Papst Franziskus umgeben von einer begeisterten Menschenmasse
24.08.2022

Faszination

So glaubt und betet Papst Franziskus

Papst Franziskus – was ihn ausmacht und warum er ein Mann der Gottesbegegnung ist

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von Theresa Oesselke

Wie glaubt und betet eigentlich ein Papst? Papst Franziskus interessiert, begeistert, fasziniert. Er wird monatlich bei Google öfter gesucht als Jesus Christus. Verrückt, oder?

Ich selbst kann mich gut daran erinnern, als ich bei seiner Wahl zuhause vor dem Fernseher saß. Damals war ich 12 Jahre alt. Von der lateinischen Ansprache des Kardinals, der das Ergebnis der Wahl verkündete, habe ich damals natürlich nichts verstanden. Auch konnte ich mit dem Namen Jorge Mario Bergoglio nichts anfangen. Aber die Bilder aus Rom von den jubelnden Menschenmassen auf dem Petersplatz und dem Blitzlichtgewitter der Journalisten haben mich beeindruckt.

Wer ist dieser Mann, der sich selbst als „vom Ende der Welt“ bezeichnet und den Namen Franziskus gegeben hat? Der, so wird gemunkelt, 2005 schon fast Papst geworden wäre? Dessen erste Worte an das Volk ein simples „Buona sera“ waren? Und: Wie lebt Papst Franziskus seinen Glauben? Wie betet er? Woraus schöpft er Kraft?

Ich tauche ein in das Leben eines der mächtigsten Menschen der Welt, der zugleich doch so menschennah scheint. Was macht ihn aus und was fasziniert so viele Menschen an ihm?

Papst Franziskus seine Kindheit und Jugend

Die Geschichte von Papst Franziskus beginnt im Jahr 1936, als Jorge Mario Bergoglio am 17. Dezember in Buenos Aires geboren wird. Seine Familie stammt ursprünglich aus Norditalien und seine Großeltern waren 1929 nach Argentinien ausgewandert. So besitzt Papst Franziskus beide Staatsangehörigkeiten – die argentinische und die italienische. Er ist das älteste von fünf Geschwistern. Nach dem Abschluss seiner Schulzeit denkt er noch nicht daran, Priester zu werden, sondern absolviert ein Diplom als Chemietechniker.

Unerwartete Begegnung mit Gott

Der 21. September 1955 gibt dem Leben des jungen Jorge Mario Bergoglio dann eine andere Richtung. Er ist der „Tag der Studenten“, an dem sich Bergoglio mit seinen Freunden zum Feiern verabredet hat. Und es soll noch der Tag einer intensiven Gottesbegegnung werden.

Die Basilika von San José de Flores in Buenos Aires, in der Papst Franziskus seine Berufung erkannte
Die Basilika von San José de Flores in Buenos Aires, in der Papst Franziskus seine Berufung erkannte

Auf dem Weg zur Party macht der spätere Papst einen Abstecher in seine Pfarrei, in die Kirche von San José de Flores. Ein Besuch, der sein Leben grundlegend verändern wird. Als er in die Kirche kommt, begegnet er dort einem ihm unbekannten Priester. Da dieser auf ihn einen tief spirituellen Eindruck macht, beschließt Bergoglio, bei ihm zu beichten. Diese Beichte ist für ihn keine Beichte wie die vielen anderen, sondern sie rüttelt sein Leben auf. Er beschreibt sie in einem Interview wie folgt:

„In dieser Beichte ist mir etwas Seltsames passiert. Ich weiß nicht, was es war, aber es hat mein Leben verändert. Ich würde sagen: Es hat mich getroffen, als ich offen und ungeschützt war. […] Es war die Überraschung, das maßlose Erstaunen über eine wirkliche Begegnung. Ich merkte, dass ich erwartet wurde. Das ist die religiöse Erfahrung: das Erstaunen darüber, jemandem zu begegnen, der dich erwartet. Von diesem Zeitpunkt an ist es Gott, der einen mit einer Ausschließlichkeit umwirbt, wie es sie nur in der ersten Liebe gibt. Man sucht Ihn, aber Er sucht dich zuerst. Man möchte Ihn finden, aber Er findet uns zuerst.“

Es sei nicht nur das Erstaunen gewesen, sondern vor allem die barmherzige Weise, in der Gott ihn damals ansprach – eine Weise, die sich im Laufe der Zeit als Quelle der Inspiration für sein geistliches Amt entwickeln sollte. So schreiben die Biographen Sergio Rubin und Francesca Ambrogetti im Anschluss an Bergoglios Schilderungen. Für Bergoglio ist Barmherzigkeit der „Name Gottes schlechthin.“ Später als Papst wird das Thema Barmherzigkeit zum grundlegenden Akzent seines Pontifikates werden.

