Die Gemeinschaft von Taizé
17.04.2024
Faszination

Menschlichkeit in Taizé erfahren

Wie Taizé für Laura Hennecke ein Herzensort geworden ist

von Theresa Oesselke

In einem kleinen Dorf im Osten von Frankreich liegt die Gemeinschaft Taizé. Ein Ort, der jährlich tausende Jugendliche aus aller Welt anzieht. Eine dieser Jugendlichen ist auch Laura Hennecke. Für sie ist Taizé ein Herzensort geworden, der ihr Leben und ihren Glauben bis heute prägt.

Laura Hennecke (23)

Der erste Eindruck

Im Herbst 2016 kommt Laura das erste Mal mit einer Jugendfahrt ihrer Gemeinde nach Taizé. Viel gehört hatte sie von diesem Ort zuvor noch nicht. Daher fährt Laura auch ohne große Erwartungen nach Frankreich – offen für ein Abenteuer und neue Erfahrungen. In Taizé angekommen erlebt sie eine sehr durchstrukturierte Woche: Gebete morgens, mittags und abends, Bibeleinführung und Mitarbeit. Laura erzählt, dass es in Taizé nur sehr wenige Angestellte gibt, im Sommer aber teilweise 4000 Besucher. Und es funktioniere trotzdem: Weil jeder der Jugendlichen einen kleinen Job übernimmt. Ob Essensausgabe, Zelte aufbauen oder Toiletten putzen – in Gemeinschaft macht alles Spaß.

Begegnungen mit Menschen aus aller Welt

Laura ist von ihrem ersten Taizébesuch sehr begeistert und wird in den nachfolgenden Jahren noch mehrmals wiederkommen. Sie erzählt rückblickend: „Es war eine aufregende und schöne Woche. Auf der einen Seite erholsam und trotzdem aufregend. Man hat sofort ganz viele Menschen kennengelernt. Taizé ist ja eine ökumenische, internationale Kommunität. Also waren wir dann direkt in einem Zimmer mit Leuten aus den USA und aus Litauen. Das war einfach super cool. Wir haben uns direkt ausgetauscht und hatten Anknüpfungspunkte, obwohl wir uns gar nicht kannten.“ Für Laura sind es vor allem diese Menschen aus der ganzen Welt, die Taizé besonders machen – eine Erfahrung, die sie bis heute prägen wird.

In Taizé treffen sich Jugendliche aus der ganzen Welt

Sieben intensive Monate

Als Laura im Sommer 2018 kurz vor dem Ende ihres Abiturs steht, ist für sie klar, dass sie noch nicht direkt studieren will. Sie erinnert sich an ihre Zeit in Taizé: „Ich wollte noch ein bisschen was machen für meine persönliche Entwicklung. Bei meinen vorherigen Taizé Aufenthalten hatte ich ab und zu mal mit Volunteers gesprochen und hatte deswegen die Option immer mal im Kopf. Dann hab ich da einfach hingeschrieben und das war dann ganz problemlos.“ Für sieben Monate lebt und arbeitet Laura als Volunteer in Taizé. Zusammen mit den anderen Volunteers wohnt sie in einem Haus auf dem Gelände und teilt das alltägliche Leben und ihren Glauben. Auch während dieser Zeit sind es vor allem die Menschen, die Laura prägen: „Da hat man dann mit den anderen zusammengewohnt, also pro Zimmer etwa 3-4 Leute. Das war schon sehr intensiv. Aber ich habe das auch sehr genossen. Also überhaupt so mit Menschen aus aller Welt zusammenzuwohnen. Da hatte ich Mitbewohnerinnen aus Myanmar, Hongkong, Polen, den Niederlanden und Litauen. Das war einfach sehr bereichernd.“

Zwischen Beten und Arbeiten

Als Volunteer ist Laura dafür zuständig, die verschiedenen Arbeitsbereiche anzuleiten, Workshops vorzubereiten und die Gäste zu empfangen. Aber die Volunteers teilen nicht nur die Arbeit, sondern auch ihren Glauben. In Kleingruppen treffen sie sich zu Bibeleinführungen und Glaubensgesprächen. Das ist eine Chance für Laura, ihren Glauben nochmal ganz neu zu entdecken: „Ich hab davor sehr dazu geneigt, meinen Glauben nur in bestimmten Lebensphasen mal zu erforschen z.B. bei Fahrten zum Weltjugendtag oder zur Ministrantenwallfahrt nach Rom. Aber im Alltag habe ich das nicht so richtig hinbekommen. Als ich dann länger in Taizé war, musste ich das ja zwangsläufig. Also habe mir dann auch mal bewusst die Zeit genommen zum Beten. Für meinen Glauben war diese Struktur und Routine richtig gut.“

