Was andere denken ist „100 Prozent egal“
10.08.2017

Was andere denken ist „100 Prozent egal“

über eine internationale Beziehung

Sie ist Deutsche, er Syrer. Ruth Lammers und Hamed Kleeb sind seit zwei Jahren ein Paar. Ruth (21) macht gerade eine Ausbildung zur Hebamme, Hamed (29) einen Sprachkurs. Schon Level B2 – laut europäischer Referenz „gute Mittelstufe“. Das reicht zum Lieben und Streiten. Streit dauert bei den beiden aber maximal eine halbe Stunde. In Ruths Heimat Hardehausen war ihr erstes Treffen. Seit einem Jahr wohnen sie zusammen.

Greven-Reckenfeld im Münsterland

In Greven-Reckenfeld grüßt man sich nicht mit Autohupen. Hier wird geklingelt. Mit der Fahrradklingel. Denn Greven-Reckenfeld ist ein Fahrradort, etwa 20 Kilometer von Münster entfernt. Ebene Wege, Siedlungen mit Häusern aus roten Klinkersteinen. Hier wohnen Ruth Lammers und Hamed Kleeb. „So spießig bist du geworden, Ruth?“ Das fragen Freunde manchmal, seit sie zusammen in der Erdgeschosswohnung wohnen, erzählt Ruth. Lachend läuft sie am glatt gemähten Rasen vorbei.

Ihr Vater hatte Hamed zum Essen eingeladen. Ihn und die anderen fünf Flüchtlinge aus Hardehausen. Da haben sie sich zum ersten Mal gesehen. Lächelnd guckt Ruth Hamed in die Augen, als sie von dem Abend erzählt. Grün in braun. Sie erinnert sich zwei Jahre zurück. Ruths Eltern kannten die jungen Männer, weil sie ihnen geholfen haben, als sie im Herbst 2015 als Flüchtlinge ins Jugendhaus Hardehausen zogen. Hamed kommt aus Syrien, aus Rakka, der Stadt, die als Hochburg der Terrormiliz IS gilt. Er ist Anwalt. Das ist ein guter Job, aber er ist in Syrien zu gefährlich. Der Krieg hat Hamed aus seinem zuhause gedrängt.

Seit einem Jahr wohnen Ruth und Hamed in einer typischen Münsterland-Siedlung.

Nektarine, Banane und Datteln liegen auf dem runden Teller. Ein deutsch-orientalischer Naschteller. Ansonsten ist hier wenig orientalisch. Gestreifte Sitzkissen auf dem Balkon, rosa Rosen auf dem Tisch. Die Nachbarn grüßen, wenn sie durch den Gemeinschaftsgarten gehen. In der Wohnung herrscht geordnete Gemütlichkeit. Nur in der Küche mischt es sich. „Ohne Brot geht fast nichts“, erklärt Ruth. Damit meint sie hauchdünnes Fladenbrot. Mit Olivenöl bestrichen und einer besonderen Gewürzmischung bestreut, werden daraus arabische Sandwiches.

Wenn Hamed erzählt, was er in Rakka erlebt hat, kann Ruth ihm zuhören. Nachfühlen kann sie nicht alles. „Ruth versteht das nicht.“ Das ist gut so. Ruth kennt keinen Krieg. Sie kennt aus ihrem Leben nur Frieden. Deshalb erzählt ihr Hamed nicht alles. „Das ist ein Schutz für mich“, sagt sie. Hamed erzählt ihr nur so viel wie gut für sie ist. Seine Familie lebt noch in Syrien. Meist einmal die Woche telefoniert er mit seinen Eltern oder Geschwistern. Dafür müssen sie extra in eine andere Stadt fahren, denn in dem syrischen Dorf, in dem sie leben, funktioniert das Internet nicht. Ob er seine Familie vermisst? „Sehr… sehr. Jeden Tag.“ Aber jetzt ist Ruth seine Familie. Und ihre Eltern sind wie Eltern für ihn. Auch ihre Großeltern mögen den jungen Mann. „Aber meine Oma konnte sich den Namen nicht merken“, erzählt Ruth. „Sie hat entweder Hammi oder Hamlet gesagt.“

Komische Blicke haben sie nie getroffen. Nur ab und zu haben sie die aus Vorurteilen gebauten Standardwarnungen gehört: „Die arabischen Männer sind schlecht zu ihren Frauen…“, „Nimm keine deutsche Frau, die ist morgen wieder weg…“ Diese Sprüche spielen für sie keine Rolle. Hamed sagt sogar: „Alle Frauen sind gleich.“ Damit meint er wohl, dass deutsche Frau genauso wie arabische Frau mal besonders liebevoll und mal eher zickig sein können. Bei ihm und Ruth passt es einfach. Sie lieben sich. Was andere denken, ist „100 Prozent egal“.

