03.07.2026
Body + Soul

Mehr als Worte

Seit meinem Schlaganfall denke ich anders über Sprache nach.
Früher war Sprache für mich selbstverständlich. Ich habe gesprochen, diskutiert, studiert, gebetet und geschrieben, ohne darüber nachzudenken. Worte waren einfach da.

von Katharina  Cesek

Schon vor meinem Schlaganfall habe ich Theologie studiert. 

In Vorlesungen sprechen wir über Gott, formulieren Glaubenssätze und ringen um die richtigen Begriffe. 

Nach dem Schlaganfall habe ich gelernt, wie zerbrechlich Worte sein können. Bis heute passiert es mir, dass ich einen Gedanken habe, ihn aber nicht sofort aussprechen kann. Die Wörter fehlen. Der Gedanke bleibt.

Vielleicht bin ich dadurch auch ruhiger geworden. Früher hätte ich sofort etwas gesagt. Heute höre ich oft erst einmal zu.

Ich erlebe auch das Antworten in der Heiligen Messe neu.
Früher habe ich die Antworten selbstverständlich mitgesprochen. Vor allem im Lobpreis habe ich aus voller Überzeugung mitgesungen und gebetet.
Nach dem Schlaganfall konnte ich das plötzlich nicht mehr.
Die Worte waren vertraut. Ich kannte sie auswendig. Und trotzdem blieben sie manchmal unerreichbar.

Ich konnte nicht antworten. Ich konnte nicht mitsingen. Ich konnte nicht laut beten. Und trotzdem war ich da. Und Gott war da.

Ich glaube, ich habe gelernt: Ein Gedanke ist oft größer als die Worte, mit denen wir ihn ausdrücken. Vielleicht gilt das auch für den Glauben.

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein schrieb: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“
Aber vielleicht zeigt der Glaube genau das Gegenteil. Dass es eine Wirklichkeit gibt, die größer ist als das, was wir sagen können.

Liebe. Hoffnung. Gnade. Ewigkeit.

Wir benutzen diese Worte ständig. Doch ich spüre, dass hinter ihnen mehr steckt als ihre Definition.
Auch Gott ist kein Begriff.
Gott ist keine Theorie, die man vollständig erklären könnte. Gott ist Beziehung. Vielleicht frage ich mich gerade deshalb: 

Können Worte Gott überhaupt erfassen?

Mose steht vor dem brennenden Dornbusch und findet keine passenden Worte. Die Propheten ringen um Sprache. Paulus schreibt, dass der Geist für uns mit „unaussprechlichen Seufzern“ eintritt. Der Glaube beginnt vielleicht nicht dort, wo wir alles sagen können.
Er beginnt dort, wo wir anerkennen, dass das Wichtigste oft größer ist als unsere Sprache.

Dort, wo keine Worte mehr bleiben.
Dort, wo ein Gebet nur noch ein Seufzen ist.

Vielleicht beginnt Gebet manchmal genau dort, wo unsere Worte enden.

Zum Hintergrund: Dieser Text ist über einen längeren Zeitraum entstanden. Ich habe in Logopädie-Stunden daran gearbeitet. Bei einigen Formulierungen hat die KI geholfen.

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