Actionbound auf dem Handy einer Teilnehmerin
07.11.2021

Miteinander

Obdachlos in Paderborn

Actionbound zeigt neue Perspektiven auf eine bekannte Stadt

test
von Sophie Kiko

10 Grad Celsius zeigt die Anzeige am Westerntor auf meinem Weg. Ich bin ein bisschen zu früh dran und schlendere mit Umwegen erst durch die Innenstadt, dann durch das Riemekeviertel bis in die Kapellenstraße 6. Hier hinter Kulturwerkstatt, Lidl und DM in der Nähe des Bahnhofs befindet sich das Gelände des SKM. Der katholische Verein für Soziale Dienste e.V. – ehemals Sozialdienst Katholischer Männer – ist eine der Anlaufstellen für Obdachlose in Paderborn.

Ich bin heute nicht hier, um mich in ihrer Beratungsstelle, dem Sozialkaufhaus oder den stationären Unterkünften umzuschauen, sondern mehr über die Situation von Obdachlosen in Paderborn zu erfahren. Zu diesem Zweck haben die Caritas Konferenz und youngcaritas Paderborn einen Actionbound - eine digitale Schnitzeljagd - ins Leben gerufen, mit dem ich auf den Spuren der Obdachlosigkeit in der Stadt unterwegs bin.

Actionbound Obdachlos in der Innenstadt vorm Rathaus

Dick eingepackt mit Wintermantel und Schal mache ich mich von hier aus auf den Weg. Volle Konzentration – auf die Umgebung, aber auch auf das Smartphone. Während es langsam wieder beginnt zu regnen, lädt die App die Stationen und zeigt mir den Weg.

Wie viele Menschen in Paderborn wohl obdachlos sind, soll ich schätzen. Die Anzeige gibt vor, dass es eine Zahl zwischen 0 und 500 sein muss. Ich diskutiere mit einer anderen Teilnehmerin des Actionbounds. Sie denkt:  So viele seien es ja gar nicht. 75 tippt sie. Es sein sicherlich mehr, als wir wahrnehmen, entgegne ich. Vielleicht eher 130?

Am Ende einigen wir uns auf 110 und sind gleich im Anschluss ziemlich überrascht. 300 wäre richtig gewesen. So viele Menschen in Paderborn gelten als obdachlos. Einigen davon begegne ich an diesem Tag. An der SKM, in der Innenstadt und anderen Stationen auf dem Weg. 

Der Blick zum Boden

Ich weiß nicht richtig, wie ich mich verhalten soll. So geht es mir oft. In der Fußgängerzone auf dem Hinweg habe ich die Menschen am Straßenrand kurz mitleidig angesehen, dann betroffen auf den Boden geguckt, mich geärgert, dass ich kein Bargeld dabei hatte und bin weitergegangen. Ein anderer Teilnehmer macht es anders. Er lächelt einem Mann, der zu Beginn neben uns steht, freundlich zu, hält kurz den Blickkontakt bis er gefragt wird, was wir hier machen würden.

„Wir machen eine Art Schnitzeljagd und versuchen zu verstehen, wie das Leben von obdachlosen Menschen so ist: Wo sie hingehen, welchen Herausforderungen sie begegnen und welche Hilfen es gibt.“ Der Mann nickt. „Na dann viel Erfolg. Wir gehören da ja schon dazu. Hier in der SKM sind wir fast schon Inventar.“ Wir lachen.

Teilnehmer und Teilnehmerinnen an einer Station
Actionbound App
Gruppe in der Innenstadt Paderborns

Einladung zu Perspektivwechsel und Austausch 

Von der KSM geht es zum Bahnhof, vorbei an den Reisenden, die auf den Zug warten.  Hier befindet sich die Bahnhofsmission. Obwohl ich den Bahnhof durch jahrelanges Pendeln zwischen Münster und Paderborn eigentlich gut kenne, ist mir dieses Gebäude am Ende von Gleis 1 neu. Hier erfahre ich, wie wichtig die Arbeit der Bahnhofsmission ist: 17 Kilogramm Kaffee und 10 Kilo Zucker verbraucht die Initiative wöchentlich, um diejenigen, die bei ihnen Schutz suchen, mit Energie zu versorgen.

 Der Actionbound führt uns nicht nur anhand von solchen Zahlen und Fakten vor Augen, was hinter der Obdachlosenhilfe in Paderborn steckt, sondern verdeutlicht auch mit Impulsen, Videos und O-Tönen von Betroffenen, was es bedeutet, als obdachlose Person auf den Straßen Paderborns zu leben.

»Es ist ein großer Unterschied, vor Ort zu sein und Betroffenheit direkt wahrzunehmen.«

Theresa Bartz

Auf den Wegen zwischen Bahnhof, Dom und Westerntor bleibt genug Zeit, sich über die neuen Infos und Erlebnisse auszutauschen und mit den weiteren Teilnehmerinnen und Teilnehmern in den Austausch zu kommen. Gespräche entstehen darüber, ob Spenden in den Fußgängerzonen sinnvoll ist, wo Beratungs- und Hilfsangebote gelegen sein sollten und warum Jugendliche und Gruppen sich mit der Thematik auseinandersetzen müssen. 

Theresa Bartz, Jugendreferentin für das Dekanat Paderborn, findet den Actionbound als Methode, um mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Obdachlosigkeit auf die Spur zu kommen, sehr hilfreich und spannend: „Es ist medial gut gemacht, man ist unterwegs und vor allem vor Ort. Es ist ein großer Unterschied, ob jemand in einem Pfarrheim einen Vortrag hält oder die Orte und die Betroffenheit direkt wahrzunehmen.“

Ich bin müde, nass und durchgefroren, als ich nach den gut zwei Stunden wieder zurück im Warmen bin. Mein Kollege holt mir einen Kaffee, ich trockne und bin dankbar.

Dankbar dafür, einfach da sitzen zu können. Im warmen Büro, in dem Wissen, nicht länger auf den Straßen Paderborns unterwegs sein zu müssen, sondern nach Hause fahren zu können. Gleichzeitig denke ich an eben jene, um deren alltägliches Leben es im Actionbound ging: die Obdachlosen Paderborns, die aus den unterschiedlichsten Gründen eben kein solches Zuhause haben. Die immer wieder die Wege durch die Kälte gehen, nach Schlafplätzen suchen müssen und beobachten, wie Menschen wie ich betroffen auf den Boden schauen. 

Mir hängen die Worte von Joachim Veenhof, Geschäftsführer der SKM, nach: „Niemand, der auf der Straße lebt, ist schuldig dafür. Alle haben ihre Gründe, ihre Vergangenheit, ihre Geschichten, die sie dorthin gebracht haben. Unsere Aufgabe ist es, diese Menschen genauso wertzuschätzen und zu unterstützen, wie sie es verdient haben. Die christlichen Werte sind dabei gelebte Realität unserer Arbeit.“

Du hast Lust den Actionbound selbst auszuprobieren, für deine Gruppenstunde oder mit einer Klasse zu nutzen? 

Hier findest du alle weiteren Infos zur kostenlosen Nutzung:

https://mittel-los.de/obdachlos/

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