Zerstörte Gebäude in der Ukraine
15.08.2022

Politik

Ukraine im Kriegsmonat Nr. 6

"Der Krieg schärft alle Gefühle", sagt Pfarrer Melnyk aus Kiew

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von Laura Reuter

„Der Krieg schärft alle Gefühle“, sagt Pfarrer Dr. Mykhaylo Melnyk. Er erzählt von seinem Alltag aus Kiew, wie sehr er den warmen Wind auf den Schultern, die Kommunikation mit einem authentischen Menschen oder die freundliche Begegnung mit einem Hund auf der Straße genießt. „Die Fülle des Lebens im Krieg zu spüren, ist etwas Fantastisches. Wenn der Tod naht, fühlt man sich lebendiger denn je.“

Fast ein halbes Jahr schon greift Russland die Ukraine an. Im Krieg sind bisher über 5.000 Menschen gestorben. 7,7 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer sind innerhalb des Landes auf der Flucht, 9,5 Millionen Menschen sind ganz aus der Ukraine geflohen – und zum Teil schon wieder zurückgekehrt. In den Städten und Dörfern: immer noch zum Teil geschlossene Geschäfte, vielerorts kein Zugang zu Wasser, Nahrung, Strom und medizinischer Versorgung.

Zu Beginn des Krieges haben wir von Pfarrer Melnyk berichtet, der mit der Ukrainischen Sozialakademie vor Ort Hilfe leistet. Inzwischen ist er aus Lemberg wieder nach Kiew zurückgekehrt. Er nimmt uns gedanklich mit in den Krieg gegen die Ukraine.

Porträt Dr. Mykhaylo Melnyk

Erneuerer der Hoffnung

Als „sehr turbulent“ beschreibt Melnyk die vergangenen fünf Monate. Er ist viel unterwegs gewesen, um sich in den Dörfern und Städten ein Bild zu machen. Um mit Menschen zu sprechen, zuzuhören und da zu sein. „Ich konnte den Schmerz und auch die Freude der Menschen spüren. Die Freude an den kleinen Dingen. Und ihr Gespür für die Gnade Gottes.“

Der Pfarrer weiß um die allgegenwärtige Lebensgefahr. Trotzdem fühlt er sich sicher und möchte seine Haltung auch weitergeben: in Gesprächen, im Verteilen von Essen und durch Schlafplätze. „Dann wird meine Sicherheit zur Sicherheit der Menschen“, sagt Melnyk. „Dann ist es egal, ob ich müde bin, dass auch ich hungrig bin und im Auto schlafen musste. In diesen Momenten ist riesige Freude da, denn mit meinen Kollegen haben wir wieder jemandem Hoffnung geschenkt. Wir sind Erneuerer der Hoffnung.“

Ohne Perspektive

Dadurch, dass viele Ukrainerinnen und Ukrainer vom Osten des Landes in den Westen geflohen sind, liegt zu Beginn des Krieges ein Schwerpunkt der Arbeit der Sozialakademie darin, die Pfarreien im Westen der Ukraine zu unterstützen. Sie haben Unterkünfte eingerichtet. Durch Spenden Suppenküchen finanziert, in denen jeden Tag 5000 warme Mahlzeiten ausgegeben werden. Auch Hygieneartikel und Wasser werden verteilt.

Melnyk erzählt, wie ein Team aus rund 50 Psychologinnen und Psychologen, Ärztinnen und Ärzte und Freiwilligen rund um die Uhr Erwachsene und Kinder betreut, die aus Kampfgebieten fliehen. „Die wichtigste Aufgabe ist die physische und psychische Stabilisierung von Kriegsopfern“, sagt Melnyk.

