Minimalismus schafft Erinnerungen und Ruhe
31.03.2020

Lifestyle

Mehr Achtsamkeit durch Minimalismus

Welche Vorteile bietet der Lifestyletrend über schicke Instagram-Fotos hinaus?

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von Laura Konieczny

Ich sitze im Homeoffice und schaue mich in meiner Wohnung um. Ich glaub, ich hab’s geschafft. Mich umgeben ausschließlich Dinge, die mir Freude bereiten, die nützlich sind - oder beides. Der Raum wirkt aufgeräumt und hell. Danke, Minimalismus. Als ich meinem Kollegen Tobias davon berichte, fragt er mich: „Was ist Minimalismus überhaupt?“ und ich muss für die Antwort zunächst meine Gedanken ordnen. Ich lebe schon so lang nach dieser Philosophie, dass mir spontan die klaren, erklärenden Worte fehlen.

Minimalismus ist einer der großen Trends der vergangenen Jahre. Auf Instagram und Pinterest finden wir seitdem Bilder strahlend weißer Wände und Möbel, gefüllt nur mit wenigen Einzelteilen. Doch es geht beim minimalistischen Leben und mehr als schicke Wohnungseinrichtung. Minimalismus ist eine Lebenseinstellung.

Minimalismus: Nur besitzen, was glücklich macht.

Mein Weg zum Minimalismus wurde durch mehrere Umzüge und Auslandsreisen angestoßen. Irgendwann fragte ich mich: „Warum besitze ich den ganzen Plunder eigentlich?“ Am Ende war er hauptsächlich kistenschwer und verstaubt. Schritt für Schritt trennte ich mich von Büchern, die ich doch nicht mehr aufschlagen würde, kitschigen Urlaubssouvenirs und Stück für Stück auch vom gedanklichen Ballast.

»Macht es mich glücklich, wenn ich diesen Gegenstand in der Hand halte?«

Marie Kondo 
Autorin von "Magic Cleaning"

Was glücklich macht, darf bleiben

Minimalismus-Expertin und Bestsellerautorin Marie Kondo ist fest von der positiven Wirkung des Minimalismus überzeugt. In „Magic Cleaning – Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert“, beschreibt sie, wie das funktioniert – und zwar mit der eigens von ihr entwickelten KonMarie-Methode zum Ausmisten, Aufräumen und Ordnung halten. Marie Kondo und ihre Methode sind mittlerweile weltberühmt. Sie empfiehlt, jeden Gegenstand im Haushalt einzeln in die Hand zu nehmen und sich zu fragen: „Macht es mich glücklich, wenn ich diesen Gegenstand in der Hand halte?“ Was glücklich macht, darf bleiben. Alles andere wird aussortiert. Kondo schreibt dazu in ihrem Buch: „Viele Menschen leben in einer Umgebung voller ‚Irgendwie-brauche-ich-das-noch-Dinge’: Machen Sie sich bewusst, wie viele dieser ‚Irgendwie-Dinge’ Sie noch besitzen. Möchten Sie ein ‚Irgendwie-Leben’ führen? Bleiben Sie standhaft und behalten Sie nur, was Sie wirklich glücklich macht.“ Auch ich habe Marie Kondos Rat befolgt und kann bestätigen: Die mahnenden ungelesenen Bücher im Regal, verstaubte Bastelmaterialien und ewig unbenutzten Kleinkram aus meinem Leben zu verabschieden, tat gut. Sie hatten mich vorher nie offensichtlich belastet – und doch fühlte ich mich nach dem Aussortieren, Dinge verschenken und verkaufen freier und erleichtert.

Aussortierte Dinge sollten nicht einfach im Müll landen, sondern so weit möglich weitergegeben werden. Das geht zum Beispiel über Kleinanzeigenportale, auf dem Flohmarkt, digitale Flohmarkt-, Tausch- und Verschenkgruppen auf Facebook, eine Verschenkbox im (Mehrfamilienhaus-)Flur oder in Großstädten vor der Haustür.

Minimalismus schafft Zeit für gemeinsame Erlebnisse mit der Familie

Mehr Zeit und weniger Zeug

Podcastcover Marijana Braune
Minimalismus bedeutet nur zu besitzen, was Freude bereitet.

