15.08.2025
PERSPEKTIVE

"Hände falten und Augen zwinkern"

Philipp Neri hat sein eigenes Leben auf den Kopf gestellt und damit anderen Menschen ein neues Leben geschenkt. Ein Vorbild – auch für uns?

von Moritz Kröner

Ein junger Mann, gerade einmal zwanzig Jahre alt, kommt in eine neue Stadt. Eigentlich will er studieren. Und er ist gepackt vom Glauben. Doch am neuen Ort erlebt er zunächst vor allem eines: die Armut und Not der Obdachlosen, der Waisen und der Pilger.

Er fragt sich: Ist das, was ich mache, eigentlich das Richtige? Wo ist mein Platz in dieser Stadt, in der Welt? Nicht an der Universität sagt ihm sein Gewissen. So verkauft er mit Ausnahme der Bibel alle seine Bücher. Sein Geld gibt er den Armen, nachts betet er.

Habt ihr euch das nicht auch schon mal gefragt: Mache ich das Richtige? Wie gehe ich durchs Leben? Wo ist mein Platz? Mache ich mit meinem Leben einen Unterschied? Die 50 Pilgerinnen und Pilger aus dem Erzbistum Paderborn haben sich beim Jubiläum der Jugend in Rom diese Fragen auf jeden Fall gestellt.

Das Grab Philipp Neris

Neubeginn

Am ersten Abend feiern sie gemeinsam die Heilige Messe und blicken in der Kirche Santa Maria in Vallicella – der Chiesa Nuova – auf diese Fragen. Und sie blicken auf diesen Mann, der vor Jahrhunderten ebenfalls nach Rom ging: Philipp Neri. Sein Grab befindet sich in der „Neuen Kirche“. Diözesanjugendpfarrer Tobias Hasselmeyer erzählt dabei von einem seiner Lieblings-Heiligen, der uns Inspiration sein kann:

Der Ruf Roms in der Spätrenaissance glich dem Ruf Berlins in den 1920er-Jahren – ein Sündenpfuhl. Die Reichen, Adel wie Klerus, feierten dekadente Partys in ihren Palästen, während auf der Straße die Armen hungerten. Allein zog Philipp als junger Erwachsener in diese Stadt. Er spürte, dass er etwas tun musste. Und er wollte Christus immer tiefer kennenlernen. Philipp folgte diesem durchdringenden Ruf, stellte sein Studentenleben auf den Kopf und wurde zum Missionar der Straße.

Ein Mensch, der begeistert

Philipp war Glaube schon als Kind wichtig. Auch, weil er es in seiner Familie nicht leicht hatte. Wenn er dann von Gott sprach, tat er es oft mit Humor. Er redete mit den einfachen Leuten und hielt Straßenpredigten für Kinder und Waisen. In den Augen der Römer Bürger war er bekloppt. 

„Es wird berichtet, dass wenn er unterwegs war und ein Kreuz gesehen hat, stehen geblieben ist, die Arme ausgebreitet hat und völlig in Ekstase versunken ist. Die Leute konnten ihm auf den Kopf schlagen und er hat es nicht gemerkt. So war er innerlich mit dem verbunden, was er äußerlich gesehen hat“, sagt Hasselmeyer.

Diözesanjugendpfarrer Tobias Hasselmeyer

Aber Philipp gelang es, die Menschen, die ihn einst verspotteten, vom Glauben zu faszinieren und für Christus zu begeistern – mit seinem Charme und seinem Humor.

Die Chiesa Nuova

Apostel und Narr oder Apostel, weil Narr?

Philipp Neri war für die Römer zweierlei: Sie nannten ihn „lo stolto di Dio“, den Narr Gottes, aber gleichzeitig wurde er auch der Apostel Roms. In einer Zeit, in der manche Gläubige die Kirchen in Rom nur verschämt durch die Seiteneingänge betraten. Er gründete eine Herberge und eine Bruderschaft für Pilger. Zwölf Jahre lang arbeitete er wie ein Priester, ohne einer zu sein. 1551 ließ er sich schließlich überzeugen, sich zum Priester weihen zu lassen.

