25.08.2019

Body & Soul

Schüchtern, sensibel, selten

Sensibel-Sein ist keine Schwäche, sondern dahinter steckt echtes Potential. YOUPAX zeigt euch auf, wie wichtig es ist, achtsam mit Sensibilität umzugehen. 

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Von Miriam Pawlak

Du bist viel zu schüchtern!“ „Jetzt sei doch nicht so sensibel!“ Oft werden solche Sätze missbilligend geäußert. Die angesprochene Person fühlt sich dadurch meist missverstanden und sogar verletzt. Was kann man dafür, dass man so ist, wie man ist? Und was meinen die Begriffe überhaupt?

Sind Sie hochsensibel?

Schüchternheit und Sensibilität ist nicht das gleiche. Sensible Menschen werden oft missverständlich als introvertiert oder schüchtern abgestempelt, jedoch muss das nicht sein. Es gibt auch Extrovertierte, die sehr sensibel sind.
In diesem Artikel schreibe ich gezielt über die Sensibilität als Persönlichkeitsmerkmal. Viele Aussagen stütze ich auf die Forschungen der amerikanischen Psychologin, Psychotherapeutin und Universitätsprofessorin Elaine N. Aron. Sie selbst behauptet von sich aus, hochsensibel zu sein und gilt als Pionierin auf diesem Feld. Die folgenden Zitate sind der deutschen Übersetzung des Buches Sind Sie hochsensibel?, das 2018 bereits in der 12. Auflage erschienen ist, entnommen.

»Generell sind wir Hochsensiblen große Grübler, müssen alles in allen Facetten durchdenken. Viel Energie verwenden wir darauf, unsere Gefühle zu ergründen und uns in andere hineinzufühlen.«

Elaine N. Aron

Blick auf die Skyline Frankfurts
Eine Frau fotografiert mit ihrem Smartphone.

Introvertiertheit, Schüchternheit, Gehemmtsein – keiner der Begriffe drücke den neutralen und recht positiven Aspekt der Eigenschaft aus: „Sensibilität“ mache auf neutrale Weise die größere Empfänglichkeit gegenüber Reizen deutlich, schreibt Aron.

Menschen, die die Welt intensiver sehen, hören, schmecken, riechen als die anderen, Menschen, die eine reiche Vorstellungskraft und lebendige Träume aufweisen, Menschen, die äußerst feinfühlig den Alltag wahrnehmen und dabei von zu vielen äußeren Reizen überfordert werden können: Diese Menschen, männlich wie weiblich, (über diverse gibt es noch keine Langzeitstudien), machen etwa 10-15 Prozent der Gesamtbevölkerung aus: Sie sind sensibel bis hochsensibel.

Einzigartig, aber missverstanden

Das heißt nicht, dass sie Opfer einer Krankheit, also eines sogenannten „Syndroms“ sind, obgleich bewiesen wurde, dass Sensibilität in den meisten Fällen vererbt wird. Vielmehr repräsentieren sie ein in den 90-er Jahren wissenschaftlich entdecktes Phänomen. Dadurch, dass die Wenigsten über Ihre Empfindungen sprechen, sind sie sich meistens gar nicht darüber bewusst, wie wertvoll sie sind. Sie haben die Neigung, sich nach innen zu wenden. Vermutlich hat es auch deshalb so lange gebraucht, bis diese Seite der Menschen unter die Lupe der Psychologie genommen wurde.
Auch die Angst davor, unterschätzt, missverstanden, bewertet und verurteilt zu werden, weil sie zaghaft oder zögerlich reagieren (und sei es auch nur, wenn sie spontan auf eine Frage antworten sollen), hemmt, darüber zu sprechen. Es ist nicht leicht für sie. Keineswegs. Sie würden es gerne ändern, aber erstens geht das nicht so einfach und zweitens würden sie eine sie auszeichnende Eigenschaft verlieren, die sie letztlich unglücklich machen würde.
Vielleicht erkennst du dich ja bei der ein oder anderen Stelle wieder oder dir fällt jemand ein, der/die so ist. Ich habe es nicht gewagt, für dieses Thema jemanden nach einem Interview zu fragen. Hochsensible Menschen bekommen schnell das Gefühl eine Stolperfalle zu sein, nur weil sie in der Gesellschaft eher unauffällig sind. Dabei können sie im engsten Freundeskreis und im näheren Umfeld richtig aufblühen.

