Ein armenisch-orthodoxer Gottesdienst in Israel.
Ein armenisch-orthodoxer Gottesdienst in Israel.
05.03.2019

Miteinander

Ökumene: Wir Christen?

Christus hat uns zu einer Kirche berufen. Wir leben in vielen unterschiedlichen Kirchen. Wie kann Ökumene gelingen? Was passiert aktuell?

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von Tobias Schulte

Ein armenisch-orthodoxer Gottesdienst. Klingt allein vom Namen her abgefahren. Als ich mit meiner Heimatgemeinde im Heiligen Land den Spuren Jesu folgte, erlebten wir so einen Gottesdienst. Die Priester tragen pinke und hellblaue Gewänder. Sie singen durchweg mit dem Gesicht zum Altar. Der Gesang erinnert von der Melodie her eher an den Ruf eines Muezzins als an ein Kirchenlied, wie ich es von zuhause kenne. Ich fragte mich: Wer sind wir Christen? Eine Einheit? Und wie arbeiten die Kirchen zusammen?

Wolfgang Thönissen

»Ökumene ist die Suche nach der Einheit der Christen. Christen glauben ganz unterschiedlich und doch  glauben sie alle gemeinsam an den einen Jesus Christus. Die Christen dazu anzuleiten, ihre Differenzen zu überwinden, ist der Auftrag Christi.«

Wolfgang Thönissen
Leitender Direktor des Möhler-Instituts für Ökumene

Wer Antworten auf diese Fragen sucht, findet sie im Erzbistum Paderborn. Am Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumene. Ich treffe mich mit Prof. Dr. Wolfgang Thönissen, dem Leitenden Direktor des Instituts. Auf seinem Schreibtisch steht eine Grußkarte, auf der Luther einen anlächelt. Ein Ordner liegt aufgeschlagen vor Thönissen. Er liest Korrektur in seinem neuen Band zum Thema Ablass, der in diesem Jahr erscheinen wird. Daran habe er mit Kollegen acht Jahre gearbeitet. Thönissen sagt, dass es der Auftrag Christi sei, dass wir Christen die Differenzen überwinden. „Wenn wir diesen Auftrag erfüllen, bezeugen wir den Glauben der Welt gegenüber glaubwürdig.“

Thönissen und das Institut arbeiten an der Ökumene auf höchster Ebene mit. Grob erklärt läuft das so ab: Wissenschaftler und Vertreter der Kirchen tauschen sich über theologische Fragen aus. Sie arbeiten das Gemeinsame heraus. Sie halten die Ergebnisse in Publikationen fest. Nach und nach entsteht dadurch eine gemeinsame Grundlage, mit der weitere Fragen diskutiert werden können. Thönissen arbeitet als Berater des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christenheit. Im Dialog mit Lutheranern gibt er den Standard für die katholische Kirche vor.

Die Ökumene auf höchster Kirchebene wird von den Menschen in den Gemeinden nur ab und zu wahrgenommen. Wer in seiner Gemeinde ökumenische Gottesdienste organisiert, hat meist nie etwas davon gelesen, was Thönissen in Arbeitsgruppen diskutiert und veröffentlicht hat. In der Ökumene vor Ort ist das tägliche Miteinander wichtiger als Unterschiede der Theologien. Die Fragen lauten eher: Wie können wir Christen uns in einem säkularen Umfeld positionieren? Wie können wir gemeinsam Zeugnis geben?

Wolfgang Thönissen erklärt, wie der ökumenische Dialog funktioniert.
Wolfgang Thönissen erklärt, wie der ökumenische Dialog funktioniert.

Erklärt: Die Christenheit
Die römisch-katholische Kirche bildet den Stamm, von dem die anderen Kirchen sie wie Äste heraus gebildet haben. Durch Kaiser Konstantin wurde der christliche Glaube zur Staatsreligion des Römischen Reichs. Bis heute ist Rom das Zentrum der katholischen Kirche mit ihren 24 Teilkirchen.

