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05.08.2022

Lifestyle

Vom Kämpfer zum Diener

Jonas Rittinghaus geht ins Fitnessstudio, macht Kampfsport und dient als Ministrant

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Von Laura Reuter

Sport ist die große Leidenschaft von Jonas Rittinghaus. Er verbringt viel Zeit im Fitnessstudio und macht Kampfsport. Sonntags tauscht er den Judo-Anzug gegen ein weißes Gewand. Trägt eine Kerze, statt Hanteln zu stemmen. Jonas ist Messdienerleiter in seiner Gemeinde im Siegerland.

Jonas Rittinghaus
Jonas Rittinghaus

»Kinder und Jugendliche, die Messe dienen, sind eben nicht einfach nur Deko.«

Jonas Rittinghaus
Messdienerleiter und Kampfsportler

Messdienen – ein Hobby für die Super-Frommen?

Seit sechs Jahren ist Jonas inzwischen Ministrant. Das hätte er selbst bei seiner Erstkommunion nicht für möglich gehalten. „Damals wollte ich kein Messdiener werden. Das schien mir uncool. Ich dachte, das machen nur die Super-Frommen.“

Heute weiß der 17-Jährige, dass das nicht stimmt. „Ich bin nicht besonders fromm. Ich selbst kann nicht hinter allem stehen, was die Kirche macht. Ich finde manche Dinge veraltet und ich habe auch Zweifel im Glauben“, sagt Jonas. Trotzdem begeistert er als Messdienerleiter inzwischen andere Kinder für den Dienst in der Kirche.

Über die Jahre ist sein Glaube gewachsen. Und was er aus der Bibel verstanden hat, versucht er zu leben. Dazu gehört für Jonas auch, nicht immer nur die eigenen Interessen zu verfolgen, sondern auch mal etwas für Andere zu tun.
Heute erlebt er das Ministrieren in erster Linie als Dienst für Gott. Aber auch als Dienst für die Menschen in der Gemeinde.

„Die Messe ist einfach viel feierlicher mit Ministrantinnen und Ministranten, mit Kerzen, Klingeln und Weihrauch. Und dieser äußere Rahmen, den wir schaffen, macht auch innerlich etwas mit den Menschen. Kinder und Jugendliche, die Messe dienen, sind eben nicht einfach nur Deko.“

Sonntags tauscht Jonas die Hanteln gegen Kerzen
Sonntags tauscht Jonas die Hanteln gegen Kerzen
In seiner Freizeit macht Jonas Kampfsport

Lachen im Gottesdienst

Jonas hat beobachtet: „Viele Kinder und Jugendliche kommen sonntags mit einem genervten Gesicht und gehen mit einem gelangweilten. Und das kann ich sogar verstehen.“ Der 17-Jährige sieht das Problem in schwierig zu verstehenden Worten, altmodischer Musik und fehlendem Schwung. Manches sei einfach eingestaubt. Anderes sei einfach zu steif für junge Menschen. Jonas erlebt auch Kinder, die Sorge haben, etwas falsch zu machen beim Dienen. Kinder, die angespannt in der Kirche sitzen, statt sich wohl zu fühlen.

Ihm ist es daher besonders wichtig, dass die Ministrantinnen und Ministranten Spaß im Gottesdienst habe. „Wir lachen viel zusammen. Beim Üben sowieso und auch in der Messe darf man mal lachen. Und es darf auch mal etwas schief gehen. Da versuche ich immer den Druck rauszunehmen. Respekt vor der Sache ist wichtig, aber wir bringen mit den Messdienern immer ein bisschen Leben in die Kirche.“

Neue Ministrantinnen und Ministranten begeistern

Um neue Messdiener zu gewinnen, lädt Jonas die Kommunionkinder zu einer Schnupper-Stunde ein. Dazu gehört neben dem Kennenlernen auch immer der Blick hinter die Kulissen. „Für die Kinder ist das meist das erste Mal, dass sie die Sakristei betreten. Schon das allein finden die mega spannend. Sie dürfen sich umschauen und Fragen stellen.“ Er lässt den potenziellen Nachwuchs auch in ein Gewand schlüpfen und schellen. Denn er sagt: „Die Kinder das einfach mal ausprobieren zu lassen, ist meist besser als jede Werbung.“

Dann gibt es ein paar Termine zum Üben und schon kommt der erste Einsatz in der Messe. Am Anfang haben die neuen immer einen erfahrenen Ministrant an ihrer Seite und noch nicht so viele Aufgaben. Das kommt nach und nach. Dem Messdienerleiter ist wichtig: „Die Kinder sollen von Anfang an merken: Ich kann etwas dazu beitragen, dass es eine schöne Messe wird. Und mein Dienst ich wichtig.“

Jonas erzählt auch von Herausforderungen, vor denen er als Messdienerleiter steht. Er weiß von Gemeinden, in denen es regelmäßige Gruppenstunden gibt, Spieleabende, gemeinsame Übernachtungen oder andere Aktionen. Und er erinnert sich: „Vor Corona waren wir auch mal mit den Messdienern klettern oder essen. Aber da hat Corona viel kaputt gemacht. Da wieder in einen Rhythmus zu kommen oder etwas Neues zu etablieren, ist ziemlich schwer.“

Ministranten sind nicht nur Deko
Ministranten sind nicht nur Deko

»Statt der Starke oder der Kämpfer, der seinen Gegner platt machen will, bin ich plötzlich ein Diener. Aber ich bin ja sonntags kein anderer Mensch als bei meinen anderen Hobbies. Beides gehört zu mir.«


Vom Kämpfer zum Diener

Von Jonas Sportpartnern und Kollegen in seiner Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker wissen viele, dass er sonntags keine Hanteln stemmt oder Gegner auf die Matte zwingt, sondern als Ministrant im Einsatz ist. Er nimmt wahr, dass das manchen komisch vorkommt. „Es ist eben schon ein krasser Unterschied. Statt der Starke oder der Kämpfer, der seinen Gegner platt machen will, bin ich plötzlich ein Diener. Aber ich bin ja sonntags kein anderer Mensch als bei meinen anderen Hobbies. Beides gehört zu mir.“

Auch wenn seine sehr verschiedenen Hobbies bei den Leuten Verwunderung auslösen, muss sich der Messdienerleiter nur selten für seinen Einsatz in der Kirche rechtfertigen. Seine Erklärung dafür: „Ich denke, weil ich eben beides authentisch vertreten kann.“ Lachend fügt er hinzu: „Vielleicht trauen sich die Leute auch nichts zu sagen, weil ich 1,90 Meter groß bin, Kampfsport mache und eine große Klappe habe. Ich stehe hinter dem, was ich mache. Ich stehe dazu, dass ich Messdiener bin. Ich äußere auch Kritik an der Kirche. Aber ich bin der Meinung, dass das umso mehr ein Grund ist, mich zu engagieren. Nur wenn ich dabei bleibe und mich einsetze, kann ich es besser machen. Und nur so kann sich etwas verändern.“

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