Wer sich mit Abt Mauritius unterhält, der spürt eine wohltuende Unaufgeregtheit in ihm. Vielleicht nennt man das: Lebenserfahrung. Zweifel, Krisen und unerwartete Wendungen begleiten ihn in seinen 60 Lebensjahren.
Zuletzt wurde er im November 2025 unerwartet vom Vatikan als Abt des Benediktinerklosters Maria Laach in der Eiffel ernannt. Unerwartet, weil Mauritius eigentlich einem anderen Kloster angehörte, die Mönche in Maria Laach aber aus den eigenen Reihen keinen neuen Abt gewählt haben.
Beim YOUNG MISSION-Weekend im Februar 2026 ist Abt Mauritius im Jugendhaus Hardehausen zu Gast. Das Motto des Weekends ist „PRESENT“. Es geht darum, im Alltag achtsam zu leben. Was kann er den 170 Teilnehmern des Weekends dafür mit seiner Lebenserfahrung mit auf den Weg geben?
Gegenwärtig sein, im Hier und Jetzt leben. Sie als Mönch kriegen das doch bestimmt hin, oder?
(Lacht.) Das kann man so nicht sagen. Aber: Wir haben ganz gute Rahmenbedingungen, dass man das immer wieder hinbekommt. Und wir üben das.
Wie?
Wir haben eine strenge Tagesordnung. Wir beten fünf Mal am Tag, immer zu denselben Uhrzeiten. Wenn wir beten, lassen wir die Arbeit hinter uns und leben in der Gegenwart Gottes.
Und wenn dann ganz viel im Kopf los ist?
Dann ist das völlig normal, das sollte man dem Kopf nicht vorwerfen. Seine Aufgabe ist es ja, zu denken. Es gibt dann zwei Möglichkeiten, damit diese Gedanken ruhiger werden. Das eine ist, sich auf den Text, den man betet, zu konzentrieren.
Und die andere Möglichkeit…?
…ist zu schauen, was für ein Gefühl hinter den Gedanken steckt. Wenn mein Kopf kreist, weil ich morgen dieses Gespräch oder jenes Problem habe, dann frage ich mich: Welches Gefühl steht darunter? Vielleicht eine Furcht. Oder auch eine Freude? Wenn ich dann dieses Gefühl ins Gebet nehme, werden die Gedanken ruhiger.
Was ist Ihr Stress?
Ich bin noch ganz neu in Maria Laach und auch als Abt. Ich bin noch in der Eingewöhnungsphase. Das ist aber ein guter Stress, ein Eustress. Es gibt ja verschiedene Arten von Stress.
Was ist guter Stress?
Guter Stress fehlt zum Beispiel, wenn wir unterfordert sind. Es ist unglaublich, wie viel man als Mensch schaffen kann. Ich selbst unterschätze mich oft. Ich denke, dass ich zu müde oder zu unmotiviert bin, aber eigentlich habe ich viel mehr Energie. Ob die Energie fließen kann, hängt damit zusammen, wie meine Umgebung ist, ob sie diese Energie auch will. Man sollte sich schon dorthin bewegen, wo die eigenen Kräfte gefragt sind – das würde ich als guten Stress bezeichnen.
»Ich denke oft, dass ich zu müde oder zu unmotiviert bin, aber eigentlich habe ich viel mehr Energie. Ob die Energie fließen kann, hängt damit zusammen, ob meine Umgebung diese Energie auch will.«
Abt Mauritius Wilde
Das klingt fast esoterisch.
Naja, das ist doch eine Tatsache: entweder habe ich Energie oder ich habe keine Energie. Theologisch gesagt geht es darum, dass meine Begabungen blühen können. Jede und jeder hat Talente – eins, zwei oder fünf und Jesus ist es egal, ob es eins, zwei oder fünf sind, aber er sagt, dass ich was daraus machen soll. Wenn wir aus den Talenten nicht richtig was machen, dann ist das auch nicht gut für uns und unsere Gesundheit.
Wie erleben Sie negativen Stress?
Bei mir ist ein Muster, dass ich alles richtig machen will. Mein Anspruch ist immer sehr hoch. Das stresst mich. Dann tun mir meine Mitbrüder manchmal total gut, wenn sie sagen: Ah, das läuft schon irgendwie. Der liebe Gott macht mir keinen Stress, die Mitbrüder machen mir keinen Stress, meistens mache ich mir den Stress selbst.
