Der letzte gemeinsame Abend in der WG auf Zeit
02.05.2022

Lifestyle

Ostern in der Verlängerung - was bleibt?

In einer WG auf Zeit habe ich Ostern nachklingen lassen

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von Elisabeth Strüber

Hier stehe ich nun: Ein fast normales Wohn- und Esszimmer. Etwas oldschool eingerichtet. Gemütlich wie im Pfarrheim. Auf dem Esstisch steht ein Körbchen mit kleiner, bunt verpackter Schokolade. Und die Reste von zwei Torten. So stelle ich es mir vor: Von Ostern zehren, das aufbrauchen was von Ostern noch da ist.

Aber was ist von Ostern denn wirklich noch da und was bleibt? Dieser tiefen Frage bin ich auf den Grund gegangen. In einer WG auf Zeit, einem Angebot von Xperience. Xperience ist eine neue jugendpastorale Veranstaltungsreihe in Zusammenarbeit der Dekanate Paderborn und Büren/Delbrück. Fünf Tage lang habe ich mich hier auf das Abenteuer eingelassen, mit fremden Menschen zusammen zu leben und Ostern in die Verlängerung zu schicken.

Die Erfahrung beginnt

Gemeinsames kochen

Es ist Dienstagabend nach Ostern, das lange Wochenende ist vorbei. Niemand von uns hat Urlaub. Trotzdem sind wir hier. Wir – eine gute Handvoll junge Erwachsene, Anfang 20 bis Anfang 30. Wir studieren oder arbeiten. Oder beides. Tagsüber läuft unser Alltag ganz normal. Die meisten von uns kennen sich nicht. Keiner hat wirklich einen Plan, was uns erwartet. In den nächsten Tagen leben wir zusammen. Wir sind wie eine WG – nur tiefgründiger.

Wir kochen und essen zusammen und planen unseren Alltag. Ganz normal ist dieser Alltag aber doch nicht. Morgens und abends kommen wir zusammen um zu beten, singen, Gedanken und Fragen auszutauschen. Die Atmosphäre um uns passt auch. Wir leben hier in einem Haus der Franziskanerinnen in Salzkotten.

Gemeinsames essen in der WG auf Zeit
Gemeinsames essen in der WG auf Zeit

Das Evangelium auf unserem Weg

Dieses Haus hat einen eigenen Gebetsraum, in dem wir zum Gebet zusammen kommen. Das Evangelium, das uns für diese Woche begleitet, ist die Erscheinung Jesu auf dem Weg nach Emmaus. Die Geschichte in Kürze: Jesus begegnet nach seiner Auferstehung unterwegs zwei seiner Jünger, aber sie erkennen ihn nicht. Die Jünger erzählen ihm von Jesus, seiner Kreuzigung und von all dem was seitdem passiert ist. Es ist der dritte Tag und der Leichnam ist verschwunden. Frauen erzählten, dass Engel ihnen gesagt haben, er solle lebe. Jesus wurde jedoch noch nicht gesehen. „Der Fremde“ auf ihrem Weg hält ihren Glauben für zu träge und unterrichtet sie darüber, warum Jesus das erleiden musste. Erst am Abend erkennen sie ihn – als sie bei Tisch sitzen und Jesus das Brot bricht.

Die Geschichten rund um Ostern begleiten mich schon mein ganzes Leben. Ich frage mich ein bisschen, warum ich mich damit schon wieder auseinandersetzen soll. Ich bin erst ein wenig skeptisch, aber zeige es nicht. Werde auch ich im Glauben träge? Vielleicht. Aus dieser Gruppe betet Jacob am ersten Abend für uns und für diese Woche. Ich merke wie echt dieses Gebet ist und dass Jesus gewiss irgendwie hier ist. Hier sind Menschen dabei, die im Glauben definitiv nicht träge, sondern getragen sind.

