Mail
08.03.2021

Body + Soul

Sie schreibt mit den Verzweifelten

Melanie hilft Jugendlichen mit Suizidgedanken – und das ehrenamtlich

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von Tobias Schulte

Experten schätzen, dass in Deutschland täglich 40 Jugendliche versuchen, sich das Leben zu nehmen. Durchschnittlich sterben zwei Jugendliche jeden Tag durch Suizid. Was tun? Eine Lösung lautet: den Betroffenen zuhören, Mut zusprechen und falls nötig professionelle Hilfe ermöglichen. Dafür hat die Caritas das Online-Beratungsangebot „[U 25]“ entwickelt.

Per anonymer Mail können betroffene Jugendliche und junge Erwachsene ihre Probleme und Sorgen per Mail schreiben. Die Mails landen dann bei ehrenamtlichen Peer-Beratern wie Sven und Melanie. Die beiden heißen eigentlich anders, müssen aber anonym bleiben.

Mit jeder Mail, die sie erhalten und schreiben, tauchen Sven und Melanie in Emotionen ein, die vielen verborgen bleiben. Wir erzählen nacheinander die Geschichte der beiden Ehrenamtlichen. Hier geht es zum ersten Teil.

Melanie begleitet die beiden. Durch Höhen und Tiefen. In einem Pädagogik-Seminar an der Uni ist dann an einem Tag eine Mitarbeiterin der Caritas zu Gast. Sie stellte das Projekt „[U25]“ vor. „Das fand ich super interessant“, sagt Melanie. Sie bewarb sich als Ehrenamtliche für das Projekt, absolvierte die halbjährige Ausbildung zur Peer-Beratenden und hilft nun jungen Menschen, denen es ähnlich wie ihrer Freundin und ihrem Freund geht.

Melanie studiert Spanisch und Pädagogik auf Lehramt. Sie mag es, hinter die Fassade zu blicken. Menschen ein Ohr zu schenken. Möglichst gut für andere da zu sein. Es erfüllt sie, wenn sie spürt, dass sie etwas Gutes tut. Noch bevor sie von dem Angebot der „[U25]“-Suizidprävention hört, erfährt Melanie, dass eine gute Freundin von ihr an Depressionen leidet. „Seit der Schule hatte sie mit Suizidgedanken zu kämpfen“, sagt Melanie. Dann vertraut ihr auch ein guter Freund an, dass er wegen seiner Familiengeschichte in psychologischer Behandlung ist.

Hohe Nachfrage
Da sich Jugendliche und junge Erwachsene in Krisen eher an Gleichaltrige wenden, ist das Angebot der U25-Suizidberatung hoch nachgefragt. Im Jahr 2020 wurden allein in NRW 496 Ratsuchende durch Peers beraten. Deutschlandweit waren in 2020 zu 65 Prozent der Zeit keine Beratungskapazitäten mehr frei. U25 ist ein deutschlandweites Projekt der Caritas. An zehn Standorten werden die Peer-Berater ausgebildet und begleitet, zum Beispiel in Dortmund und Paderborn.

Melanie fällt etwas auf. Wenn sie mit jungen Menschen schreibt, die Suizidgedanken haben, dann beobachtet sie: „Viele von denen sind super im Studium und kommen so rüber, als stünden sie fest im Leben. Aber innerlich haben sie damit zu kämpfen, dass sie sich unwohl fühlen und unzufrieden sind“.

In ihrer Beobachtung steckt mehr, als es vielleicht auf den ersten Blick scheint. Wenn du auf deine vergangenen Tage schaust – wie viel spielte sich dabei vor und wie viel hinter der Fassade ab? Wo brauchte es Nähe, um Wunden zu heilen? Wo brauchte es die Fassade, um den Alltag zu meistern?

Zweifel

„Er hatte das Gefühl, dass er sich etwas antun möchte“

Vor gut einem Jahr meldete sich ein besonderer Klient bei Melanie. Er hatte vier Suizidversuche hinter sich. Dazu ging seine Beziehung in die Brüche. „Dann kam Corona und er hatte das Gefühl, dass er sich wieder etwas antun möchte“, erzählt Melanie.

Wie genau Melanie auf die Nachricht des Klienten reagiert hat, kann und darf sie nicht im Detail erzählen. Sie verrät so viel: „Wir haben darüber gesprochen, was er gern macht. Was er für Freunde hat. Wie es seinen Eltern und seiner Familie geht.“ Melanie erzählt, wie sich der Klient nach und nach von Freunden, die ihm nicht gutgetan hätten, gelöst hat. Und wie er sich mit seiner Schwester darüber ausgesprochen hat, was zwischen den beiden stand.

„Er hat viele Tipps angenommen, ausprobiert, zurückgemeldet, was nicht funktioniert hat“, sagt Melanie. Und: „Er war nie wieder so schlecht drauf wie am Anfang“. Nun hat sich der Klient seit mehr als einem Monat nicht mehr gemeldet.