Das ist verrückt, oder?
Naja, das bin halt auch ich. Das ist meine Persönlichkeit. Man muss ein Leben lang persönlich daran arbeiten, wie man geschaffen ist. Ein Schlüssel für mich wäre, dass ich mir selbst sagen kann: Ich bin okay damit. Ich bin okay damit, dass ich das bis dahin geschafft habe. Punkt.
»Lieber Gott, mach, dass es gut wird.«
Abt Mauritius Wilde
Wie viel im Hier und Jetzt leben geht eigentlich?
Das geht immer und überall. Es ist ein Geschenk, wenn es klappt.
Also auch beim Hausaufgaben machen oder beim Warten beim Bäcker?
Natürlich. Warten zum Beispiel ist klasse. Wenn der Zug 20 Minuten Verspätung hat, dann gehe ich ans Ende des Bahnsteigs, wo niemand mehr ist, laufe auf und ab und bete Rosenkranz. Das geht auch, wenn ich beim Arzt im Wartezimmer bin. Ich liebe es, zu warten, weil ich dann im Gebet bin. Das ist eine geschenkte Zeit.
Aber die meisten sind ja dann am Handy.
Ja, ich auch manchmal (lacht). Aber: Ich versuche es so zu sehen, dass es eine geschenkte Zeit ist – anstatt mich zu ärgern.
Das andere Beispiel war ja: Präsent sein beim Hausaufgaben machen.
Da gibt es auch einen guten Trick. In der Benediktsregel steht: Bevor man etwas beginnt, soll man kurz beten und Gott darum bitten, dass er es zur Vollendung führt. Wenn ich vor einer blöden Aufgabe stehe und sage „Lieber Gott, mach, dass es gut wird“, kann das meine ganze Haltung verändern.
Besonders schwer, im Hier und Jetzt zu leben, ist es in persönlichen Krisen.
Ich hatte eigentlich immer Krise in meinem Leben.
Immer?
Ich bin mit 19 ins Kloster gegangen. Das war sehr früh, da hatte ich viel Angst. Im Noviziat war ich ziemlich happy, aber je näher die feierliche Profess kam, desto mehr Angst hatte ich. Ich habe mich gefragt: Soll ich oder soll ich nicht? Mit 24 Jahren habe ich die Profess abgelegt, aber dann kam wieder die Krise: War das jetzt richtig? In meinen Vierzigern bin ich in die USA gegangen – da hatte ich einen Kulturschock, der wiederum eine persönliche Krise ausgelöst hat. Es gab auch gute Zeiten, aber ich kann schon sagen: Ich habe aufgehört, mich zu wundern, wenn ich in der Krise bin.
Warum?
Krise heißt ja, dass sich etwas entwickelt. Wenn man nie in der Krise ist, entwickelt man sich nicht. Ich habe eigentlich keine Angst mehr vor Krise, weil ich weiß: Da kommt immer was Gutes bei raus.
Was ist gerade Ihre Krise?
Momentan geht’s mir richtig gut – auch, weil diese neue Situation mich erfüllt. Aber es ist schon alles wahnsinnig viel. Meine E-Mails sind eine Katastrophe, Leute fragen: Warum antwortet der nicht? Ich hechle immer hinterher. Das macht mir schon Stress und da habe ich noch keinen Weg gefunden, damit im Frieden zu sein.
Was kann in Krisen helfen?
Es ist ja eh sehr selten, dass alles im Frieden und positiv ist. Irgendwas ist immer – das kann ich als Herausforderung nehmen, an der ich wachsen kann. Wo Gott zu mir kommen kann. Der Schlüssel ist, sich zu fragen: Wo ist Gott in der Krise? Eine Antwort kann da sein: Ich sehe ihn nicht, er ist nicht da. Das ist okay, das kann man so stehenlassen. Oder: Er ist doch bei mir. Okay, dann gehe ich durch diese Krise und er ist bei mir. Gott holt mich aus dieser Krise wieder raus. Ich kann mich immer wieder fragen, wo er in der Krise ist – und dann gucken, was kommt.
Vielen Dank für das Gespräch.