"Das Kind ist noch so klein – und muss schon die Schrecken des Krieges mitansehen", Künstler Ostad Azimi
"Das Kind ist noch so klein – und muss schon die Schrecken des Krieges mitansehen", Künstler Ostad Azimi
17.12.2021

Miteinander

(Un)gerechte Welt

Gedanken von Hannah Merle Kraft über die Verquickung von Gerechtigkeit, Alltag und Gott

test
von Hannah Merle Kraft

Ungerecht. Ungerecht, ungerecht, ungerecht!

Schon die ganze Zeit hallt dieses Wort in meinem Kopf wider. Und gerade jetzt, während ich hier sitze und der Regen auf mich niederprasselt, meine Haare und meine Kleidung durchnässt, flüstert diese leise gemeine Stimme dieses kleine gemeine Wort ganz deutlich in meinem Kopf, wo es sich in meine Gedanken einbrennt, um sich schließlich mit diesem wütend-stechenden Gefühl in meine Brust zu fressen.

Warum muss mein Bus ausgerechnet heute Verspätung haben, wo ich doch in der Schule mein Referat halten muss, auf das ich mich so lange vorbereitet habe?
Warum muss ausgerechnet ich im abgelegensten Kaff wohnen, das man sich vorstellen kann und von dem man eine halbe Ewigkeit zu meiner Schule braucht? 
Warum müssen es ausgerechnet meine Eltern sein, die nicht genug Geld haben, um sich ein Haus oder zumindest eine kleine Wohnung in der Stadt, in der Nähe meiner Schule leisten zu können, wie die Eltern all meiner Freundinnen?
Und das, obwohl meine Eltern so hart arbeiten…

Endlich kommt mein Bus und reißt mich aus meinen Gedanken. Ich steige ein und setze mich auf einen Platz am Fenster, noch immer nass vom Regen.
Der Grund für die Verspätung wird schnell klar: Ein junger Mann wurde beim Schwarzfahren erwischt und ist in eine hitzige Diskussion mit dem Kontrolleur verstrickt. Und wegen so etwas muss ich im Regen warten!
Doch beim näheren Mustern fällt mir auf, dass der Mann ziemlich arm wirkt; seine Kleidung ist zerschlissen und er hält ein sehr alt aussehendes, kaputtes Handy in der Hand. Er wirkt verzweifelt.

Augenblicklich keimt Mitleid in mir auf. Wie unfair, den Mann vorschnell zu verurteilen. Vielleicht hat er einen wichtigen Termin und einfach kein Geld, um eine Fahrkarte zu kaufen. Ist es nicht ungerecht, dass jemand, der kein Geld hat, nicht die Möglichkeit haben soll, wie alle anderen in die Stadt zu fahren? Nicht einmal, wenn er vielleicht einen wichtigen Termin hat?
Sorry, Mann. Ich wünschte, ich könnte dir helfen, aber ich habe mein letztes Geld selbst ausgegeben. Für Lipgloss. Das braucht man schließlich, um in der Schule dazuzugehören. Endlich steigen der Mann und der Kontrolleur aus und ich bemühe mich, keinen Gedanken mehr an diese bedrückende Situation zu verschwenden.

Ich kann schließlich nichts dafür, dass das Leben nicht gerecht ist.
Während der restlichen Fahrt schaue ich aus dem Fenster. Noch immer regnet es in Strömen und die Bäume biegen sich im Wind.
Auf dem Weg zur Schule eile ich an den mir entgegenkommenden Menschen vorbei, nehme ihre Gesichter nicht wahr, achte kaum auf sie. Schon komisch, dass man manchen Menschen jeden Tag begegnen kann, ohne jemals ihre Namen zu erfahren, ohne zu wissen, wer sie sind.
Aber was soll’s, ich habe schließlich mein eigenes Leben.


Irgendwie schaffe ich es dann doch noch pünktlich in die Schule und lasse mich erschöpft auf meinen Platz fallen.
Der Rest der Stunde verläuft unspektakulär: Ich halte mein Referat, lausche dem mehr oder weniger spannenden Unterricht meiner Lehrerin und beobachte in der Pause mit meiner besten Freundin gedankenverloren die Eichhörnchen, die auf dem Schulhof von Baum zu Baum huschen. Wie unbeschwert ihr Leben doch scheint! 

Während ich noch die leichtfüßigen und flinken Bewegungen der kleinen Tiere beobachte, wird meine Aufmerksamkeit plötzlich auf etwas Anderes gelenkt: Die angsterfüllten, verzweifelten Schreie eines Fünftklässlers, der offenbar von einer Gruppe von Mitschülern verfolgt wird, hallen über den Schulhof und werden vom Wind zu uns herübergetragen: „Lasst mich in Ruhe, ich hab‘ euch gar nichts getan!“
Für einen kurzen Augenblick bin ich überlegt, einzugreifen (es ist schließlich mehr als ungerecht, dass ein Junge von fünf anderen Jungen fertiggemacht wird), entscheide mich jedoch nach kurzem Nachdenken dagegen. Wieso sollte ich riskieren, selbst in Schwierigkeiten zu geraten, nur weil jemand anders ungerecht behandelt wird? Ich kenne den Jungen nicht einmal!

