Erik Dünschede kniet und betet.
Erik Dünschede kniet und betet.
30.08.2019

Miteinander

Mit wem sprichst du über deinen Glauben?

Zwei junge Katholiken berichten, wie es ihnen hilft, über den persönlichen Glauben zu sprechen

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von Tobias Schulte

Es gibt Geschichten, die einen nicht loslassen. Bei mir war das nach dem Interview mit Micha Jonas der Fall. Er hat offen erzählt, wie er sich bei der Jüngerschaftsschule der Home Mission Base in Salzburg mit seinem Glauben auseinandergesetzt hat. Wer bin ich? Was bedeutet es, ein Kind Gottes zu sein? Was ist Gottes Berufung für mich? Existentielle Fragen, die mich zu der Frage führten: Mit wem spreche ich eigentlich über meinen Glauben?

Markus Wagner
Markus Wagner

»Man braucht Leute, die einen zum Glauben inspirieren und einen auf den Weg bringen. Förderer, Mentoren, die ihr Leben im Glauben bestreiten und mit denen man auf Augenhöhe sprechen kann.«

Markus Wagner
Assistent des Direktors der Kommende in Dortmund

Ich muss zugeben: Je mehr ich darüber nachdachte, desto enttäuschender wurde es. Klar, kommt auf vielen Partys irgendwann das Thema Kirche und Glaube auf und man spricht darüber. Doch meistens nimmt man dabei eher eine verteidigende Haltung ein, statt sich davon bereichern lassen zu können. Jahrelang war ich Messdiener, habe enge Freundschaften mit anderen engagierten Gemeindemitgliedern geknüpft und bin mit der Kirche nach Rom, Lourdes und Jerusalem gefahren. Doch mit diesen guten Freunden über den persönlichen Glauben gesprochen habe ich selten. Fast nie. Es stand immer die Gemeinschaft der Kirche im Vordergrund. Der Glaube an Gott war Privatsache, darüber wurde nicht geredet.

Das hat sich geändert. Etwas zumindest. Bei der Fahrt zum Weltjugendtag in Panama wurden wir mehrfach dazu aufgefordert, uns in Kleingruppen darüber zu unterhalten, wo wir Gott im Alltag erkennen. Wie wir seinem Plan für unser Leben folgen können. Zum Ende der Fahrt haben wir gesagt: Das müssen wir weiterhin machen. Wir haben eine Gruppe zusammen mit den Pilgern aus Neheim gegründet, mit der wir uns vier Mal im Jahr treffen wollen. Einmal haben wir schon zusammen in Welver Messe gefeiert, gegessen und über den Glauben gesprochen. Wie betest du? - so lautete damals die Frage.

Erik Dünschede im Gespräch über seinen Glauben.
Erik Dünschede im Gespräch über seinen Glauben.
Der Youcat.
Der Youcat.

»Wenn ich für mich bete, dann überlege ich, was den Tag ausgemacht hat. Ich versuche, zu danken und für etwas Zukünftiges zu beten.«

Erik Dünschede

Mit wem sprichst du über deinen Glauben?

Mit einem Rucksack voller Klamotten ist Erik Dünschede zum Gespräch nach Paderborn gekommen. Er kommt aus Vosswinkel bei Neheim, studiert International Business Studies in Paderborn und nutzt das Gespräch dazu, Kleidung während der Semesterferien in seiner Studentenwohnung zu deponieren. Wir kennen uns vom Weltjugendtag in Panama. Erik war auch bei dem Treffen in Welver dabei, als wir über das persönliche Gebet gesprochen haben.

Die Stimmung in der Gesprächsrunde damals war zunächst komisch. Pfarrer Stephan Jung gab zunächst durch einige Fragen Denkanstöße. Dann herrschte kurz Stille. Wir taten uns alle schwer damit, der Erste zu sein, der über sein Gebetsleben erzählt. Es war wie zu Schulzeiten, als keiner die unangenehmen Fragen des Lehrers beantworten wollte – und das obwohl wir uns gut kannten und das Gespräch uns persönlich ermutigen sollte. Langsam taute die Stimmung auf. Erik zum Beispiel sagte: „Wenn ich für mich bete, dann überlege ich, was den Tag ausgemacht hat. Ich versuche, zu danken und für etwas Zukünftiges zu beten.“ Er gab aber auch zu, dass er manchmal keinen Kopf dafür habe. Wenigstens ein Kreuzzeichen, um in den Tag zu starten, müsse schon drin sein.

Wenn wir im Nachhinein über das Gespräch reden, sagt Erik, dass er sich ansonsten selten über den persönlichen Glauben unterhalte. „In der Regelmäßigkeit brauche ich das nicht, weil ich meine persönliche Art und Weise zu Beten gefunden habe“, ergänzt er. Dazu kommt, dass Erik, der in seiner Heimatpfarrei Orgel spielt, in einer Laudes-Gruppe ist. Samstags um sieben Uhr morgens beten sie die Laudes. Dann frühstücken sie und unterhalten sich. Mindestens acht junge Erwachsene kommen dafür zusammen. Neben den üblichen Gesprächsthemen würden dort auch Glaubensfragen angeschnitten. Noch intensiver erlebe er das in der Youcat-Gruppe, die aus der Laudes-Gruppe hervorgeht und sich unregelmäßig trifft

Markus Wagner trainiert neben dem Beruf eine Basketballmannschaft.
Markus Wagner trainiert neben dem Beruf eine Basketballmannschaft.