Diplompsychologin und Nachhaltigkeitscoach Marijana Braune aus Hamburg erklärt in ihrem Podcast „Don’t Waste Be Happy“, warum uns das Prinzip „Mehr Zeit und weniger Zeug“ glücklicher machen kann: Wer weniger besitzt, muss auch weniger wegräumen, Klamotten waschen und in der Wohnung putzen. Er hat Zeit und gedanklichen Raum für das Wesentliche. Marijana Braune plädiert dafür, den eigenen Fokus neu zu setzen. Weg vom Konsum, hin zu zwischenmenschlichen Beziehungen. Ihre Leitfrage dazu lautet: „Woran willst du dich erinnern?“ An ein gemeinsames Erlebnis oder ein leckeres Essen erinnere man sich später wahrscheinlicher als an das neue Handy. „Glück ist nicht an Konsum gekoppelt. Dein inneres Glück liegt in dir“, sagt Marijana Braune.

»Glück ist nicht an Konsum gekoppelt. Dein inneres Glück liegt in dir.«

Marijana Braune
Podcasterin von "Don't Waste Be Happy" und Coach

Minimalismus sieht sie als einen Teil des Weges zu mehr Innenschau: Wer schon mal im Außen aufgeräumt hat, habe anschließend mehr Zeit, nach innen zu blicken. „Durch das weniger im Außen wirst du mehr zu dir selber finden“, verspricht sie in einer ihrer Podcast-Episoden. Erst neulich fragte mich eine Freundin, ob ich in meiner verhältnismäßig leeren Wohnung nichts vermisse. Meine Antwort war ein zufriedenes „Nein, ich habe hier alles, was ich brauche und viel Zeit für das, was mir wichtig ist.“ Doch ich will auch ehrlich sein: Der Weg hierher war nicht kurz.

Minimalismus bedeutet, Maß zu halten

Jedes Kleidungsstück, jedes Buch, jede Brotdose und jedes Erinnerungsstück wird auf den praktischen Mehrwert für das eigene Leben und das persönliche Glück untersucht. Dazu braucht es Zeit, Selbstdisziplin und vielleicht gar eine Hausgemeinschaft, die bereitwillig mitzieht. Selbst wenn das gegeben ist, lauern noch kleine und große Gefahren: Wie gern würde ich die türkisfarbene Jeansjacke in diesem Frühjahr mal wieder tragen – leider habe ich sie vorschnell aussortiert und verschenkt. So lehrte mir der Minimalismus auch, Maß zu halten. Für mich hat sich seitdem bewährt, bei neuen Vorhaben im Leben zügig voranzugehen und mich unterwegs achtsam zu fragen, ob ich noch immer auf einem guten und sinnvollen Weg bin.

Ich habe gelernt: Minimalistisches Leben ist kein Hauruck-Projekt. Ich muss mich immer wieder bewusst dafür entscheiden. Marie Kondo empfiehlt deswegen eine besondere Achtsamkeitspraxis, um die eigenen Dinge wertzuschätzen: „Wenn Sie von der Arbeit nach Hause kommen, sagen Sie der Kleidung, die Sie ausziehen und wieder aufhängen doch mal: ‚Vielen Dank, dass du mich heute wieder gewärmt hast.’“ Was ungewöhnlich klingt, hat zwei positive Effekte: Wir halten Ordnung, indem Dinge schneller wieder an ihren ausgewiesenen, festen Ort finden und wir behandeln sie pfleglicher. Gut erhaltene Dinge, die uns Freude bereiten, ersetzen wir schließlich seltener mit Neuanschaffungen. Ein minimalistischer Lebensstil trage so auch zu weniger Konsum bei, erklärt Marijna Braune. Denn: Wer weniger kauft und besitzt, verbraucht weniger Ressourcen. Und wer im Innen zufrieden ist, muss nicht durch Impulskäufe im Außen kompensieren.

Gemeinsame Zeit statt Zeug

  Bewusste Entscheidungen treffen

Ein minimalistischer Lebensstil bedeutet nicht zwangsläufig, alle Wände weiß zu streichen und sämtliche Regale leer zu fegen. Vielmehr stellt uns das bewusste Ausmisten und Ordnung halten vor elementare Fragen wie: Was ist mir wichtig im Leben? Was brauche ich wirklich? Und: Warum besitze ich bestimmte Dinge? Letztlich ist es ein großes Privileg, sich all diese Fragen überhaupt stellen zu können. Minimalistisches Leben erfordert eine bewusste und regelmäßig erneute Entscheidung für bestimmte Werte: Zeit statt Zeug, nachhaltiger und bewusster, statt blinder Konsum, Achtsamkeit statt Hast. Minimalismus kann Zeit schenken für das, was uns am Herzen liegt: Unsere Lieben, Hobbys und nicht zuletzt die Begegnung mit Gott und uns selbst.

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