Immer auf der Suche
28.11.2017

Faszination

Songcheck: More than this

Es muss doch immer noch ein bisschen mehr gehen, oder? YOUPAX-Autorin Carolin teilt ihre Gedanken zu Vanessa Carltons Songtext zu "More than this" mit euch.

test
Von Carolin Schnückel

Wann warst du zum letzten Mal mit einer Sache, einer Situation oder mit dir selbst einfach zufrieden? Wann hast du zuletzt über dein Klausurergebnis, dein Referat, dein Projekt auf der Arbeit gedacht: „Das ist gut so. Mehr braucht es nicht.“

Mir fällt es UNHEIMLICH schwer, mich einfach zufrieden zu geben. Schon als Kind hatte ich eine blühende Phantasie. Vorfreude war bei mir definitiv immer die schönste Freude, weil ich mir so wunderbare Abenteuer für den nächsten Familienausflug vorgestellt, mir die tollsten Geburtstagstorten erträumt habe, dass die Realität mich einfach immer enttäuschen musste. Meine Mama erzählt gerne, dass sie an Weihnachten und Geburtstagen immer ein Geschenk zurückgehalten hat, das sie als Überraschung hervorzauberte, bevor die große Enttäuschung über mich hineinbrach.

Vanessa Carlton

»You think you'll be happy
if granted one more wish
but the truth is -
you'll never need more than this.«

VANESSA CARLTON in "More than this"

Ich fühle mich, als wäre ich ständig auf der Suche

Heute als Erwachsene bin ich über meine Sahnetortentraumata hinweg. Dafür hadere ich täglich mit mir selbst. Vor einem Jahr habe ich mich selbstständig gemacht, um auf eine Weise arbeiten zu können, die besser zu meinem Charakter passt. Die Entscheidung war auf jeden Fall die richtige. Und trotzdem. Ich fühle mich, als wäre ich ständig auf der Suche. Nach meinem Weg, meiner „Berufung“, dem, was ich mehr tun sollte, weil es mich happy macht.

Da trifft der Optimierungswahn der Gesellschaft natürlich nicht nur meinen Nerv, sondern meine freiliegende Zahnwurzel. In meiner Facebook-Timeline spiegelt sich anhand der gesponserten Posts ganz nett, wo der Schuh bei mir gerade drückt: Superpraktische Kalender oder Notizbücher, die ich einfach für ALLES nutzen kann. To Dos bei der Arbeit, To Dos im Privatleben, getrennt durch farbige Seiten, auf denen ich „einfach kreativ sein darf“, Visitenkartenhalter, Lesebändchen – das perfekte Tool für den perfekten Menschen im perfekt ausbalancierten Verhältnis von Work & Life.

Es gibt mittlerweile sogar eine Onlineplattform, über die man einen persönlichen Coach für alle Bereiche des Lebens konsultieren kann – Katja Saalfrank für Probleme mit dem Nachwuchs, Peter Zwegat bei Fragen rund ums liebe Geld. Kein Witz.

Was ist hinter der nächsten Tür?
Sonnenuntergang
Wohin führt der nächste Schritt?
Abendstimmung

Es muss doch noch ein bisschen
mehr als das geben

Macht uns die Glückssuche glücklich?

Letztens war ich bei einer Veranstaltung zum Thema „Motivation“ für Geschäftsfrauen. In einer „kurzen“ Startrunde, die schon fast die ganze Zeit des eigentlichen Vortrags auffraß, sollten die Teilnehmerinnen einzeln aufstehen und folgende Fragen beantworten: Wer bin ich, was mache ich beruflich, was sollte man unbedingt über mich wissen, was ist mein ultimativer Tipp zum Thema Motivation. Mehr als die Hälfte der Frauen sagte, dass sie in ihrem absoluten Traumjob arbeiten und die Arbeit allein sie so glücklich mache, dass sie eigentlich nie unmotiviert seien. Und ich sitze da inmitten dieser unheimlich glücklichen und im Leben stehenden Frauen, die alles erreicht haben und übrigens auch ihre Familie und den Haushalt mit Links schmeißen und schäme mich dafür, dass ich genau weiß: Ich werde morgen früh keine Lust haben, aufzustehen. Es zieht mich nichts mit magischer Kraft an meinen Schreibtisch.

»Find something that you love and do it every day, do that
for the rest of your life.«

MACKLEMORE in "Growing Up"

“Find something that you love and do it every day, do that for the rest of your life”, das rappt selbst Macklemore. Dieses mystische Etwas und die Suche danach – eigentlich erst die gesellschaftliche Erwartung, dass du all deine Energie in die Suche stecken solltest – macht das das Finden nicht schon unmöglich? Fragt man sich nicht unweigerlich nach jedem Erfolg: War es das jetzt? Oder hätte ich es nicht doch noch etwas besser machen können? Wenn ich jetzt einfach noch einen Schritt weiter gehen würde? Es muss doch noch ein bisschen mehr als das geben.

Eines meiner Lieblingslieder heißt eben so: „More than this“ von Vanessa Carlton (ja, die mit dem fahrenden Klavier hat noch mehr gemacht). Sie beschreibt eine friedliche Nacht am Lagerfeuer unter dem Sternenhimmel, in der ihr klar wird, dass sie genau in diesem Moment einfach zufrieden ist und nicht mehr braucht als eben genau dieses schlichte Gefühl des inneren Friedens. Eine Strophe geht so:

The trees grow so thick
You can barely see through
But the forest bestows the simplest of truths:
You think you'll be happy if granted one more wish
But the truth is
you'll never need more,
You'll never need more
You'll never need more than this.

Also frei übersetzt:

Die Bäume wachsen so dicht,
dass du kaum mehr hindurchblicken kannst
dabei teilt der Wald die einfachste aller Wahrheiten mit dir:
Du denkst, du wirst glücklich sein, wenn dir nur ein weiterer Wunsch gestattet wäre
Aber die Wahrheit ist
du wirst niemals mehr
du wirst niemals mehr
du wirst niemals mehr brauchen als dies.

This night under stars, well I call it peace

You’ll never need more than this.

Diese Worte sind mittlerweile mein Mantra geworden (und mein WhatsApp-Status). Wenn ich auf der Glückssuche mal wieder fast verrückt werde und – wie Vanessa Carlton so schön singt – den Wald vor lauter Bäumen nicht sehe. Vanessa Carlton trägt diese „night under stars“ wie ein Medaillon mit sich, um es in Zeiten des Zweifels aufzuklappen und sich zu besinnen. So einen Glücksmoment möchte ich mir jetzt auch suchen. Um jederzeit auf meine glückliche Sternennacht schauen zu können und mir wieder bewusst zu werden, wie zufrieden ich eigentlich sein kann – auch gerade in solch einem Moment, wenn ich mich wieder im Optimierungsdickicht verlaufen habe.

Carolin hat diesen Text nur einmal (na gut, drei Mal) durchgelesen und verbessert. Danach hat sie gedacht: „Das ist gut so. Mehr braucht es nicht“.

Mix

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