Laura bei ihrer Arbeit als Volunteer

Nicht zu früh an einen Herzensort zurückkehren

Auch für Laura ist irgendwann der Zeitpunkt gekommen, Abschied zu nehmen. Aber bereits einen Monat später kommt sie für eine Woche als Besucherin zurück. Dabei hat sie eine Erfahrung gemacht, die sie seitdem bei Reisen begleitet: Man kann auch zu früh an einen Herzensort zurückkommen. „Ich fand das ganz schwierig, so früh nach Taizé zurückzukommen. Einerseits waren zu dem Zeitpunkt noch viele Leute da, mit denen ich gut befreundet war, anderseits sind in der Zwischenzeit viele neue Leute angekommen. Taizé dreht sich ja weiter. Es ist ein Ort, der mir sehr vertraut ist, schon auch irgendwie wie ein Zuhause, aber der sich gleichzeitig auch immer sehr schnell wandelt. Das war zu dem Zeitpunkt ganz befremdlich für mich. Da konnte ich nicht so gut mit umgehen.“ Auf einmal war Laura wieder auf der anderen Seite, „nur“ Teilnehmerin und nicht mehr Volunteer. Als sie ein paar Jahre später nochmal nach Taizé fahren wird, ist der Abstand groß genug und sie kann die Zeit wieder genießen.

»Taizé ist ein Ort, der mir sehr vertraut ist, sich aber auch sehr schnell wandelt. Das war für mich ganz befremdlich. Aber ein paar Jahre später konnte ich die Zeit wieder genießen.«

Laura Hennecke
über ihre Rückkehr nach Taizé

Menschlichkeit und Sensibilität

Wenn Laura über die wichtigste Erfahrung aus ihrer Zeit in Taizé nachdenkt, kommt ihr ein Wort sofort in den Sinn: Menschlichkeit. Diese Erfahrung hat sie direkt bei ihren ersten Begegnungen mit anderen Volunteers erlebt: „Man hat nicht nur die Sprache geteilt, man hat auch so viel an materiellen Dingen geteilt, man hat die Jobs geteilt, man hat auch ganz viel Spirituelles geteilt. Das ganze dreiviertel Jahr über herrschte eine wertschätzende Atmosphäre in dem Haus. Und jedes Mal, wenn auch neue Mädels ins Haus kamen, wurden die herzlich aufgenommen, sodass sie quasi sofort zu Freunden wurden.“ Seitdem ist Menschlichkeit zu ihrem persönlichen Leitwort geworden. Umso schmerzhafter sei es jedes Mal gewesen, wenn die Zeit eines Volunteers zu Ende ging und sie sich verabschieden mussten.

Und noch eine Sache hat Laura in Taizé gelernt: Sensibilität. Die Bibeleinführung eines Bruders der Gemeinschaft hat sie dazu angestoßen, mal hinter die Fassade der anderen Menschen zu schauen. Nach den Details eines Menschen zu suchen. Nicht nur oberflächlich zu fragen, wie es jemandem geht. Laura sagt selbst: „Ich merke, dass ich an dieser Aufgabe regelmäßig scheitere. Aber es ist etwas, das ich immer wieder im Kopf habe und versuchen möchte.“ Den Menschen im eigenen Umfeld mit Menschlichkeit und Sensibilität begegnen – das ist es, was Laura in Taizé gelernt hat und was ihr ganzes Leben prägen wird.

Communauté de Taizé

Die Communauté de Taizé ist ein internationaler ökumenischer Männerorden in Frankreich. Gegründet wurde die Gemeinschaft von Roger Schutz. Am 17. April 1949 legten die ersten Brüder ihre Ordensgelübde ab. Damit war der Grundstein für Taizé gelegt. Heute gehören ca. 100 Brüder zur Gemeinschaft. Das Leben in Taizé ist an drei Säulen ausgerichtet: Einfachheit, Barmherzigkeit und Freude. Mehr Informationen gibt es auf der Homepage der Gemeinschaft.

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