Pflegerin hilft einer Bewohnerin
Pflegerin hilft einer Bewohnerin
28.05.2020

Miteinander

Helfen – und auf sich selbst aufpassen

Erika Fritz über die Hürden und Bereicherungen als Altenpflegerin

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von Finja Greiving

"Dieses Lächeln in den Augen und das Danke, das man am Ende der Pflege bekommt, macht mich schon sehr zufrieden. Da weiß ich dann auch, dass ich das Richtige gewählt habe“, erzählt Erika Fritz, während auch ihre Augen zufrieden lächeln. 

Bevor sie sich heute Mittag zu ihrer Schicht im Pflegeheim St. Franziskus in Hagen aufmacht, hat sie sich etwas Zeit genommen, um sich mit mir zu treffen – online selbstverständlich.
Durch die Kamera lächelt mich eine freundliche Frau mit kinnlangen, dunkelbraunen Haaren an.

Pflegeheim St. Franziskus

Erika Fritz ist 39 Jahre alt, lebt mit ihrem Mann und dem gemeinsamen 17 jährigen Sohn zusammen und hat vor kurzem ihre dreijährige Ausbildung zur Altenpflegerin abgeschlossen. Im Altenheim hat sie allerdings schon vorher gearbeitet, in der Küche nämlich. Sie erzählt wie sie den Tisch gedeckt und Schüsseln mit Essen rausgegeben habe, die die Bewohner dann untereinander aufteilten. „Das war schön zu sehen, wie sie dann aufeinander aufgepasst haben, darauf geachtet haben, dass jeder etwas bekommt und auch aufisst und sich gegenseitig motiviert haben“, erinnert sich Erika Fritz, wobei man schon merkt, wie ihr die Bewohner am Herzen liegen. Deshalb war die Küche für sie irgendwann auch keine Option mehr. Die neuen Hygieneauflagen ließen sich nicht mit ihrer alten Arbeitsweise vereinbaren und sie bekam die Bewohner fast gar nicht mehr zu Gesicht. Daraufhin fasste sie den Entschluss, eine Ausbildung zur Altenpflegerin zu beginnen.
Dass ihr die Arbeit mit den Bewohnern wichtig ist und es wohl die richtige Entscheidung war, die Küche zu verlassen, merke ich während unseres Gesprächs immer wieder.

»Das hier bei uns ist ja jetzt ihr neuer Weg«


Sie schildert mir ihren Arbeitsalltag und ihre Arbeitsweise. Im Haus St. Franziskus führen sie und ihre Kollegen eine aktivierende Pflege durch, bei der sie die Pflegebedürftigen – unter Berücksichtigung der Fähigkeiten der Bewohner – dazu anleiten, Dinge selbst zu tun oder mitzuwirken, soweit es möglich ist. Des Weiteren arbeiten sie mit Bezugspflege, bei der eine Pflegekraft die Pflege für eine bestimmte Person oder Gruppe übernimmt, damit die Bewohner und Pfleger sich gegenseitig kennenlernen und die Pfleger biografieorientiert arbeiten können. „Dafür müssen wir wissen, wie sie vorher gelebt haben. Denn das hier bei uns ist ja jetzt ihr neuer Weg – und für viele leider der letzte. Wir wollen den Menschen ermöglichen, dass sie sich wohl und zuhause fühlen“.
Dazu müssen die Pfleger genau beobachten, was die Menschen körperlich und seelisch brauchen: „Es ist wichtig, dass wir auch auf ihre Gefühle eingehen, wenn die Bewohner etwas auf dem Herzen haben. Wir versuchen dann so zu helfen, wie wir es können. Durch Zuhören zum Beispiel – das reicht auch schon manchmal.“

Pflegerin und Bewohnerin

Zwischendurch erzählt Erika Fritz immer wieder von vielen schönen Momenten, von Lächeln und Dankbarkeit, von aufbauenden Worten wie „Ich hab dich vermisst, Erika“ und von einer demenziell veränderten Bewohnerin, die eine ganze Zeit lang im Krankenhaus war und sich, als sie zurück kam, zwar nicht an ihr Zimmer im Pflegeheim, dafür aber an Erika Fritz erinnern konnte. „Solche Momente sind sehr schön, dann weiß ich auch, dass ich das Richtige gewählt habe.“