Eine anonyme beste Freundin

Wenn Melanie mal Abwechslung von ihrem Studien-Alltag braucht, geht sie gern mit Freundinnen und Freunden Bouldern. Ein Sport, bei dem Fingerkraft, Geschicklichkeit und Ausdauer gefordert sind. „Da versuche ich mich in den Schwierigkeitsgraden immer zu steigern“, sagt Melanie.

Ein anderer fester Bestandteil ihrer Freizeit ist auch das Ehrenamt als Peer-Beraterin. Gut drei Stunden pro Woche schreibt Melanie mit den Klientinnen und Klienten. Sie ist eine Art anonyme beste Freundin, der die jungen Menschen alles erzählen können, was sie belastet. Statt einer tröstenden Umarmung kann Melanie in ihren Nachrichten Mut zusprechen und Tipps geben, wie es weitergehen kann.

Ausbildung zur Peer-Beratung
Um gezielt helfen zu können, lernen die ehrenamtlichen Beratenden in einer Fortbildung, wie es zu Krisen kommt, wie psychische Krankheiten und Suizidgedanken entstehen. Dann bekommen sie die Techniken des personenzentrierten Ansatzes nach Carl Rogers beigebracht, um in den Mails auf die Probleme der Jugendlichen und jungen Erwachsenen einzugehen. Durch gezielte Fragen und emotionale Unterstützung soll dem Klienten dabei geholfen werden, seine eigenen Ziele zu formulieren und seinen eigenen Weg zu gehen.

Mit wem sie da wirklich schreibt, wird Melanie nie erfahren. Das Angebot läuft komplett anonym. Doch durch den engen Kontakt erfährt sie schon so viele Details aus dem Leben der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, dass sie sagen kann: „Psychische Probleme betreffen junge Menschen aus allen Schichten. Es melden sich viele Jungen und Mädchen, von denen man das so nicht denken würde.“

Vielen fehlt etwas Essenzielles

Dass psychische Probleme unsichtbar bleiben, hat immer zwei Seiten. Die Betroffenen müssen sich trauen, sich an jemanden zu wenden. Jemanden hinter die Fassade blicken zu lassen. Und die Menschen im Umfeld der betreffenden Person müssen aufmerksam und einfühlsam sein. Zwei Voraussetzungen, die längst nicht immer gegeben sind, wie Melanie weiß. Sie sagt: „Ich spüre, wie vielen Menschen etwas Essenzielles fehlt: eine Person, mit der man sprechen kann.“

Verstärkt wird ihre Aussage noch von einer anderen Beobachtung. Melanie sagt: „Mich bewegt auch, wie schwierig es für viele Menschen ist, aus der Krise selbst herauszukommen“. Dann erzählt sie von jungen Menschen, die ihr schreiben, dass sie keine Kraft und Motivation mehr haben, aus dem Haus oder sogar aus dem Bett zu kommen.

Die kleinen Hinweise sehen

Aufrüttelnde Botschaften lassen sich leicht aus dem Gespräch mit Melanie ziehen. Doch es gibt auch zutiefst positive Momente in dem Interview. Zum Beispiel, wenn die Studentin davon erzählt, wie es sie erfüllt, dass sich Klientinnen und Klienten bei ihr bedanken. Wenn die Jugendlichen fragen, wie es Melanie denn eigentlich geht. Und wenn sie sieht, dass die Klientinnen und Klienten ihre Tipps annehmen.

Dann kommt Melanie auf ihre privaten Freundschaften zurück. Sie sagt: „Oft überhört oder übersieht man Kleinigkeiten, die zeigen, dass es Freundinnen und Freunden nicht gut geht. Ich habe gelernt, diese kleinen Hinweise zu erkennen und anzusprechen.“

Wenn Melanie weiter darüber spricht, was sie durch das Ehrenamt als Peer-Beraterin gelernt hat, wird sie fast schon philosophisch. Dann sagt sie Sätze wie: „Man sollte jedes Problem als ein Problem sehen und es nicht abtun, weil man selbst kein Problem damit hat.“ Oder: „Ich bin jemand, der sich gern große Sorgen macht. Aber da komme ich durch die Peer-Beratung auf den Boden zurück. Ich habe eine super Familie, tolle Freunde, ein Studium, das mir Spaß macht. Ich fühle mich wohl. Das vergisst man, wenn man nicht aktiv daran erinnert wird, dass es vielen Leuten nicht gut geht.“

Wenn du dich in einer akuten Krise befindest, wende dich bitte an deinen behandelnden Arzt oder Psychotherapeuten, die nächste psychiatrische Klinik oder den Notarzt unter 112. Du erreichst die Telefonseelsorge rund um die Uhr und kostenfrei unter 0800-111 0 111 oder 0800-111 0 222.

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