»Barmherzigkeit ist in der Tat der Name Gottes schlechthin«

Papst Franziskus
in seiner Botschaft zum Welttag der Kranken

Papst Franziskus und sein Weg zum Priestertum

Statt zur Feier mit seinen Freunden zu gehen, kehrt Bergoglio wieder nach Hause zurück – mit dem Wunsch, Priester zu werden.

Aber er tritt noch nicht sofort ins Priesterseminar ein. Zunächst schließt er das Gymnasium ab und setzt seine Arbeit im ernährungswissenschaftlichen Labor fort. Von seiner Entscheidung erzählt er niemandem. Eigentlich ist er sich seiner geistlichen Berufung zum Priestertum sicher, aber er gerät in den darauffolgenden Jahren in eine Reifungskrise, die ihn auch das Gefühl von Einsamkeit spüren lässt. Er selbst beschreibt sie als „passive Einsamkeit“, die man ohne einen bestimmten Grund erleide. Durch diese Erfahrung habe er gelernt, mit Einsamkeit leben zu können.

Zwischen Leben und Tod

Im jungen Erwachsenenalter erlitt Papst Franziskus eine tiefgreifende Krise. Als er 21 Jahre alt ist, diagnostizieren die Ärzte bei ihm eine schwere Lungenentzündung und entfernen seine obere Hälfte der rechten Lunge. Seitdem leidet der Papst an einer Lungeninsuffizienz, die ihn immer wieder an die Begrenztheit des menschlichen Lebens erinnert. Diese Phase, betont Franziskus, habe ihn erkennen lassen, was im Leben wichtig und was nebensächlich sei. Und auch sein Glaube sei durch die Krankheit stärker geworden.

Vom einfachen Jesuiten zum Papst

Nach zwei Jahren im Priesterseminar der Erzdiözese Buenos Aires entscheidet sich Bergoglio für den Eintritt in die Gesellschaft Jesu, den Jesuitenorden. Am Ende des Noviziats legt er seine ersten Ordensgelübde ab. Es folgen Studien der Geisteswissenschaften und Philosophie. Später wird Bergoglio Lehrer für Literatur und Psychologie an verschiedenen Kollegien, bevor er das Studium der Theologie beginnt. Mit 33 Jahren wird Jorge Mario Bergoglio schließlich zum Priester geweiht. Nach seiner Weihe folgen verschiedene Tätigkeiten im Jesuitenorden als Novizenmeister – also Ausbilder neuer Ordensmitglieder –, Provinzial, Rektor und Beichtvater. Zwischenzeitlich lebt er für drei Monate in Deutschland, um eine Arbeit über den Religionsphilosophen Romano Guardini zu schreiben.

Im Jahr 1992 wird Jorge Mario Bergoglio zum Weihbischof von Buenos Aires ernannt, sechs Jahre später zum Erzbischof dieser Diözese. Und im Jahr 2013 dann der große Moment: Beim Konklave nach dem Rücktritt von Papst Benedikt XVI. wird Bergoglio im fünften Wahlgang zum Papst gewählt. Als Papst Franziskus ist er der 265. Nachfolger des hl. Petrus.

Papst Franziskus während einer Audienz auf dem Petersplatz in Rom

Es gibt viele Facetten, die Papst Franziskus ausmachen. Hervorgehoben wird immer wieder, dass er ein Anwalt der Armen ist. Mich faszinieren vor allem zwei Aspekte, die Impulse für den eigenen christlichen Glauben geben können: seine ignatianische Spiritualität und seine Gebetspraxis.

Glaube von Papst Franziskus: Gott in allem suchen und finden

Der Schlüssel, um den Glauben und all das Handeln und Denken von Papst Franziskus verstehen zu können, ist die ignatianische Spiritualität, die ihn von Jugend an geprägt hat. Es ist eine Haltung der geistlichen Unterscheidung. Der Versuch, Gott in allen Dingen des Lebens zu suchen und zu finden. In den Ereignissen, Empfindlichkeiten, Wünschen, tiefen Spannungen des Herzens. Eine Haltung, die innerlich offen ist für den Dialog und die Begegnung mit Gott.

