Daniel Schwarmann im Einsatz.
05.01.2017

Miteinander

Mit Schlafsäcken, Jugendtreff und viel Zeit die Armut lindern

Unterwegs mit Daniel Schwarzmann

Von Stephanie Jungwirth (Text) und Alexander Spelsberg (Fotos)

Montagmorgen, elf Uhr. Daniel Schwarzmann steht vor der Männerübernachtungsstelle in der Dortmunder Unionstraße. Hier hofft er, einen seiner jugendlichen Schützlinge zu finden. Der junge Mann Anfang 20 hatte sich von ihm Geld geliehen. Heute hat Daniel Schwarzmann Pech, der Schuldner ist irgendwo in der Stadt unterwegs. Doch davon lässt er sich nicht aus dem Konzept bringen. Dann eben ein andermal.

Seit August vergangenen Jahres ist der 34-Jährige in der Dortmunder Nordstadt als Obdachlosenseelsorger unterwegs. Hält Sprechstunde in Suppenküchen, besucht Übernachtungsstellen und sucht Brennpunkte auf, schaut, wo seine Hilfe gebraucht wird. Sein Klientel ist meist männlich, alle Altersklassen sind vertreten. Oft sind sie abhängig von Alkohol oder Drogen, das Leben auf der Straße bringt bei vielen auch psychische Erkrankungen mit sich. „Die Menschen entwickeln Ängste“, erklärt der Pastor.

Matthias (Name von der Redaktion geändert) hat es geschafft, seit gestern hat er eine eigene Wohnung. Daniel Schwarzmann hilft dem 22-Jährigen nun, eine Grundausstattung an Möbeln zu besorgen. „Ich habe vier Monate in der Männerübernachtungsstelle gewohnt“, sagt Matthias und ist froh, dass diese Zeit nun hinter ihm liegt. Nach einer abgebrochenen Ausbildung als Gebäudereiniger landete er auf der Straße, schließlich hörte er von dem Wohnungslosenseelsorger, der helfen könne.

Helfen, das heißt für Daniel Schwarzmann vor allem anpacken. Er hilft bei Problemen mit Ämtern, verteilt Schlafsäcke und verleiht Geld, mittlerweile allerdings nur noch gegen Quittung. „Ich glaube, ich gelte als harter Hund, weil ich das mit den Quittungen durchziehe. Aber ich versuche, gerecht zu sein“, sagt er. Jugendliche lässt er in seinem Büro Bewerbungen schreiben, mit Matthias fährt er nun ins Sozialkaufhaus und streckt die knapp 200 Euro für ein gebrauchtes Schlafsofa vor.

Noch steht die Wohnung komplett leer. Daniel Schwarzmann hilft Matthias beim Einrichten.
Noch steht die Wohnung komplett leer. Daniel Schwarzmann hilft Matthias beim Einrichten.

Der Dortmunder Norden gilt als sozialer Brennpunkt. Im Stadtbild fällt Daniel Schwarzmann kaum auf mit seinem Kapuzenpulli, erst auf den zweiten Blick sieht man den Priesterkragen darunter hervorblitzen. Ein bisschen Distanz und Respekt erhofft er sich von dem symbolträchtigen Kleidungsstück. „In New York hat mir mal ein Kollege gesagt: 'Wenn du in die Bronx gehst, zieh dir das an, dann wirst du nur ins Knie geschossen!'“

Wenn er nicht als Wohnungslosenseelsorger unterwegs ist, geht er seiner Arbeit als Gemeindeseelsorger nach. Er hat jeweils eine halbe Stelle, arbeitet in den sechs katholischen Gemeinden der Nordstadt als Pastor. 

Billard, Kicker, ein Tresen zum gemeinsamen Abhängen und Quatschen

Der Tag ist gut durchgetaktet. „Ich stehe morgens um sieben Uhr auf und bete. Um acht geht es meist ins Obdachlosenheim, dann mache ich Straßensozialarbeit. Viele Obdachlose brauchen Schlafsäcke. Danach geht es für mich ins Pfarrbüro, nachmittags stehen Gemeindetermine auf dem Plan, einmal die Woche bin ich im Jugendtreff in St. Gertrudis.“ Dort finden Jugendliche unterschiedlichster Herkunft im Alter zwischen 14 und 20 Jahren zusammen.

