Selbstständig - und jetzt?
22.11.2017

Perspektive

7 1/2 Tipps zur Existenzgründung

Wie geht man den Schritt in die Selbstständigkeit an?

Von Carolin Schnückel

Sein eigenes Ding machen. Einen Job haben, der den eigenen Stärken und dem eigenen Leben entspricht. Freier sein. Ohne Magenschmerzen an die nächste Woche denken. Mehr verdienen.

Es gibt viele Beweggründe, aus denen man den Wunsch entwickeln kann, sich selbstständig zu machen. Diesen Gründen stehen mindestens genauso viele Zweifel und Ängste gegenüber. Was, wenn ich scheitere? Wie soll ich einen Kundenkreis aufbauen? Was, wenn ich die Nachfrage nach meinem Produkt oder meiner Dienstleistung falsch einschätze? Und: Was kann ich überhaupt besonders gut? Bin ich ein „Unternehmertyp?“

Ja, erstmal fühlt man sich komplett verloren.
Ja, das hört irgendwann auf.

Wenn man Stichworte wie Existenzgründung, Start-Up oder Selbstständigkeit googelt, wird man von Informationen zu wichtigen Eigenschaften eines Unternehmers, zu Rechtsformen, notwendigen Versicherungen, Steuern und Marketingstrategien überflutet. Das wurde ich vor zwei Jahren auch, nachdem ich meinen festen Job gekündigt hatte, ohne eine neue Stelle in Aussicht zu haben. Ja, erstmal fühlt man sich komplett verloren. Ja, das hört irgendwann auf.

Da es schon mehr als genug Selbsttests für Existenzgründer gibt, möchte ich euch an dieser Stelle einfach ein paar eher ungewöhnliche Tipps mit auf den Weg geben, über die ich mich vor zwei Jahren gefreut hätte.

Neue Brücken bauen
Frühstück - ohne Kollegen
Frühstück - ohne Kollegen

Die drei häufigsten Sätze, die Existenzgründer hören:

„Du weißt ja, was das heißt: Selbst und ständig! “

„Und was genau machst du dann?“

„Und davon kann man leben?!“

1. Lasst euch nicht verrückt machen.

Ob in oben erwähnten Selbsttests, bei Existenzgründungsseminaren oder im Austausch mit anderen Gründern: Es gibt nicht DEN Unternehmertyp und DEN richtigen Weg. Klar solltet ihr euch selbst motivieren können und die Selbstdisziplin haben, nicht jeden Tag vor der Lieblingsserie statt am Schreibtisch zu landen.

Aber erstens braucht jeder Mensch Erholung – gerade in so emotional anstrengenden Phasen wie einer Existenzgründung –, zweitens sind Durststrecken und ineffektive Tage völlig normal, und drittens wird vermutlich niemand auf die Idee kommen, sich selbstständig zu machen, der von diesem Tag an nur noch chillen will.

Also: Lasst euch nicht einreden, dass ihr in den ersten drei Jahren keinen Urlaub nehmen könnt und pro Woche mindestens 60 Stunden arbeiten müsst, um es schaffen zu können. Das stimmt nicht. Wenn ihr euch für eure Sache begeistert, werdet ihr sie (meistens) von ganz allein vorantreiben wollen.

2. Lasst euch beraten.

Das Arbeitsamt, eine unabhängige Gesellschaft für Wirtschaftsförderung, die IHK und die Stadtverwaltung – das waren meine top Anlaufstellen während der Gründungsphase. Diese Institutionen bieten reichlich kostenfreies Infomaterial, Sprechstunden und Seminare an, die euch weiterbringen und die wichtigsten Fragen beantworten.

3. Fangt mit dem bürokratischen Kram an.

Gewerbe oder Freiberufler? Wie läuft das mit der Krankenkasse? Welche ist meine Berufsgenossenschaft? Welche Steuern muss ich zahlen? Welche Versicherungen sollte ich abschließen? Bis ihr euch durch diese ganzen Dinge gewühlt habt, vergehen einige Wochen. Auch, wenn das manchmal echt nervig ist und ihr endlich richtig durchstarten wollt – klärt diese Sachen gleich zu Beginn und startet nicht einfach ins Blaue.