Der italienische Jesuit Antonio Spadaro erzählt, dass Bergoglio als Rektor die jungen Ordensleute aufgefordert habe, mit den Ärmsten zu arbeiten, aber auch sonntags in das angesehene Theater der Stadt zu gehen. An beiden Orten sollten sie lernen, das Bild Gottes zu erkennen. Ein Jesuit sei nach Ansicht Bergoglios immer auf Christus als Zentrum seines Lebens ausgerichtet. Dabei braucht er durch die Haltung der geistlichen Unterscheidung keine Angst vor Mehrdeutigkeiten des Lebens zu haben, sondern kann sich ihnen mit Mut stellen. Die geistliche Unterscheidung ist kein intellektuelles Wissen, sondern ein Wissen, das die Werte von Herz und Verstand integriert.

Unterscheidung der Geister

Die Methode der Unterscheidung der Geister geht auf den Gründer des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola, zurück.

Ignatius geht davon aus, dass Gott sich auch im Inneren eines Menschen zeigt.

Geister sind für Ignatius alle Regungen, die sich im Inneren eines Menschen abspielen: Stimmungen und Gefühle, aber auch Träume, Erinnerungen, innere Bilder, Gedanken und Vorstellungen.

Geister zu unterscheiden meint, zu prüfen, ob mich eine innere Regung in einer konkreten Situation hinführt zu Gott – dann ist es ein guter Geist, dem ich folgen sollte – oder ob ein schlechter Geist mich wegführt von Gott – dann sollte ich ihm nicht folgen.

So ist beispielsweise eine brodelnde Wut in mir in der einen Situation ein böser Geist, der dafür sorgt, dass ich mich immer mehr verschließe und meinem Mitmenschen etwas Böses will. In einer anderen Situation kann eine brodelnde Wut aber auch ein guter Geist sein, wenn er beispielsweise dafür sorgt, dass ich eine Ungerechtigkeit klar benenne und dagegen ankämpfe.

Die Unterscheidung der Geister ist keine magische Technik. Sie ist eine Glaubenskunst, die voraussetzt, dass ich mein Leben am Sohn Gottes, an Jesus Christus, ausrichte und "nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit" (Mt 6, 33) suche.


Diese Spiritualität prägt auch die Gebetspraxis von Papst Franziskus. Das Beten selbst hat er von seiner Großmutter Rosa gelernt. Das Gebet, sowohl in den Gottesdiensten als auch persönlich, hat schon immer einen privilegierten Platz in seinem Leben. Der ganze Tag ist vom Gebet geprägt, vor allem durch das Stundengebet – das Gebet der Kirche, welches vor allem Kleriker und Ordensleute, aber auch manche Laien zu verschiedenen Zeiten des Tages beten. Selbst wenn er beim Zahnarzt oder woanders am Tag wartet, betet Franziskus in Gedanken. Für ihn ist das Gebet eine Kraftquelle. In Interviews erzählte er mal: „Wenn ich zum Beten komme, schlafe ich manchmal ein, aber das Wichtigste ist, die Gewissheit zu haben, dass der Herr kommen wird. […] Ich bete: Das hilft mir sehr. Ich bete. Das Gebet ist eine Hilfe für mich, es ist das Zusammensein mit dem Herrn".

»Wenn ich zum Beten komme, schlafe ich manchmal ein, aber das Wichtigste ist, die Gewissheit zu haben, dass der Herr kommen wird.«

Papst Franziskus
über das persönliche Gebet

Papst Franziskus im Gebet

Dabei betet Franziskus nicht nur für andere Menschen. Er bittet auch öffentlich immer wieder darum, für ihn zu beten. Das macht ihn besonders. Papst Franziskus weiß um die Kraft des Gebetes.

Ein Mann der Gottesbegegnung

Jorge Mario Bergoglio schaffte es in wenigen Jahren vom einfachen Jesuiten zum Erzbischof von Buenos Aires. Zum Kardinal. Zum Vorsitzenden der argentinischen Bischofskonferenz und schließlich zum Papst. Dabei hat er seine Wurzeln nie vergessen – seine lateinamerikanischen und seine ignatianischen.

Auch neun Jahre nach seiner Wahl zum Papst fasziniert er die Menschen auf der ganzen Welt. Er ist ein zutiefst geistlicher Mann, der die Begegnung mit Gott in jedem Moment seines Lebens sucht – im Wartezimmer beim Zahnarzt, bei den Armen und Kranken, auf seinen Reisen, in der Eucharistie. Ein Mann der Gottesbegegnung!

Ich bewundere seine Haltung des Gebets und der Gottessuche in den ganz alltäglichen Dingen. Papst Franziskus zeigt mir, dass ich Gott auch in den Menschen und Ereignissen meines ganz normalen Alltags finden kann.

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