Ob sie sich da immer sicher sei? Auf jeden Fall gäbe es auch Augenblicke, in denen sie zweifle, antwortet sie ohne zu zögern. Gerade weil sie noch nicht so viel Erfahrung in dem Beruf habe, sind da natürlich Momente, wo sie nicht mehr weiterwisse. „Zum Beispiel, wenn Bewohner Krankheiten haben, bei denen das Ende absehbar ist und sie sich von diesem Leben und auch von uns verabschieden müssen. Diese Situation dann mitzumachen ist manchmal schwierig, weil man oft nicht weiß, was man sagen soll“. Außerdem erzählt die Altenpflegerin, wie schwierig es sei, Distanz zu wahren und dass sie selbst noch daran arbeite, das alles nicht zu nah an sich heran zu lassen. Jedoch versuchen sie und ihre Kollegen stets einander zu helfen und aufeinander aufzupassen.

»Wir brauchen auf jeden Fall Pfleger!«


Die Wichtigkeit des Pflegeberufs wird in unserem Gespräch immer wieder deutlich. „Wir brauchen auf jeden Fall Pfleger“, sagt Erika Fritz und man merkt, dass es ihr wirklich am Herzen liegt, dass es Menschen gibt, die sich für diesen Berufsweg entscheiden. Sie findet zwar, dass es in diesem Beruf schon etwas Lebenserfahrung brauche, um die Menschen im Pflegeheim richtig betreuen und begleiten zu können, allerdings betont sie auch, dass man an seinen Aufgaben wachse.

Sie selbst hat in ihrer Ausbildung viel dazu gelernt und passt jetzt mehr auf sich selbst auf, indem sie auf ihren Körper und ihre Psyche hört und merkt, wann sie eine Pause braucht. Auch über die Krankheitsbilder, wie zum Beispiel Demenz, Multiple Sklerose, Diabetes oder Parkinson, mit denen man es in der Pflege täglich zu tun hat, hat Erika Fritz viel gelernt.

Sie weiß jetzt, wie man sich bei den jeweiligen Krankheiten zu verhalten hat und welche Besonderheiten es auch bei der Medikamentenverabreichung zu beachten gilt. Dadurch mache sie sich auch weniger Sorgen um ihre eigene Zukunft, erzählt sie. Sie weiß, dass es Leute geben wird, die ihr selbst irgendwann einmal helfen können und vertraut auch ganz besonders auf ihre eigene Familie: „Was die Zukunft noch bringt, werden wir zusammen meistern.“

Pflegerin und alte Dame betrachten den Sonnenuntergang


Glauben - auch in den letzten Sekunden

Erika Fritz ist evangelisch und mit ihrem Glauben aufgewachsen. Nicht nur ihr selbst hat ihr Glaube geholfen – besonders, als sie ohne ihre Familie aus Rumänien nach Deutschland ausgewandert ist und dort zunächst einmal die neue Sprache lernen musste – sondern auch den Bewohnern in dem katholischen Pflegeheim, die fast alle gläubig sind. Erika Fritz erzählt von einer Bewohnerin, die relativ plötzlich verstorben ist und sehr gläubig war. „Sie hat gesagt, sie habe ihr Leben gelebt und jetzt könne sie zu Gott geholt werden“, berichtet sie. „Ihre letzten Worte waren Ich glaube jetzt holt Gott mich zu sich. Und das zu sehen, wie jemand auch in den letzten Sekunden seines Lebens so glaubt und darauf vertraut, dass er in gute Hände geht, ist wirklich schön“.

alter Mensch hält Rosenkranz in der Hand

Auch wenn es momentan schon ständig und überall Thema ist, reden auch wir über die aktuelle Lage, denn das Coronavirus beeinflusst natürlich auch das Leben im Pflegeheim. Es sei schon schwierig, erzählt Erika Fritz, gerade jetzt müssen sie ganz besonders auf sich und die Bewohner aufpassen und sie sowohl physisch als auch psychisch begleiten. „Wir versuchen mit den Bewohnern darüber zu sprechen, was sie beschäftigt. Denn sie machen sich ja auch Sorgen. Zum Beispiel, dass ihre Kinder momentan nicht arbeiten können und das Geld knapp wird.“ Ihre Angehörigen vermissten die Bewohner eine lange Zeit natürlich sehr, da Besuchsverbot herrschte. Das war einerseits schwierig, allerdings haben die Pfleger dadurch noch stärkere Beziehungen zu den Bewohnern aufbauen können, da sie sich ihnen in dieser Zeit immer mehr geöffnet haben.
Erika Fritz ist sehr dankbar, dass sie gesund ist und in diesen Zeiten weiterarbeiten und Menschen helfen kann.

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