle für alle Frauen im Paradies ein. Dass sie stark ist, wird im Koran auch daran festgemacht, dass sie alleinerziehend ist.
Ihr wird sogar eine eigene Sure zuteil, in der die Geburt ihres Sohnes wunderhaft geschildert wird. Zusammen mit ihrem Sohn ist sie das Zeichen für die Menschen, weil an ihr das riesige Herz Gottes, sein Handeln abgelesen werden kann.


Auch im Islam lebt die Geschichte Marias von dem Vertrauen, das sie ganz auf Gott setzt.

In allen drei Religionen lebt Maria für Gott. Sie hat vorgelebt und erlebt, was es heißt, sich auf Gott einzulassen und sich voll auf ihn zu verlassen, auch wenn das am Ende heißen kann: „und deine Seele wird ein Schwert durchdringen.“ (Lk 2,25)

Maria - jeder kennt sie, sie ist taff, willig und mutig. Vielleicht wissen wir nicht genau, wer sie wirklich war, aber wir wissen, was sie uns bedeutet. Findet ihr nicht auch, dass sie das zu einem Vorbild für ein Gespräch der Religionen macht?

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