Innerhalb der orthodoxen Christen muss zwischen altorientalischen Kirchen (orientalisch-orthodox) und byzantinisch-orthodoxen Kirchen unterschieden werden. Die Altorientalen haben sich 451 von der katholischen Kirche abgespaltet. Sie konnten nicht mittragen, dass wir glauben, dass Jesus Christus wahrer Mensch und wahrer Gott ist. Die Altorientalen leben heute unter anderem in Ägypten, Äthiopien, Armenien und Syrien.

Die byzantinisch-orthodoxen Christen sind in 14 Kirchen aufgeteilt, zum Beispiel die griechisch- und russisch-orthodoxe Kirche. Zur Trennung mit Rom kam es 1054, nachdem es immer mehr Streitigkeiten zwischen den Christen gab, die vorher durch das Römische Reich mit den Hauptstädten Rom und Byzanz vereint waren.

Zuletzt entwickelte sich im 16. Jahrhundert angestoßen von Reformatoren wie Martin Luther das protestantische Christentum. Es teilt sich heute auf in die anglikanische, evangelisch-lutherische und evangelisch-reformierte Kirche, in Baptisten, Methodisten und viele mehr.

Dialog als Grundlage

Thönissen dagegen eröffnet Möglichkeiten für die internationalen Beziehungen zwischen den Kirchen. Ohne das Dokument „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“, das in Paderborn erarbeitet wurde, hätte Papst Franziskus nie 2016 den Auftakt des Lutherjahres im schwedischen Lund mitgefeiert.

Um die Arbeit der Ökumene zu verstehen, muss klar sein: Wer fühlt sich angesprochen, wenn wir von Christen reden? Die Christenheit hat sich in drei große Familien aufgeteilt: Katholiken, Orthodoxe und Protestanten. Dazu kommen Gemeinschaften wie Freikirchen, Zeugen Jehovas und Adventisten.

»Es kommt ja nicht von ungefähr, dass der Papst in Lund mit den Lutheranern zusammen einen Gottesdienst feiert. Daran haben wir zehn Jahre gearbeitet.«

Wolfgang Thönissen

Seit 70 Jahren werden Fragen der Ökumene diskutiert

Die christlichen Kirchen konkurrierten über Jahrhunderte darum, wer den wahren Glauben vertritt. „Man war der Auffassung: Wir gehören einfach nicht zusammen. Wir leben in verschiedenen Welten“, sagt Wolfgang Thönissen. Dieses Urteil sei mittlerweile durchbrochen. „Zwar glauben Christen auf der ganzen Welt ganz unterschiedlich und individuell, doch sie glauben alle gemeinsam an den einen Jesus Christus.“

Vor etwa 70 Jahren haben die Kirchen begonnen, ihr Verhältnis zueinander zu verbessern. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründeten sie den Ökumenischen Rat der Kirchen. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) öffnete sich die katholische Kirche den anderen Konfessionen gegenüber. Seitdem tauschen sich die Kirchen in Dialoggruppen aus. Wissenschaftler wie Wolfgang Thönissen diskutieren theologische Fragen, auf die die Kirchen unterschiedlich antworten.

Zum Beispiel: Wie wird der Mensch vor Gott gerecht? Diese Frage der Rechtfertigung war eine der zentralen Fragen der Reformation. Durch den Dialog haben die evangelischen Kirchen und die katholische Kirche mittlerweile festgehalten: Wir glauben an die gleichen Grundwahrheiten der Rechtfertigung. Sie entfalten sich zwar unterschiedlich, sind aber kein Anlass, sich zu verurteilen. Das haben sie in der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999 unterzeichnet.