Gemeindereferent Jörg Willerscheidt hat die Räumlichkeiten gemeinsam mit einigen Jugendlichen renoviert und so zum gemütlichen Treffpunkt werden lassen. Billard, Kicker, ein Tresen zum gemeinsamen Abhängen und Quatschen machen den interkulturellen Treff für die Kids interessant, halten sie wenigstens für ein paar Stunden von der Straße fern. Neben gemeinschaftlichen Aktionen bietet Daniel Schwarzmann auch einfach mal ein Ohr an, wenn die Jugendlichen etwas auf dem Herzen haben, etwa wenn es einen Todesfall in der Familie gab. „Ich höre zu und bin da, wenn sie reden wollen. Das ist mir ganz wichtig“, stellt er fest.

Im Jugendtreff St. Gertrudis findet Daniel Schwarzmann einen wichtigen Partner in Gemeindereferent Jörg Willerscheidt.
Im Jugendtreff St. Gertrudis findet Daniel Schwarzmann einen wichtigen Partner in Gemeindereferent Jörg Willerscheidt.

Dass die Nordstadt als sozialer Brennpunkt gilt, findet Daniel Schwarzmann bei seinen Begegnungen bestätigt: „Dortmund ist ein Paradebeispiel für Armut. In der Nordstadt ist jeder dritte Jugendliche betroffen.“ Jugendarmut müsse überhaupt erst wahrgenommen werden. Insgesamt, so schätzt es der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) gibt es in Deutschland über zwei Millionen von Armut betroffene Jugendliche. Die vom Statistischen Bundesamt veröffentlichen Zahlen belegen die Mahnung: 2,1 Millionen Unter-18-Jährige sind in Deutschland von Armut bedroht. Betrachtet man die 15- bis 24-Jährigen, sind sie mit knapp 25 Prozent die Gruppe mit der höchsten Armutsrisikoquote.

Die Zahlen sind deprimierend und manche Erlebnisse für Daniel Schwarzmann auch. Dann heißt es, sich nicht aus der Bahn werfen zu lassen: „Am Anfang hatte ich abends nach der Arbeit immer Kopfschmerzen. Ich spreche viel mit Freunden und meiner Schwester über meinen Tag. Und ich finde Ausgleich im Sport. Ich gehe joggen oder ins Stadion.“ In Gottesdiensten und mit Gebeten versucht er, die Balance zu halten. Allerdings gelingt es nicht immer, den Kopf freizubekommen. „Manchmal nehme ich das Erlebte auch mit in die Nacht“, sagt er.

Pastor Daniel Schwarzmann bereitet seine Arbeit Freude: „Ich bin zufrieden mit dem, was ich erreiche."

»Die Armut bahnt sich ihren Weg in die Mittelschicht.«

Daniel Schwarzmann
Obdachlosenseelsorger in der Dortmunder Nordstadt

Kurz darauf fällt ihm die Geschichte eines Jungen ein, dem er Hilfe vermitteln konnte. „Der hatte seine Eltern verloren und lebte auf der Straße. Er wollte nicht in die Übernachtungsstelle, er hatte da schlechte Erfahrungen gemacht. Eine Familie aus meiner ehemaligen Gemeinde hat ihn dann für zwei Wochen auf eigene Kosten in einer Jugendherberge einquartiert. Dort hat er Bewerbungen geschrieben und sich wieder gefangen. Mittlerweile hat er einen festen Job.“

Nicht immer schafft er es, Menschen zu helfen, auch wenn er sein bestes versucht. „Ich bin zufrieden mit dem, was ich erreiche. Es liegt ja nicht in meiner Hand, sondern in Gottes Hand, wem ich durch mein Christsein weiterhelfe.“

Im Herbst geht es mit den Nordstadtkids nach Langeoog zur Jugendfreizeit. Der Rotary Club ermöglicht die Fahrt mit Hilfe einer großzügigen Spende, so dass in den Herbstferien zehn Kinder in Richtung Nordsee aufbrechen können.“ In der Nordstadt haben die nicht tausend Wahlmöglichkeiten, die sind heilfroh, wenn sie mal raus aus Dortmund kommen. Die Armut“, stellt Daniel Schwarzmann fest, „bahnt sich ihren Weg in die Mittelschicht.“

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