So habt ihr das gute Gefühl, zu wissen, worauf ihr euch einlasst und es lauern keine bösen Überraschungen. Wusstet ihr zum Beispiel, dass man, wenn man aus Versehen oder Unwissenheit auf der ersten Rechnung eine Mehrwertsteuer ausweist, automatisch am Umsatzsteuerverfahren teilnehmen muss und die Kleinunternehmerregelung keine Option mehr ist? Die Anlaufstellen unter Punkt 2 bieten gute Leitfäden und Checklisten, an denen ihr euch entlanghangeln könnt.

Überall arbeiten können - auch im alten Kinderzimmer
Überall arbeiten können - auch im alten Kinderzimmer

4. Lasst euch keinen Druck machen.

Die drei häufigsten Sätze, die Existenzgründer hören: „Du weißt ja, was das heißt: Selbst und ständig! Hahaha!“ „Und was genau machst du dann?“ „Und davon kann man leben?!“

Gerade in der Vorbereitungszeit kann einen das verrückt machen, weil man genug mit Selbstzweifeln, Existenzängsten und dem perfekten elevator pitch zu kämpfen hat. Gerade bei Leuten, die euch nicht besonders nahe stehen, habt ihr vielleicht nicht immer Lust auf eingehende Gespräche und Diskussionen. Legt euch für Begegnungen auf Partys, im Supermarkt oder der Bushaltestelle Antworten zurecht, mit denen ihr euch wohl und souverän fühlt.

Gerade wenn ihr Dienstleistungen oder Produkte anbietet, mit denen nicht jeder sofort etwas anfangen kann, sind ein paar Standardsätze hilfreich. Und wenn ihr absolut keine Lust auf Smalltalk habt und euer Gesprächspartner Humor versteht, könnt ihr auch eine ganz andere Strategie fahren. Kurz nach meiner Gründung stand mein 10-jähriges Abitreffen vor der Tür, bei dem ich auf Nachfrage erzählt hab, dass ich einen Hundefrisörsalon eröffne. So what.

5. Bindet eure Liebsten ein.

Im Gegensatz zu den gerade beschriebenen Leuten sind eure Familie, eure Partner und engsten Freunde während der Gründungszeit noch wichtigere Bezugspersonen als sie es sowieso schon sind. Erzählt ihnen ausführlich von eurer Gründungsidee, von euren Sorgen und Ängsten und fragt sie nach ihrer ehrlichen Meinung und Kritikpunkten an eurem Konzept.

Niemand kennt euch mit all euren Stärken und Schwächen besser als sie, darum nutzt den wertvollen Input dieser besonderen Gründungsberater. Und bittet vielleicht auch im Voraus um Verständnis und Nachsicht für die nächsten Monate, in denen ihr nur um euch selbst und dieses eine Thema kreisen werdet. Um eure Gedanken zu ordnen, hilft ein Spaziergang durch die Natur, ein ruhiger Moment in einer Kirchenbank, eine entzündete Kerze, ein kleines Gebet am Tagesanfang.

Auch wenn's schwer fällt: Habt Geduld mit euch
Auch wenn's schwer fällt: Habt Geduld mit euch

6. Findet euren eigenen Rhythmus und traut euch, ihm zu folgen.

Um ehrlich zu sein: Diesem Satz zu folgen gelingt mir auch erst seit wenigen Wochen. Irgendwie habe ich mich immer noch einer unsichtbaren, gesellschaftlichen Erwartung untergeordnet, einen achtstündigen Arbeitstag absolut effektiv zu füllen. Dabei war das Bedürfnis nach einem Gegenentwurf – ein freieres Arbeitsleben, ein anderes Gefühl von Arbeit, eine flexible Zeiteinteilung, eine bessere Vereinbarkeit mit dem Privatleben – der Hauptgrund für meinen Schritt in die Selbstständigkeit.