Unterschiede beim Abendmahl
Alle Christen feiern das Abendmahl und glauben, dass Christus darin lebendig wird. Katholiken glauben: Brot und Wein wandeln sich in ihrer Substanz zu Leib und Blut Christi. Dauerhaft. Protestanten glauben, dass Brot und Wein sich nicht in ihrem Wesen wandeln. Christus wird nur während der Feier des Abendmahls lebendig. In der katholischen, orthodoxen und anglikanischen Kirche feiern geweihte Priester das Abendmahl. Die Weihe empfangen sie von ebenfalls geweihten Bischöfen, sodass sich eine Kette bis zu den Aposteln bildet. Evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer sind nicht geweiht. Deshalb ist die evangelische Abendmahlsfeier aus katholischer Sicht nicht gültig.

Evangelische und katholische Christen feiern das Abendmahl nicht zusammen – gleichzeitig sind in Deutschland viele Protestanten mit Katholiken verheiratet. Deshalb wurde das gemeinsame Abendmahl zum 500-jährigen Jubiläum der Reformation neu diskutiert. Papst Franziskus war bei der Eröffnung des Lutherjahres am 31. Oktober im schwedischen Lund zu Gast. Mit dem Präsidenten des Lutherischen Weltbundes unterzeichnete er eine Erklärung, in der das gemeinsame Abendmahl als Ziel der Ökumene ausgegeben wurde. Franziskus tauschte sich mit den Spitzenvertretern der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) aus. Das Ergebnis: Er ermöglichte der Deutschen Bischofskonferenz, eine nationale Sonderregelung für das gemeinsame Abendmahl zu finden. Die deutschen Bischöfe konnten sich jedoch nicht dazu einigen.

Wolfgang Thönissen

Die Taufe erkennen die meisten christlichen Kirchen sich gegenseitig an. Widersprüche gibt es vor allen Dingen bei folgenden Fragen: Was macht Kirche aus und wie organisiert sie sich? Welche Ämter gibt es und wer darf ein Amt übernehmen? Werden Sakramente gefeiert und woran glaubt man dabei?

Exemplarisch sei das unterschiedliche Kirchenverständnis erklärt. Für Protestanten ist Kirche das Geschöpf des Wortes Gottes. Kirche ist da, wo das Evangelium verkündet wird. Damit bekommt Kirche einen Ereignischarakter. Nach katholischem Verständnis ist die Kirche die Lehrmeisterin der Glaubenden. Der Papst und die Bischöfe geben mit dem Lehramt vor, was die Katholiken glauben und wie sie das ausleben. Die Struktur der evangelischen und katholischen Kirche ähnelt sich durch rechtliche Institutionen wie Pfarrgemeinden, Bistümer und Landeskirchen. Die orthodoxen Kirchen gehen weniger von den Institutionen, sondern von der Gemeinschaft an sich aus. Sie gehen von der Vielfalt aus und sehen in dieser Vielfalt eine tiefe Gemeinsamkeit.

»Wir müssen lernen, das Gemeinsame trotz bestehender Differenzen zu betonen. Ein Konsens, der zulässt, dass wir unterschiedliche Auffassungen haben, diese Auffassungen uns aber nicht auseinandertreiben, sondern helfen, das Gemeinsame zu formulieren.«

Wolfgang Thönissen, das Möhler-Institut und die ökumenische Bewegung haben nun das Ziel, immer mehr Gemeinsames herauszuarbeiten. Mit Blick auf 2000 Jahre Kirchengeschichte ist die ökumenische Bewegung jung. Unterschiede können nicht von heute auf morgen aufgehoben werden. „Da sitzen keine theologischen Maschinen“, beschreibt Thönissen die Gespräche zwischen den Kirchen. „Wir ringen darum, das Gemeinsame trotz der Differenzen zum Ausdruck zu bringen. Ein differenzierter Konsens. Das ist nur durch persönlichen Austausch möglich. Dadurch haben wir auf internationaler Ebene im Prinzip dieselbe Situation wie vor Ort. Vertrauen, Miteinander und das Wissen um den anderen sind die Voraussetzungen.“

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