Über Rückschläge und meinen eigenen Glauben

Am ersten Morgen bekommt jeder und jede von uns ein kleines Kärtchen. Das Thema: Rückschläge. Die Jünger hatten gehofft, dass Jesus der wäre, der Israel erlösen würde. Jetzt scheint es so als hätten sie sich geirrt. Diese Gedanken sollen unseren Tag begleiten: Was sind Rückschläge für mich? Wie gehe ich damit um? Was gibt mir Halt und Orientierung? Am Abend kommen wir darüber ins Gespräch.

Ich stelle fest, dass ich die Fragen ganz direkt auf meinen Glauben beziehe. Vor genau drei Jahren hatte auch ich eine Zeit, in der ich mich Gott unfassbar fern fühlte. Über Monate. Es war das Gefühl, bei den Worten „Glaube“ und „Kirche“ gar nicht mehr zu verstehen, worum es überhaupt geht. Es tut mir gut zu wissen, dass es selbst den Jüngern so ging wie mir. Auch ich erkenne nicht immer und überall Gott in meinem Leben. Manchmal jedoch öffnen sich auch mir die Augen und ich darf spüren, dass er auf meinem Weg dabei ist.

Im Gebetsraum

Brennende Herzen

Austausch in der WG

Back to the roots – zurück zu den Wurzeln des eigenen Glaubens. Das ist das Thema am Donnerstag: Wann brannte mir das Herz und wie habe ich zum eigene Glauben gefunden? Glaube heißt für mich unterwegs zu sein. Ein inneres Brennen, das kenne ich. Wenn ich an den Ursprung meines Glaubens denke, dann denke ich an meine erste Taizéreise vor zehn Jahren. Nachhause kommen mit einer Freude, die für immer bleibt – da brannte mein Herz.

Aus der Gruppe erzählt Dominik, dass er sich wieder nach dem Ursprung vor Corona sehnt. „Es tut mir gut, hier wieder eine gemeinsame Zeit im Glauben zu erleben.“ Da stimme ich ihm zu. Ich denke, dass Glaube nur in Begegnung mit anderen gelingen kann.

Das Thema Auferstehung

Am Freitag beschäftigen wir uns mit dem Thema Auferstehung. Ich glaube an die Auferstehung Jesu. Es ist der Kern des Christseins, darauf hoffen zu dürfen, dass es nach dem Leben weiter geht. Ich hoffe darauf, dass alle Menschen, die ich bereits verloren habe, bei Gott sind. Es ist für mich nicht nur ein „vielleicht hoffen“. Es ist die Freude meines Glaubens.

In der WG-Auf Zeit stelle ich jedoch fest, dass das nicht jeder so sieht. Einer versucht mir zu erklären, dass er die Auferstehung Jesu als Metapher sieht. Im Christsein gehe es ihm um die Werte wie Nächstenliebe, die weitergegeben werden. Mir fällt auch auf, dass ein anderer aus der Gruppe bei dem Thema besonders lange schweigt und erstmal zuhört. Es stellt sich als ein Thema heraus, über das viel diskutiert aber auch nachgedacht werden kann. Es ist das schwerste Thema der Woche. Und für uns Christen dann doch gar nicht so selbstverständlich. Das überrascht mich.

Bei den Franziskanerinnen in Salzkotten

Was bleibt?

Es ist Samstagmorgen. Abreise. Mein Kopf und auch mein Herz sind voller als am Dienstag, denn die neuen Gedanken und Erfahrungen nehme ich mit. Zum 25. Mal im Leben Ostern feiern? Mein Fazit: Es lohnt sich immer wieder neu, sich mit Ostern auseinanderzusetzen. Ich merke, dass ich in den vergangenen Jahren erwachsen geworden und damit auch noch nicht fertig bin. So ist es auch mit meinem Glauben. Jeden Tag und jedes Jahr wird er ein Stück reifer. Deshalb lohnt es sich, jedes Jahr die Ostergeschichte mit neuen Augen zu lesen.

Gemeinsames Gebet in der WG
Gemeinsames Gebet in der WG

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