Aber irgendwie hat man dann blöderweise doch ein schlechtes Gewissen, wenn die Nachbarn einen auf dem Balkon sitzen sehen. Für mich hat sich folgender Ansatz bewährt: Bestimmt euren monatlichen Grundbedarf (Sozialversicherungsbeitrag und Einkommensteuerrücklage nicht vergessen) und brecht anhand dieser Summe runter, wie viele Arbeitsstunden ihr am Tag durchschnittlich in Rechnung stellen können müsst. Bei mir sind zwei anrechenbare Stunden täglich Pflicht, drei Stunden sind gut und alles darüber hinaus ist das Sahnehäubchen. Klingt wenig, oder? Keine Sorge, den Rest des Tages könnt ihr mit Kundenakquise, Pflege der Onlinekanäle, Angebotserstellung, Weiterbildung, Recherche, Umsatzsteuervoranmeldungen oder Büromaterialbestellungen verbringen.

Aber stresst euch nicht, um halb acht am Schreibtisch zu sitzen, wenn ihr morgens gerne langsam startet. Experimentiert ein bisschen, zu welcher Tageszeit ihr produktiv seid und wann ihr ein Päuschen braucht. Versklavt euch nicht, starr am Schreibtisch zu sitzen. Nehmt euren Laptop mit. Diesen Text habe ich beispielsweise in der Unibibliothek angefangen, zuhause weitergeschrieben und beende ihn gerade auf dem Sofa bei meinen Eltern. (Mama guckt „Bares für Rares“, ich habe meine Arbeitsplaylist in den Ohren. So lässt sich‘s arbeiten!)

Zusammen ist man weniger allein.
Zusammen ist man weniger allein.

  7. Bleibt soziale Wesen.

In den ersten Monaten hab ich sehr (sehr, sehr) daran geknabbert, keine Kollegen mehr zu haben. Kein kurzer Plausch im Türrahmen, kein gemeinsames Aufregen über nervige Emails, kein „Mahlzeit!“, kein „Soll ich dir `nen Kaffee mitbringen?“, kein „Kannst du hier mal kurz draufschauen?“ kein „Schönen Feierabend!“. Keine Leidensgenossen, keine Mitstreiter. Nur ich und ein unbeantwortetes „Guten Morgen!“ an mich selbst.

In den Wintermonaten habe ich die Wohnung manchmal tagelang nicht verlassen. Und das tat wirklich nicht gut. Überlegt, wen ihr zur gemeinsamen Mittagspause treffen könnt oder in welches Café ihr euch auch mal alleine mit einem Buch setzen könnt, ohne euch blöd vorzukommen. Manchmal reicht auch der kleine zwischenmenschliche Kontakt mit der netten Kellnerin oder am Postschalter, um euch weiterhin als Teil dieser Welt zu fühlen. In größeren Städten gibt es auch immer mehr Stammtische oder andere Veranstaltungsformate für Existenzgründer, bei denen man sich mal austauschen kann.

Mittagspause auf der heimischen Couch
Mittagspause auf der heimischen Couch

7 ½. Kommt gut mit euch selbst aus.

Was wirklich unumgänglich ist, ob ihr euch nun als Einzelunternehmer oder im Team selbstständig macht: Mögt euch. Ihr seid jetzt euer eigener Vorgesetzter, euer wichtigster Mitarbeiter, euer Geschäftsführer, euer IT’ler, euer Pressemensch, euer Außendienstler, eure Buchhaltung.

Seid euch selbst der Chef, den ihr immer haben wolltet. Liebt euren Nächsten wie euch selbst. Seid nachsichtig mit euch und geduldig mit euren Teamkollegen und Kunden. Verliert nicht aus den Augen, warum ihr diesen spannenden Sprung gewagt habt, vergesst nicht die Leichtigkeit des freien Falls und genießt das Schwimmen im kalten Wasser. Seid stolz auf euch! Seid dankbar für diese Möglichkeit! Vor euch liegt eine fabelhafte Zeit.

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