04.02.2022

Miteinander

#OutInChurch, nicht #OutOfChurch

Eva Dreier ist queer und will ihren Glauben in der Kirche leben

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von Dirk Lankowski

Es gibt eine Begegnung, die löst bei Eva Dreier Wut und Aufregung aus. Ein Kommilitone hatte sich eines queerfeindlichen Narratives bedient und ihr ausführlich erklärt, dass Homosexualität Sünde sei. So würden es die Bibel und die Tradition überliefern. Und da Gott die Menschen liebe, schaffe er keine homosexuellen Menschen. Aber Menschen, die behaupten würden, homosexuell zu sein, müssten dementsprechend so ernste Wirrungen und Verwirrungen in ihrem Kopf haben, dass sie sich in diese Sünde begeben würden.

In ihrer Krassheit ist diese Begegnung einmalig. Dafür ist sie noch gar nicht lange her. Eva Dreier ist erst 26. Sie hat eine feste Partnerin und bezeichnet sich als queer. Eva Dreier ist Teil der Initiative #OutInChurch, weil sie eine innerkirchliche Veränderung erreichen will. Denn sie fühlt sich diskriminiert und stößt oft auf unsensibles Verhalten – auch aus Unwissenheit. Sie selbst bezeichnet diese Erlebnisse als Mikroagressionen. Und, weil sie mit Sorge auf das kirchliche Arbeitsrecht blickt und beispielsweise nicht von der Gunst von Mitarbeitenden und Vorgesetzen abhängig sein will, kann sie sich aktuell nicht vorstellen, als Pastoralassistentin für die Kirche zu arbeiten. „Ich habe neben dem Studium weitere Qualifikationen gesammelt und plane, in der außerschulischen Bildungsarbeit zu starten“, sagt Eva Dreier. Im kommenden Sommer hat sie ihr Studium abgeschlossen und will auf Jobsuche gehen.

Eva Dreier engagiert sich für #OutInChurch.
Eva Dreier engagiert sich für #OutInChurch.

»Für mich ist die Kirche ein Ort, wo ich meine Spiritualität leben kann. Wo ich aus dem Glauben heraus viele gute und Kraft spendende Erfahrungen machen konnte und kann.«

Eva Dreier
Theologie-Studentin aus Paderborn

Eva Dreier hat alles an kirchlichen Engagements mitgenommen, was sie in ihrer Heimat Rheda-Wiedenbrück geboten bekam: Ministrantenarbeit, Jugendkirche, Taizé-Fahrten, nach der Schule war sie als Missionarin auf Zeit im Ausland. Ziemlich schnell war ihr klar, dass sie Theologie studieren will. „Für mich ist die Kirche ein Ort, wo ich meine Spiritualität leben kann. Wo ich aus dem Glauben heraus viele gute und Kraft spendende Erfahrungen machen konnte und kann.“

Kirche ohne Angst

Und jetzt #OutInChurch. Sie will eine Kirche ohne Angst, aber mit Gleichbehandlung und mit Sensibilität für unterschiedliche sexuelle Orientierungen und sexuelle Identitäten. „Zu unserer Initiative gehört schließlich auch das Engagement für trans Menschen.“ Ihr ist bewusst, dass sich die kirchliche Welt nicht von heute auf morgen ändern lasse. Aber sie findet, dass die Katholische Kirche vorangehen könne, um weltweit etwas zu ändern. „Wenn die Weltkirche ihre Haltung zu Homosexualität ändern würde, dann würde das vielen Menschen auf der Welt helfen, die heute noch verfolgt werden.“ Dass das kein leichter Weg ist, ist ihr klar. „Aber alle, die Verantwortung tragen, dürfen sich von Spannungen nicht einschüchtern lassen. Jesus hat sich von der Radikalität seiner Forderungen auch nicht einschüchtern lassen.“

Hoffnung auf Veränderung

Hoffnung hat sie ganz viel. Auch wenn es die Sorge gibt, dass die innerkirchlichen Reformbemühungen nicht vorankommen oder von „Rom“, also der Weltkirche, ausgebremst werden könnten. „Ich will mir die Hoffnung nicht nehmen lassen.“ Sie erlebe schließlich im Studium, dass die Theologie viel weiter sei als das Lehramt, beispielsweise wenn es in der Exegese um die Interpretation von Bibeltexten gehe. Sie erlebe Professoren an der Fakultät als progressiv: „Die wollen, dass die Theologie als Wissenschaft als Puls der Zeit ist.“

Dass Menschen in dieser Situation der Kirche den Rücken kehren, können sie verstehen. Sie mache aber auch jedem Menschen in ihrem Bekanntenkreis ein Gesprächsangebot, wenn er seine Zweifel äußere und über einen Kirchenaustritt nachdenke. „Ich bin bewusst und gerne in der Kirche, sonst würde es ja #OutOfChurch heißen. Aber wir brauchen Veränderungen“, erklärt Eva Dreier. Sie selbst versuche, aktuell im besonderen Maß auf ihr Glaubensleben zu achten. „Vor lauter kirchenpolitischen Engagement dürfen wir unsere Spiritualität nicht verlieren.“

Und was sagt das Erzbistum Paderborn dazu?
Aufgrund der fortbestehenden Irritationen stellt Generalvikar Alfons Hardt für das Erzbistum Paderborn klar, dass keine Mitarbeiterin und kein Mitarbeiter befürchten muss, allein aufgrund der Offenlegung ihrer beziehungsweise seiner sexuellen Orientierung oder der Eingehung einer eingetragenen Lebenspartnerschaft oder gleichgeschlechtlichen zivilrechtlichen Ehe gekündigt zu werden. Generalvikar Hardt betont zudem nochmals, dass er sich für eine zügige Fortentwicklung des kirchlichen Arbeitsrechts einsetzt.


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