Die Menschen, die vor dem Krieg fliehen, darunter auch viele Kinder und Jugendliche, sind lebensbedrohlichen Situationen ausgesetzt. Sie erleben Angst und Verzweiflung, sehen Tote und Verletzte. „Die Menschen verlassen ohne Vorbereitung ihre gewohnte Umgebung und stranden in einem fremden Gebiet, ohne zu wissen, wie es weitergeht. Ohne einen Plan für die Zukunft. Diese Erlebnisse sind ohne Zweifel als schwere Traumatisierungen zu werten.“

Einsatz der Spenden für Kinder und Jugendliche

Aufräumarbeiten in der Ukraine

Die soziale Infrastruktur im Westen der Ukraine beschreibt Melnyk als stark überlastet. Krankenhäuser und Pflegeheime könnten längst nicht alle Bedürftigen aufnehmen. Auch Kindergärten und Schulen seien überfüllt. Die Kinder und Jugendlichen erlebt Melnyk als verunsichert.

Sie bekommen die Sorgen der Eltern mit. Sehen live, in den Nachrichten und im Internet verstörende Bilder von Zerstörung und Verzweiflung. Viele Kinder versuchen, nachts so lange sie können wach zu bleiben, um sicher zu sein, dass ihre Bezugsperson noch da ist. Sie haben Angst um ihr Leben und das ihrer Eltern.

Zerstörtes Klassenzimmer in der Ukraine

Die Ukrainische Sozialakademie errichtet deshalb ein Kinderdorf für Waisenkinder. Ordensschwestern betreuen schon jetzt täglich rund 60 Kinder. Es werden Kindergartenplätze geschaffen und Angebote zur Ablenkung von den belastenden Gedanken. „Wir haben begonnen, in den Pfarrgemeinden und auf den Straßen verschiedene Veranstaltungen für geflüchtete Kinder und Jugendliche zu organisieren. Sie sollen anfangen zu reden, zu spielen, Freunde zu treffen, an Unternehmungen teilzunehmen. All das kann helfen, das Stresslevel der Kinder zu senken.“

Kinder auf einem Karussell vor zerstörten Wohnhäusern in der Ukraine

Mit ihren Aktionen will die Ukrainische Sozialakademie auch dazu beitragen, die Beziehung zwischen den verschiedenen ethnisch-religiösen Gemeinschaften zu verbessern. Die Trägerschaft der Sozialakademie hat die griechisch-katholische Kirche, doch alle Angebote und Dienste richten sich grundsätzliche an jede und jeden Bedürftigen.

Glaube gibt Mut und Hoffnung

Und wie ist es mit dem Glauben in der Krise? Pfarrer Melnyk sagt, er wäre bisher nicht einem einzigen Atheisten begegnet. „Wenn es nach Braten riecht, denken alle an Gott. Da geschehen zu viele Wunder. Gebete und Glaube geben den Ukrainern den Mut, sich gegen eine große und bewaffnete russische Armee zu behaupten. Der Glaube gibt dir Hoffnung und die Gewissheit, dass du nicht allein bist.“

Melnyk erlebt eine große Dankbarkeit der Ukrainerinnen und Ukrainer für die Hilfe und das Gebet der Menschen aus der ganzen Welt. Für ihn ist der Glaube auch Aufgabe. Deshalb denkt er nicht in erster Linie an sich selbst. Stellt nicht sein eigenes Engagement, das seiner Kollegen oder der Ordensschwestern in den Fokus, sondern Gott. Er sagt: „Wir versuchen einen Glauben zu leben, der zur Mission wird und die Kraft Gottes sichtbar werden lässt. Jedes Mal, wenn wir unsere menschlichen Grenzen vor Gott zugeben, schaffen wir Raum für Gottes Handeln.“

Und Melnyk erlebt auch im größten Chaos: Gott selbst handelt. Die letzten Monate haben ihm gezeigt, dass die Gnade Gottes Menschen leben und überleben lässt. Angesichts des Leidens und des Todes gibt der Glaube an einen Gott, der den Tod schon besiegt hat, einen festen Stand. „Auch wenn die Aussichten für die Ukraine trüb sind und die Herausforderungen immer größer werden, vertrauen wir darauf, dass Gott weiterhin seine Gnade und seinen Segen schenkt. Dieser Glaube trägt uns und lässt uns mit Zuversicht weitergehen.“

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