Tamara Dopfer bei dem Projekt LiteraturistInnen.
05.07.2019

Miteinander

Von Zufriedenheit und Nächstenliebe

Warum macht die Ausübung eines Ehrenamtes glücklich?

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von Christina Behrens

Willst Du froh und glücklich leben, laß kein Ehrenamt dir geben! – so lauten die Verse, die oft mit dem gemeinnützigen Engagement in Verbindung gebracht werden. Dennoch engagieren sich Bundesweit engagieren sich rund 30 Millionen Menschen in Deutschland ehrenamtlich. Aber warum sollten wir unsere Freizeit mit einer nicht vergüteten Aufgabe verbringen? Und was motiviert gerade junge Menschen, sich in den Dienst der Gesellschaft zu stellen? Wir haben versucht den Sinn zu ergründen.

Obdachlose mit warmen Kaffee und kaltem Wassereis versorgen, Senioren in die neumodische Technik des Smartphones einführen und mit unbegleiteten geflüchteten Mädchen gemeinsam lesen – all das gehört seit einem dreiviertel Jahr zu Tamara Dopfers Aufgaben. Sie ist 23 Jahre alt und bei der Young Caritas in Dortmund aktiv.
Der Start ins Ehrenamt war bei Tamara denkbar einfach: Nach wenigen ersten Absprachen konnte sie direkt loslegen und in den verschiedenen Projekten ganz nach Lust und Laune aktiv werden. Bei anderen Ehrenämtern steht eine Beauftragung, eine Berufung oder eine Wahl zu Beginn an, welche das Engagement verbindlicher macht. So erging es auch dem 22-jährigen David Jetter. Er wurde in sein aktuelles Amt als Diözesanleiter in der Katholischen jungen Gemeinde (KjG) gewählt. Seit klein auf ist er in dem Jugendverband aktiv, hat dort selbst Gruppen geleitet und Zeltlager durchgeführt. Heute vertritt er die Interessen der Kinder und Jugendlichen im Bistum und auf Bundesebene des Verbandes.

Engagement hat viele Gesichter

Tamara und David gehören zu sechs Millionen Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtlern in Nordrhein-Westfalen. Ihr Engagement zeigt, wie Ehrenamt aussehen kann. Die Möglichkeiten dafür sind breit gefächert: Sport und Bewegung, Schule, Kindergarten, Kultur und Musik – Ehrenämter umfassen jeden Lebensbereich. Was genau die Aufgaben sind, ist sehr unterschiedlich. In einer Definition heißt es, dass die Aktivitäten sich am Gemeinwohl orientieren und im öffentlichen Raum stattfinden. Typisch ist auch, dass meist noch andere Ehrenamtliche mitwirken und kein materieller Gewinn erzielt wird. Den Ausführenden wird dafür eine besondere "Ehre" zuteil. 
Ganz so einfach ist es jedoch nicht. Dass der Ehrenamtsalltag oft anders aussieht, weiß David zu berichten: "Dem Ehrenamt fehlt es an ganz vielen Stellen an Wertschätzung. Die Dankbarkeit, die ich von Kindern und Eltern bekomme, hält mich jedoch am Ball und verleiht dem Amt Sinn." Mehr Wertschätzung könne auch andere dazu motivieren, selbst aktiv zu werden, findet er.

Ehrenamtliches Engagement ist nicht selbstverständlich. Es braucht Wertschätzung und Dankbarkeit, da reichen manchmal auch einfache Worte.

David Jetter
Diözesanleiter der KjG im Bistum Paderborn

David Jetter, KjG Diözsanleiter.

