Du kannst Likes sammeln, beim Sport abliefern, viele Freunde haben, gut aussehen – und dich trotzdem innerlich unsicher fühlen. Warum fällt es so schwer, sich selbst anzunehmen?
Im Interview erklärt Cornelia Müller, wie alte Verletzungen unser Selbstbild prägen, warum Vergleiche auf Dauer nicht tragen und wie der Blick Gottes helfen kann, den eigenen Wert neu zu entdecken.
Wir haben sie beim Pfingstfest 2026 in Paderborn-Elsen interviewt, wo sie einen Workshop zum Thema Selbstliebe gegeben hat.
Zur Person
Cornelia Müller wohnt in Westerkappeln in der Nähe von Osnabrück. Sie ist Diplom-Theologin und Studienrätin für Deutsch und Religion an einem Gymnasium. Zudem arbeitet sie als christlich-psychologische Beraterin.
Warum ist es nicht selbstverständlich, dass wir uns selbst lieben?
Das liegt sehr oft an Verletzungen aus der Kindheit. Zum Beispiel, wenn ich von meinen Eltern, Freundinnen, Freunden oder Mitschülern nicht so angenommen wurde, wie ich bin – als Mensch, der von Gott gewollt und geschaffen ist. Dann kann mir auch der Zugang zu Gott und zu meinem eigenen Wert versperrt werden.
Wie geht das?
Das passiert oft sehr subtil. Man spürt es allein durch die Atmosphäre, durch Schweigen, fehlende Unterstützung oder fehlendes Verständnis: Jemand ist nicht wirklich mit mir einverstanden. Was ich in der Kindheit und Jugend erlebe, prägt mich und kann dazu führen, dass ich auch als erwachsene Person denke: Mit mir stimmt etwas nicht. Ich bin nicht genug.
Und dann?
Wenn ich nicht mit der Erfahrung aufwachse, bedingungslos geliebt zu sein, werde ich innerlich unsicher. Dann bin ich viel anfälliger für Einflüsse von außen – aus meinem Umfeld, durch Social Media oder auch durch politische Strömungen. Wenn ich meinen Wert nicht von innen heraus kenne, suche ich woanders Orientierung: in falschen Identitäten.
Zum Beispiel?
Über Leistung in Sport, Schule oder Beruf. Oder über den Körper: eine schlanke Figur, viele Muskeln. Auch Zugehörigkeit zu einer Clique, teure Klamotten oder das neueste Handy können solche „Ersatz-Identitäten“ werden.
Aber es tut ja schon gut, dazuzugehören oder beim Fußball zu gewinnen…
Ja, kurzfristig schon. Aber das lässt mit der Zeit nach wie Koffein: Man braucht bald die nächste Bestätigung. Anhaltenden inneren Frieden finde ich nur, wenn ich mir meinen Wert von Jesus geben lasse – unabhängig von meiner aktuellen Lebenssituation. Deshalb ist Selbstliebe auch ein Gebot Gottes.
Was heißt das?
Neben der Liebe zu Gott und zum Nächsten gibt es als Drittes die Liebe zu sich selbst. Das ist wie bei einem dreibeinigen Hocker: Wenn ein Bein zu kurz ist, wird alles wackelig und man fällt hin. Selbstliebe ist die Voraussetzung für Gottes- und Nächstenliebe. Wenn ich mit mir selbst nicht einverstanden bin, erwarte ich diese Bestätigung von anderen – und überfordere damit Partnerinnen, Partner oder Freundinnen und Freunde. Das ist nicht deren Job.
Wessen dann?
Nach Romano Guardini, einem der bedeutendsten Religionsphilosophen und Theologen des 20. Jahrhunderts, hat Selbstliebe zwei Seiten. Erstens: Ich nehme mein Leben so an, wie ich es vorfinde – weil ich mir nicht selbst gehöre, sondern von Gott geschenkt bin. Zweitens, und das ist der aktive Teil: Ich gehe mit mir so um, wie Gott mit mir umgeht.
»Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.«
Evangelium nach Lukas, 3,22
Wie kann ich Seiten von mir annehmen, mit denen ich kämpfe?
Da hilft mir der Blick auf Jesus. Er ist gekommen, um uns unsere wahre Identität zu zeigen und uns zu erlösen. Bei seiner Taufe im Jordan hört er die Stimme des Vaters: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“ Bei seinem Tod am Kreuz sehen wir, dass er unsere Wunden trägt und sie damit annimmt. Wenn ich mit mir kämpfe, mich verändere oder Fehler mache, bleibe ich dieses geliebte und erlöste Kind Gottes. Das ist meine Identität.
Wie kann ich mich so sehen, wie Gott mich sieht?
Da gibt es mehrere praktische Wege. Einer der wichtigsten ist, sich bewusst unter den Blick Gottes zu stellen. Man kann zum Beispiel Psalm 139 lesen. Darin steht, dass Gott mich sieht, mich kennt und mich liebevoll geschaffen und gewollt hat. Wenn man das ernsthaft tut, melden sich oft innere Widerstände und Lügen.
Und dann?
Diesen Widerstand nicht wegdrücken, sondern zulassen – und ihm eine andere Wahrheit entgegensetzen: „Ich glaube diesen falschen Gedanken nicht. Ich glaube der Wahrheit, dass ich ein geliebtes Kind Gottes bin.“ Am besten spricht man das laut aus. Wenn man das immer wieder tut, kann die Wahrheit die alten Lügen nach und nach ersetzen.
Wie kann man – ganz praktisch – sich selbst finden, um sich dann zu lieben?
Erstens: sich täglich zehn Minuten Zeit nehmen, um ins eigene Herz zu hören. Was geht dort vor? Wer bin ich? Und was möchte ich Jesus vielleicht hinhalten, damit er es verwandelt?
Zweitens: einen vertrauten Menschen fragen, wie er oder sie mich sieht.
Drittens: wahrnehmen, in welchen Situationen ich ganz aufgehe, also im Flow bin. In solchen Momenten zeigt sich oft etwas von meinem echten Personenkern. Das Problem vieler Menschen heute ist: Sie wollen sich annehmen, sind aber gar nicht bei sich selbst zu Hause. Deshalb wissen sie oft nicht, wen sie da eigentlich annehmen sollen.
Wie sehr gelingt es Ihnen selbst, in Selbstliebe zu leben? Und wie realistisch ist das überhaupt?
Ich war schon als Jugendliche ein Mensch voller Sehnsucht und habe immer nach mehr gesucht. Gott sei Dank habe ich mit 14 Jahren christliche Kreise gefunden, in denen ich an den richtigen Quellen suchen und aus ihnen trinken konnte. Seit etwa 35 Jahren bin ich drangeblieben. Heute würde ich sagen: Einen Teil dieses Friedens trage ich in mir.
Wie suchen Sie diese Quelle?
Ich lese täglich in der Bibel und frage Jesus ganz direkt: Wie siehst du mich? Was willst du mir sagen? Ich habe gelernt, ihn in meinem Herzen zu hören. Letzte Woche hatte ich den Eindruck, dass er zu mir sagt: Du bist mein Sonnenschein. Das steht natürlich nicht wortwörtlich in der Bibel, aber es passt zu dem, was dort über Gottes Liebe steht.
Und außerdem?
Ich nehme mir täglich Zeit für Gebet und Stille. Etwa dreimal in der Woche lese ich mit meinem Mann oder mit christlichen Freundinnen und Freunden Texte über den Glauben – zum Beispiel Romano Guardinis Buch über Selbstannahme. So fülle ich meine Gedanken mit dem, was ich als Wahrheit Gottes verstehe. Denn was wir denken, beeinflusst, wie wir fühlen, handeln und die Welt wahrnehmen. Wenn ich diese Wahrheit lese, verändert sie mein Herz. Dann sehe ich andere Menschen und auch mich selbst anders.
Vielen Dank für das Gespräch.