Auf dem Dachboden einer Kirche gründete Philipp eine geistliche Gemeinschaft, ein Oratorium. Er ließ regelmäßig Laien oder Kinder die Heilige Schrift auslegen. Sie beteten und sangen in Italienisch, nicht in Latein. Bald wurde die Gruppe so groß, dass für sie eine neue Kirche gebaut werden musste, die Chiesa Nuova.

Außergewöhnliche Methoden

Neben seiner Frömmigkeit und seinen emotionalen Ausbrüchen war Philipp vor allem eines: nah bei den Menschen. 

Nach seiner Priesterweihe war er ein beliebter Beichtvater. Die Menschen standen bei ihm Schlange. Sogar Papst Clemens VIII. ging bei ihm zur Beichte. 

Auch hier waren seine Methoden ausgefallen. Eine Gräfin, die als personifizierte Gerüchteküche der Stadt galt, berichtete, dass Philipp Neri sie ein Daunenkissen auf der Straße ausschütteln ließ. Anschließend verlangte er, dass sie die feinen Federn wieder aufsammeln solle. 

Als sie entgegnete, dass das nicht möglich sei, soll er erwidert haben: „So ist es auch mit jedem bösen Wort, dass du verlierst.“ Danach habe sie nie wieder schlecht über andere gesprochen.

Die Paderborner Pilgergruppe

Ein inspirierendes Leben – auch für uns?

So stehe Philipp Neri mit seinem Leben, so Tobias Hasselmeyer, für viele Dinge. Zum Beispiel: für die Fähigkeit, Not zu erkennen und danach zu handeln.

Für die Gewissheit, dass man mit Gott gemeinsam für jedes Problem eine Lösung findet.

Für tiefe Liebe zu Christus, die alles leicht macht.

Dafür, dass Alter bei Lebensentscheidungen keine Rolle spielt – für das Richtige ist es nie zu früh und nie zu spät.

Und dafür, dass Glaube und Singen zusammengehören, für den absoluten Einsatz für junge Menschen sowie für eine tiefe Barmherzigkeit und Güte gegenüber den Menschen verbunden mit Leichtigkeit und großem Humor.

„Auf Philipp Neri zu schauen, bedeutet für mich zu sehen, dass Hände falten und Augen zwinkern zusammengehören – Frömmigkeit und Freude. Wir sollen nicht miesepetrig durch die Welt laufen. Wenn man in dieser Haltung unterwegs ist, in Verbindung mit Christus und mit einem Lächeln im Gesicht, kann man nie in eine hoffnungslose Situation kommen. Wenn man dann andere findet, mit denen man zusammen sein kann, beten kann, über die Bibel sprechen und singen kann, dann ist man eigentlich unschlagbar.“ So fasst Hasselmeyer das inspirierende Leben des Ordensgründers zusammen.

Einfache Zeichen, große Wirkung

Als Philipp Neri 1595 starb, soll die Stadt kein Sündenpfuhl mehr gewesen sein. Gemeinsam mit seinem Zeitgenossen Ignatius von Loyola hat er das riesige Rom verwandelt. 

Es gründeten sich nach ihrem Vorbild viele Bruderschaften, die sich um die Armen, Kranken und Obdachlosen kümmerten. Tausende Gläubige machten sich zur von Philipp Neri wiederbelebten Sieben-Kirchen-Wallfahrt nach Rom auf, betraten die Kirchen dabei freudig durch das Hauptportal. Philipp Neri löste eine eigene Renaissance in Rom aus – eine Renaissance des Glaubens.

Philipp Neri hat die schwere Entscheidung getroffen, nicht die klassische Laufbahn einzuschlagen. Er hat Altes zurückgelassen und das Richtige getan. Nicht, um als privilegierter Kleriker oder als Heiliger groß herauszukommen, sondern weil er ganz nah bei Christus sein wollte. Nicht, obwohl er anders war, sondern weil er anders war als seine Zeitgenossen. Deswegen hat sein Leben einen Unterschied gemacht.

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