Rund 44 Prozent aller Deutschen über 14 Jahren sind laut einer repräsentativen Umfrage des Deutschen Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) aus dem Jahr 2014 ehrenamtlich tätig. Das ist gut, denn die hohe Beteiligung im Ehrenamt sorgt für eine starke Zivilgesellschaft. Tamara und David haben sich von sich aus entscheiden, dazu beizutragen. Sie wollen etwas zurückgeben. Damit gehören sie statistisch gesehen zu der Hälfte der Aktiven, die aus eigenem Interesse zu ihrem Amt gefunden haben. Die anderen 50% wurden über konkrete Ansprache akquiriert.
Schülerinnen und Schüler sowie Menschen mit hohem Bildungsabschluss gehören vermehrt zu den ehrenamtlich Aktiven. Mittleres Alter, gehobenes Bildungsniveau, berufstätig, überdurchschnittliches Einkommen und Männlichkeit zeichnet den typischen Ehrenamtlichen aus. Auch wenn man vielleicht eher an Erwerbslose oder Senioren denkt, weil sie vermeintlich so viel Zeit haben, ist die Herleitung einleuchtend. Denn mit einem höheren Abschluss geht für gewöhnlich auch eine existenzsichernde Erwerbstätigkeit einher. Sind damit die materiellen Grundbedürfnisse gedeckt und wird eine soziale Teilhabe erst möglich. Das sieht auch Tamara so: "Ehrenamt ist vor allem dann sinngebend, wenn es aus einer Fülle heraus geschieht. Hat man selbst Zeit übrig, kann man sie für andere nutzen." Dann scheinen weitere bezahlte Jobs ökonomisch betrachtet nicht mehr so attraktiv. Im Gegenteil, sie sind nicht mehr zweckdienlich für ein glückliches Leben. Aber was ist es dann?

Ehrenamtliche nennen die unterschiedlichsten Gründe für ihr Engagement. Neben Spaß sind es das Zusammenkommen mit anderen Menschen und das Mitgestalten der Gesellschaft, die den Reiz ausmachen. Tamara gefällt die Vielfalt, die ihr Ehrenamt mit sich bringt: "Man kommt mit den Menschen in viele persönliche Gespräche über ihre Lebensgeschichte. Aber auch viele lustige Situationen sind dabei. Ich habe Senioren zum Beispiel beigebracht, wie man ein Selfie macht." 
David hingegen motiviert das Gefühl der Gemeinschaft in seinem Verband: "Alle ticken irgendwie gleich, man gehört zu etwas ganz Großem. Wenn man dann auf Diözesan- oder Bundeskonferenzen unterwegs ist, merkt man den Spirit, dass alle sich in Kinder und Jugendliche hineinversetzen und für sie politisch handeln möchten."
Manchmal steckt aber auch der Wunsch dahinter, Qualifikationen zu erwerben. Das gilt insbesondere für Schülerinnen und Schüler. Denn freiwilliges Engagement ermöglicht Lernerfahrungen: Soziale sowie persönliche Fähigkeiten werden in der Interaktion mit anderen jungen Menschen gestärkt. Ältere hingegen freuen sich eher, ihre eigenen Qualifikationen einbringen zu können. Nichtsdestotrotz stehen auch idealistische Gründe im Vordergrund. "Es ist nur eine Kleinigkeit, Obdachlosen Aufmerksamkeit, Essen und Trinken zu geben, aber es entsteht etwas Größeres daraus, was Sinn und Hoffnung gibt", beschreibt Tamara die Begegnungen auf der Straße, die das Miteinander nachhaltig prägen. Das bestätigt auch die Statistik. Fast zwei Drittel der Ehrenamtlichen geben an, dass sie die Gesellschaft zumindest im Kleinen mitgestalten wollen.

Tamara Dopfer bei dem Projekt "Warm durch die Nacht".