Ruth und Hamed auf ihrem Balkon.

Auf dem Tisch stehen Cola und Wasser. „Arabische Männer trinken weniger Bier als deutsche“, sagt Ruth. Damit spielt sie darauf an, dass Hamed Muslim ist. Ruth ist katholisch. Ihre Religionen trennen sie nicht, im Gegenteil: „Wir haben den gleichen Gott.“ Ob er Allah oder Gott heißt, ist ihnen nicht wichtig. „Ich fühle mich in der Moschee genauso wie in der Kirche“, beschreibt Hamed. Denn er kann an beiden Orten Gott begegnen. Einmal hat er zuhause gebetet. Auf Arabisch, im Knien und Stehen. „Hamed ist ein sehr gläubiger Mensch“, sagt Ruth. Das findet sie schön. Sie mag auch, wenn in der Kirche gesungen wird. Das mag Hamed nicht. Das findet er irgendwie komisch, weil er in der Kirche relaxed sein und mit Gott sprechen möchte. Er glaubt: Gott mag keine Musik. „Das ist meine Idee. Aber ich beharre nicht darauf. Das ist so ok und so ok.“ Die beiden vergleichen ihre Religionen oft und merken dann meist, wie sehr sie sich ähneln. Gefeiert haben sie doppelt: die christlichen Feste Weihnachten und Ostern und das islamische Zuckerfest. Was Hamed allerdings nicht merkt: Statt „Christen“ sagt er immer „Christian“. Ruth stört’s nicht. Sie hört lächelnd zu.

Ahmad ruft an. Schon zum zweiten Mal. Zeit für die Männerrunde. Öfter mal trifft sich Hamed mit seinem syrischen Freund zum Billiard-Spielen oder um am Aasee in Münster zu spazieren. Sie kennen sich ewig und sind zusammen nach Deutschland geflohen. "Freundschaft und Familie haben für sie eine total wichtige Bedeutung", sagt Ruth. Ahmad hat eine syrische Frau und schon Kinder. Hamed möchte auch eine Familie gründen, aber das muss nicht sofort sein. Seinen Eltern hat er erzählt, dass Ruth eine Etage über ihm wohnt. Wenn sie wüssten, dass sie zusammenwohnen, würden sie noch öfter fragen, wann er endlich heiratet. Schließlich ist er der älteste Sohn. Aber Hamed stresst das nicht. Er lebt in seinem Tempo. Immerhin: Laut Koran ist es erlaubt, dass ein Muslim eine Katholikin heiratet. In der katholischen Kirche ginge das auch mit einer Dispens, einer Erlaubnis vom Bischof. Die Ehe ist dann aber kein Sakrament.

Nirgendwo in der Wohnung gibt es einen Kalender. „Wir haben keinen Terminkalender, weil man mit Hamed keine Termine machen kann“, erklärt Ruth. Hamed lacht. „Mein Problem in Deutschland: Ich kann nicht planen.“ Belustigt erzählt er, wie Ruth in manchmal fragt, ob er drei Monate später mit auf eine Party möchte. „Dann sage ich immer: ja, 50:50.“ Das kann er an den Deutschen nicht verstehen. Warum sie immer so viel im Voraus planen und nicht einfach leben.

Sie stehen Seite an Seite: Ruth und Hamed. Fotos: Marie Eickhoff

RUTH

Was kann Hamed besser als du? – Kochen.

Was liebst du am meisten an Hamed?
Dass er alles kann. Er hat einfach mehr Lebenserfahrung hat und bessere Menschenkenntnis als ich. Deshalb weiß er so viel und hat immer einen Rat. Außerdem finde ich ihn richtig, richtig schön… und ich merke, wie sehr er mich liebt.

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