Weltkugel
26.11.2021

Miteinander

Weil wir an einen Gott glauben, der alle liebt

Im Gespräch mit Weihbischof Matthias König über die weltweite Verantwortung der Kirche für Menschen in Not

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von Sophie Kiko

Die weiterhin alles bestimmende Corona-Pandemie, eine Hochwasserkatastrophe im Sommer, Kriege in der Welt und Flüchtende an den Grenzen. Es geht ein Jahr zu Ende, das uns immer wieder vor neue Herausforderungen und Krisen gestellt hat. Als Christen wollen wir unseren Nächsten lieben und uns für die Notleidenden einsetzen. Wie setzen wir das also in Krisen und Katastrophen um? Was tut die Kirche für Menschen in Not? Welche Rolle nimmt sie dabei in der Gesellschaft ein?

 Die Fragen stellt YOUPAX Weihbischof Matthias König. Als Bischofsvikar ist er für die Aufgaben der Weltkirche und Weltmission zuständig und vertritt die Deutsche Bischofskonferenz als Delegierter in den deutschsprachigen Auslandsgemeinden. Er ist international vernetzt, in Kontakt mit Priestern weltweit und kennt die Aufgaben vor denen die Kirche steht.

Weihbischof Matthias König

Herr Weihbischof König, wohin ging Ihre letzte Reise?
Nach Warschau, wo ich in der deutschen Gemeinde die Firmung gefeiert habe.

 Gab es auf Ihren Reisen Momente, in denen Sie gespürt haben, dass die Kirche eine besondere Verantwortung hat?
Die spüre ich besonders, wenn ich in Ländern bin, die man früher als Entwicklungsländer bezeichnet hat. Ich habe schon sechs Mal einen befreundeten Priester in Uganda besucht. Er geht mit gutem Beispiel voran. Als er neu in eine Pfarrei kam, hat er erstmal eine Bananenplantage angelegt, hat Kartoffeln und Yams angepflanzt. Er hat einen Kräutergarten angelegt, weil er auch mit Naturmedizin arbeitet. Und die Leute kommen, gucken sich das an und lernen davon. Wahrscheinlich wird er auch darüber predigen und damit Menschen erreichen können.
Ich denke auch an das berühmte Vorbild von Mutter Theresa. Leute fragen: „Warum tut ihr das?“ Unsere Antwort ist da: „Weil wir an einen Gott glauben, der alle Menschen in gleicher Weise liebt.“ Das ist schon sehr beeindruckend.

 Wann haben Sie das selbst gespürt?
Ich habe ein Heim in Benin vor Augen. Das Bistum Lokossa führt dort eine orthopädische Klinik. Wobei das Wort Klinik falsche Assoziationen weckt. Es ist eine sehr einfache Anlage mit Häusern, wo ein orthopädisch geschulter Mann Kinder, die verformte Gliedmaßen haben, behandelt. Er passt für sie orthopädische Schienen an. Da denke ich immer „Wie wunderbar, dass es solche Orte gibt, an denen Christen ihren Nächsten von Anfang an so große Hilfen für ihr Leben anbieten.“

Wie würden Sie die Verantwortung der Kirche in Krisenländern und Katastrophensituationen definieren?

Oft sind die Christen die Ersten, die helfen. Ich habe Emailkontakt zu einem Mitbruder, der im Südsudan arbeitet. Wegen des Bürgerkriegs sind zweieinhalbtausend Menschen in seine Pfarrei geflohen. Nun versuchen sie, die Menschen zu ernähren, ihnen beizustehen, sie zu schützen, weil sie außerhalb des Gebietes wohlmöglich vor die Flinten geraten. Das ist für mich so ein ganz konkretes Beispiel wie auf eine ganz konkrete Not Christen sehr konkret reagieren. Und das gibt es überall auf der Welt.

Warum haben Christen diese Verantwortung?