»Manchmal ist es schwierig den ersten Schritt Richtung Ehrenamt zu gehen, aber es lohnt sich: Man lernt neue Leute kennen und kann eigene Projekte entwickeln.«

Tamara Dopfer
Ehrenamtliche bei der Young Caritas Dortmund

Das Flow-Gefühl als Motor der Glücksgefühle

Das Gefühl des Gebraucht-Werdens und nützlichen Tuns ist maßgeblich für das ehrenamtliche Engagement. Der amerikanische Psychologe Mihály Csíkszentmihályi fand heraus, dass gerade Menschen, die sich gefordert fühlen, ein Flow-Erlebnis entwickeln. Dieses intensive Konzentrationserlebnis führt dazu, dass das Selbstgefühl verschwindet und das Zeitgefühl verzerrt wird. Ein Zustand, der uns Menschen glücklich macht – ganz im Gegenteil zum vermeintlich entspannten Feierabend oder Urlaub. Auch der Körper weiß das zu schätzen: Er ist tendenziell gesünder und verkraftet Stress besser. Ehrenamt tut – nicht überfordernd ausgeführt – der Psyche gut.
Aber auch abseits des Flow-Gefühls vermittelt ein Ehrenamt einen tieferen Sinn im Leben: Es gibt Halt und stärkt das Gemeinschaftsgefühl. Das kann auch David bestätigen: "Man macht Dinge die man einfach gerne tut, losgelöst von jeglichem Druck, der sonst im Alltag oft dahintersteht." Das ist in extremen und intensiven Momenten wie beim Katastrophenschutz oder der Freiwilligen Feuerwehr genauso spürbar wie im Zeltlager beim gemeinsamen Abwasch oder dem Zähneputzen mit den Gruppenkindern. Solche Aktivitäten setzen Glücksgefühle frei und auch das Selbstwertgefühl steigt. Schließlich macht das Dasein für andere auch schlichtweg Spaß, denn auch der darf im Ehrenamt nicht zu kurz kommen.

Versetzt der Glaube Berge?

Die Antwort hier müsste ganz klar lauten: Ja! Christinnen und Christen bei denen der Glaube eine Rolle spielt, sind mit einer Wahrscheinlichkeit von 35,5% ehrenamtlich tätig – ohne überzeugten Glauben jedoch nur zu 12%. Je höher die persönliche Überzeugung vom Christentum, desto wahrscheinlicher auch das gemeinnützige Engagement. "Mein Ehrenamt ist nicht nur der Ausgleich zum Studium. Wenn ich im Alltag nicht dazu komme, schaffe ich durch die KjG und die Glaubensinstanz einen Ausgleich", erklärt David und fährt fort: "Durch meinen Verband bekomme ich automatisch eine Verbindung zum Glauben." Tatsächlich gibt es darüber hinaus auch einen konkreten Zusammenhang zwischen dem sonntäglichen Kirchgang und dem Ehrenamt. Kirchengänger sind mit viel höherer Wahrscheinlichkeit bereit, gemeinnützig aktiv zu werden (Quelle). Das Bild des heiligen Samariters (LK 10, 25-37) ist es, auf welches die christliche Nächstenliebe in der Bibel zurückzuführen ist. Es sind die Wurzeln ehrenamtlichen Engagements im Neuen Testament. Für Tamara ist es eine Erweiterung des Weltbildes: "Es hilft mir, den Blick zu öffnen in dem Glauben dran, dass Menschen sich gegenseitig unterstützen." Das zeugt davon, dass das Prinzip der Nächstenliebe wirkt und über Jahrhunderte hinweg immer noch angesagt ist.

Und wie schön ist es wenn man bei einem Menschen erkennt, er brennt für was er tut und ist in seinem Element. 
Und wie schön ist es sich mit solchen Menschen zu umgeben, die für das was sie tun leben.
Bodo Wartke – Das falsche Pferd

Wer nun Lust auf ein Ehrenamt bekommen hat, sollte sich auf eine längere Flow-Beziehung einlassen wollen. Rund ein Drittel der Ehrenamtlichen üben ihre glücklich machende Beschäftigung über zehn Jahre lang aus. Das richtige Ehrenamt zu finden ist jedoch bei der ganzen Auswahl gar nicht so einfach. Einen ersten Überblick bieten der Ehrenamtscheck oder der Ehrenamtsratgeber.

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