Gerechtigkeit - wie können wir sie erlangen?
Gerechttigkeit ensteht durch Nächstenliebe

In der nächsten Stunde bekomme ich die Note für mein Referat (eine 1+!!!) und das erste Mal an diesem Tag habe ich das Gefühl, dass ausnahmsweise mal alles gerecht ist: Ich habe mein Bestes gegeben, dafür habe ich mir die beste Note verdient!
Doch gleichzeitig muss ich an meine beste Freundin denken, die sich für ihr Referat mindestens genau so viel Mühe gegeben hat wie ich und trotzdem nur eine lieb gemeinte 3- geschafft hat.
Ist es wirklich gerecht, dass es manchen so leicht fällt, neue Dinge zu verstehen und gute Noten zu schreiben, während andere Tag und Nacht büffeln und doch nur schlechte Noten schreiben?
Aber hey, es können eben nicht alle die gleichen Noten schreiben!
In diesem Moment kommt mir das biblische Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg in den Sinn: War es nicht so, dass Gott alle Arbeiter, obwohl sie unterschiedlich lange gearbeitet haben, gleichermaßen belohnt, um seine bedingungslose Liebe zum Ausdruck zu bringen, um zu zeigen, dass er sie alle gleichermaßen liebt, egal wie viel sie leisten?
Ist es deshalb nicht ungerecht, dass manche Schüler viel bessere Noten schreiben und dass ihnen das Lernen viel leichter fällt als anderen?
Aber naja, Erfolg ist eben nicht so bedingungslos wie die Liebe Gottes!

Den Rest des Schultages hänge ich meinen Gedanken nach und erst, als ich zuhause ankomme, reißt mich das Gezeter meiner Eltern, die wieder einmal über Geld streiten, aus meinen Tagträumereien.
Um ihr Geschrei zu übertönen, schalte ich den Fernseher ein: „Hungersnot in Afrika“, „Weitere Kriegsopfer in Afghanistan“, „Immer mehr Schüler leiden unter Mobbing“, „Auch Jahrzehnte nach der Reichspogromnacht werden Juden noch immer Opfer von Hass und Gewalt“.

Frustriert lasse ich die Nachrichten mit einem Klick verschwinden.

Wie kann ein gerechter Gott so etwas zulassen? Gibt es überhaupt einen gerechten Gott? 
Den Nachrichten nach zu urteilen, scheint die Welt, nur so vor Ungerechtigkeit zu strotzen und auch mir selbst fallen viel mehr ungerechte Situationen ein, die ich bereits erlebt habe, als gerechte.
Kann es jemals Gerechtigkeit geben? Und wie würde überhaupt eine gerechte Welt aussehen?


Hätten alle Menschen die gleichen Besitztümer, erhielten die gleiche Bildung, würden das gleiche essen, wären alle irgendwie gleich?

Oder wäre es vielmehr gerecht, wenn alle Menschen - ganz egal, wie sie aussehen, woher sie kommen, was sie glauben - die gleichen Chancen auf ein glückliches Leben, die gleichen Rechte, die gleichen Möglichkeiten, sich zu entfalten, hätten?
- Zumindest wäre eine solche Welt ein ganzes Stück gerechter als die, in der wir leben.
Und auch, wenn eine solche Welt geradezu utopisch erscheint, wäre sie gar nicht mal so unerreichbar, oder?
Zumindest nicht, wenn wir alle unser Möglichstes tun würden, um allen Menschen auf der Welt die gleichen Rechte, die gleichen Chancen zu gewähren, wenn wir, geleitet von unserer Nächstenliebe, jede noch so kleine Gelegenheit ergreifen würden, um einander zu zeigen, dass die Welt gerecht sein kann, wenn wir Menschen erst einmal beginnen, gerecht zu handeln, gerecht zu sein. Wenn wir aufhören würden, Menschen vorschnell zu verurteilen, und anfangen würden, einander so zu akzeptieren, wie wir sind.

Denn wer Gerechtigkeit erfährt, der kann auch selbst Gerechtigkeit erfahrbar machen.


Beflügelt von diesem Gedanken ziehe ich meine Schuhe an und gehe nach draußen, wo sich der Himmel gelichtet und der Regen aufgehört hat.
Vielleicht kann es keine gerechte Welt geben, wenn wir nur darauf warten, dass ein gerechter Gott für Gerechtigkeit sorgt, denke ich, während sich die ersten schüchternen Sonnenstrahlen herauswagen.
Vielleicht, ja vielleicht liegt es an uns Menschen, durch unser Tun und Handeln unsere Welt jeden Tag ein kleines Stückchen gerechter zu machen.

Gerechtigkeit als Werk Gottes

Dieser Text der 18-jährigen Schülerin Hannah Merle Kraft aus Paderborn entstand im Rahmen des Schreibprojekts "Schreib über Gerechtigkeit" des Caritas Verbands Paderborn in Zusammenarbeit mit der young-caritas und YOUPAX. 

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