Ganz fromm gesprochen: Weil wir in den notleidenden Menschen Christus begegnen. Bei Armen, Ausgegrenzten, Flüchtenden schaue ich Christus ins Gesicht. Das war immer ein Gedanke, der bis heute Christen bewegt, zu handeln.

Aus welcher Position heraus handelt dabei die Kirche als Institution?
Erstmal wird ja vor Ort reagiert. Dass da Christen sehen: Hier sind wir jetzt gefragt. Unser großer Vorteil ist, dass wir tatsächlich eine weltweite Familie sind. Wenn eine Ortsgemeinde überfordert ist, kann sie sich an den Bischof wenden und wenn der keine Mittel hat, kann er schauen, wo er diese herbekommt. Und im Endeffekt ist dann die Weltkirche gefragt. In Deutschland sind wir gut aufgestellt mit den Hilfswerken wie Missio, Miserior, Adveniat, Renovabis, dem Kindermissionswerk und Bonifatiuswerk.

Gehört es auch zur Verantwortung von uns als Glaubensgemeinschaft, gesellschaftspolitisch Position zu beziehen und sich präventiv zu äußern?
Ja, da sind beide Kirchen sehr stark. Dafür gibt es die katholischen und evangelischen Büros in Berlin und in den Landeshauptstädten. Sie bauen Brücken, damit kirchliche Anliegen auch den Weg in die Politik finden.

Wehbischof Matthias König

Die lokalen Krisen und Problemlagen in der Welt sind das eine. Mit der Corona-Pandemie erleben wir selbst gerade eine globale Krise mit historischem Ausmaß. Würden Sie sagen die Kirche war in dieser Situation eher Opfer der Pandemie oder Kämpfer gegen sie?
Bei dieser Frage habe ich sofort die Bilder aus Indien vor Augen. Dort haben Bischöfe, Priester und Ordensschwestern in den Dörfern Pakete mit dem Notwendigsten zum Leben an die Menschen verteilt, die in langen Schlangen standen. Dabei wurde auch nicht gefragt: „Bist du Christ? Bist du Hindu? Oder was bist du?“ Da ist man sehr offensiv rangegangen.

Bei uns in Deutschland, glaube ich, waren wir erstmal ein bisschen gelähmt durch die noch nie dagewesene Situation, dass auch öffentlicher Gottesdienst nicht möglich war. Aber diese Lähmung hat sich eigentlich ganz schnell in Aktivität verwandelt. Viele Initiativen, ich denke zum Beispiel an digitale Angebote, hätte es wohl nie gegeben, wenn Corona nicht gewesen wäre.

Die Gemeinden sind kreativ geworden, haben zum Beispiel die Botschaft des heiligen Martins mit Laternen im Fenster präsent gehalten oder auch die Sternsingeraktion auf neuen Wegen statt von Haus zu Haus durchgeführt. Der Vorwurf war ja schnell, die Kirchen hätten sich zurückgezogen. Das stimmt aber nicht. Auch die Kirchen bei uns in Paderborn waren geöffnet. Die Menschen konnten kommen zum Gebet und sich in ihren Nöten an jemanden wenden.

Was würden sie sich im Umgang mit Krisen von oder für junge Menschen in der Kirche wünschen?
Ich kann mich daran erinnern, dass Sie als Missionarin auf Zeit tätig waren: Diese Dienste sind etwas Wunderbares. Leider wird das kaum noch wahrgenommen. Junge Menschen wollen sofort Studieren, und ‚nicht noch mehr Zeit verlieren‘. Dabei handelt es sich keineswegs um ein verlorenes Jahr. Es ist eine Erfahrung, die mich ganz neu auf meinen Lebenspfad stellen kann.
Ich wünsche jungen Menschen diese Erfahrung und die Möglichkeit, ganz anders an das Leben heranzugehen: mit einem neuen Bewusstsein für all die Probleme, die wir gerade besprochen haben, aber für auch mögliche Lösungen aus dem Glauben und aus der Solidarität der Glaubenden heraus.

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