Veranstaltungshinweis
Wie überzeugend von Gott sprechen?  - Diese Frage steht auch über dem ersten Schulpastoral-Kongress am 4. und 5. September. Die Abteilung Schulpastoral des Erzbistums Paderborn möchte alle, die in der Schulpastoral tätig sind, dabei unterstützen, glaubhaft und lebendig von Gott und dem Glauben zu erzählen.

Zweifeln? Erlaubt!

Dabei lesen sie Abschnitte des Youcat, des Jugendkatechismus, der grundlegende Glaubensfragen anspricht. Einer liest die Frage laut vor, einer die Antwort, einer die längere Erläuterung. Nach acht bis zwölf Fragen wird eine Phase der Stille eingebaut. „Dann kommen die persönlichen Fragen von allein“, sagt Erik Dünschede. „Meistens sprechen wir dann über die Glaubensfragen, die man nicht verstehen kann. Bei denen man hadert.“ Er scheut sich nicht davor, zu zweifeln. Schließlich bedeute es, dass man sich mit dem Glauben auseinandersetze, dass man hinterfrage.

Wer jedoch anders als Erik nicht in solche Gruppen hineingekommen ist, die den Glauben thematisieren, für den bleiben Fragen: Wem kann ich meine Fragen über Gott und den Glauben anvertrauen? Wer kann mir Antworten geben, die mein Glaubensleben bereichern? Wie kann ich mit anderen über den Glauben ins Gespräch kommen? Es sind Fragen, die sich auch Markus Wagner vor Jahren gestellt hat.

„Gott kann man leicht vergessen“, sagt der 33-Jährige heute. Er arbeitet als Assistent des Direktors der Kommende, dem Sozialinstitut des Erzbistums Paderborn in Dortmund, und promoviert in Katholischer Theologie. Der Glaube an Gott habe für ihn jahrelang keine wirkliche Rolle gespielt – obwohl er in die Kirche gegangen ist und mit seinen Eltern gebetet hat – Beliebtheit und sportlicher Erfolg – daran habe er sich eher orientiert. Den Wendepunkt bildete gewissermaßen das Theologie-Studium, für das er nach Münster gezogen ist. Dort hat ihn der Professor für Fundamentaltheologie immer wieder mit Fragen herausgefordert, auf die der bis dato keine Antworten hatte.

Förderder, die inspirieren

Zudem ließ sich Markus Wagner geistlich von dem Studentenpfarrer der KHG begleiten – indem die beiden über den Glauben gesprochen haben. Meistens sei er zu den Gesprächen mit einem Thema gekommen, dass ihn aktuell beschäftigt habe. „Aus meiner Stimmung heraus habe ich angefangen zu reden. Der Pfarrer hat dann immer tiefergehend nachgefragt. Er ist auf eine weite Reflektionsebene gegangen, sodass wir irgendwann bei meinem Glauben gelandet sind“, beschreibt Markus Wagner. Dadurch, dass der Blick auf das eigene Leben stark geweitet wurde, konnte er auf die Stimme hören, die aus seinem Innersten kam. Gottes Stimme.

So habe er durch die Glaubensgespräche neu gelernt, Gott im Alltag in Allem zu erkennen, sich ansprechen zu lassen und mit ihm zu sprechen. Beten, heißt für ihn heute, „sich zu versammeln, in sein Innerstes zu horchen und Gott sprechen zu lassen“. Das sei auch gut im Alltag möglich, egal ob er einen freien Kopf habe oder gestresst sei. Seine Erfahrung der Glaubensbegleitung möchte Markus Wagner weitergeben – damit es für mehr Menschen normaler wird, über das, was sie wirklich im Innersten beschäftigt und auch über Glauben zu reden. Auf Partys zum Beispiel versuche er, da wo es passe, die göttliche Perspektive reinzuwerfen. Die Sicht zu öffnen.

Er sagt: „Man braucht Leute, die einen zum Glauben inspirieren und einen auf den Weg bringen. Förderer, Mentoren, die ihr Leben im Glauben bestreiten und mit denen man auf Augenhöhe sprechen kann.“ Die katholische Kirche müsse für junge Erwachsene zwischen 15 und 30 mehr authentische Angebote schaffen, die dem kritischen Denken standhielten, Antworten auf die Fragen des Lebens in diesem Alter gäben und den Reichtum der eigenen, erstpersönlichen Gottesbeziehung darstellten. „Dann kann der Glaube im Leben wahren Halt und Orientierung geben.“

Sprechen über den Glauben – was in Interviews mit Erik Dünschede und Markus Wagner selbstverständlich ist, kann im Alltag doch schwerfallen. Es lohnt sich, sich Zeit dafür zu nehmen. Auf Geistliche und Theologen als mögliche Mentoren zuzugehen. Gruppen zum Austausch zu bilden. Freunde auf ihr Glaubensleben anzusprechen. Dann bleibt der Glaube auch nicht Privatsache.

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