Für betroffene Personen ist es am wichtigsten, sich ernstgenommen zu wissen. Sie dürfen keinesfalls diskreditiert werden, weil sie in der Gesellschaft eine Randgruppe darstellen. Zu sehr denkt man bei diesem Thema, dass es ein typisches „Frauenproblem” sei. Die Forschung zeigt aber eindeutig, dass Männer ebenfalls diese Merkmale aufweisen. Sie sprechen nur noch weniger darüber als Frauen. Die Gesellschaft scheint auch zu erwarten, dass Männer weniger schüchtern zu sein haben. Hinzukommt, dass die Begriffe „sensibel" oder „schüchtern“ im Deutschen leider minderwertig klingen. Aron bemerkt, dass in der Sprache Mandarin der Ausdruck „schüchtern“ oder „ruhig“ bedeutet, dass man sich gut und richtig verhält. Sensibilität kann man mit „verständnisvoll“ übersetzen, was ein Lob ist.

Intuitiv, künstlerisch

Und genau darauf kommt es an: Anzunehmen, dass Sensibilität ein hohes Gut ist. Die intensiven Gefühle und den scharfen Blick auf die Welt der Sensiblen zu schätzen. Sensible Menschen sind auch empfänglicher für Kunst, Musik, Spiritualität und Ethik als andere. Das können sie nutzen. Sie bringen Großes hervor, obwohl sie noch Größeres wagen könnten. Die Angst abzuheben, die sich wie eine Schlinge, nicht an die Ferse, sondern um den Hals schnürt und so verhindert, dass sie sprechen, gerade dort, wo sie gerne etwas sagen würden.
Wenn dir auffällt, dass Menschen immer wieder betonen, dass das, was sie leisten nicht ihr Eigenverdienst ist, obwohl du findest, dass sie eine grandiose Art des Denkens haben, die sie auch wunderbar zeigen können, dann ist es oft ein Zeichen dafür, dass sie hochsensibel sind. Mögen deine Gesten, deine Zeichensprache diesen Menschen gegenüber auch noch so klein sein – sie sind Gold wert für diejenigen, die häufig das Gefühl haben, nicht gut genug zu sein. Es kostet dich vielleicht ein paar Sekunden, für sensible Menschen bleiben deine Worte und Handlungen unvergesslich.

Es ist nicht notwendig, dem Buch oder der Professorin in allem zuzustimmen. Schließlich handelt es sich dabei um einfühlsamen Versuch, dem Phänomen der Hochsensibilität Aufmerksamkeit zu schenken. Es beschreibt ein wissenschaftlich eingeholtes Konzept, das sich einer Minderheit in der Gesellschaft widmet. Es macht neugierig, weil es spannende Wege zeichnet, mit Sensibilität umzugehen.

Blick auf den Main
Eiskaffee

Es gibt allen Grund, stolz zu sein

Sensibilität ist eine anmutende Gabe, ein Geschenk, das unterschätzt, teilweise sogar diskreditiert wird. Sie sitzt tief im Innern des Menschen und macht ihn deshalb leicht verletzlich. Dieser Kern, den jeder Mensch ausnahmslos besitzt, ist in Wirklichkeit ein Diamant, der zum Strahlen gebracht werden will. Sein Strahlen durchdringt den Körper zum Äußeren und scheint über das Wesentliche, das Menschsein hinaus. Es liegt an uns selbst, diesen Diamanten zu pflegen, ihn zu reinigen und ihm immer wieder einen neuen Schliff zu verleihen. Aber es können auch andere Menschen dazu verhelfen, dass der Glanz nie verloren geht, indem sie zu verstehen bereit sind. 

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