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30.04.2020

Liebe

(Warum) Ist Jesus für meine Sünden gestorben?

Was es verändert, wenn es wirklich einen Gott gibt, der Mensch wurde, gestorben und auferstanden ist

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von Tobias Schulte

Eigentlich hätte dieser Text längst erscheinen sollen. Vielleicht in der Fastenzeit, vielleicht an Karfreitag oder Ostern. Denn dann hätte sie offensichtlich gepasst, die Frage: (Warum) Ist Jesus für mich gestorben? So oft singen wir in Worship-Liedern überzeugt davon.

Schon lange vor der Fastenzeit habe ich mich zu dieser Frage, die mich auch persönlich beschäftigt, mit Markus Wippermann, BDKJ-Jugendseelsorger, unterhalten. Doch es kam anders. Wichtige Termine, andere Projekte, Corona.

Nun haben wir am Wochenende YOUNG MISSION gefeiert. Digital. Ich habe gespürt, dass Gott mich auch online berühren kann. Und nun stellt sich diese Frage für mich noch einmal ganz neu: (Warum) Ist Jesus für mich gestorben? Deswegen möchte ich meine Fragen und die Antworten von Markus Wippermann neu mit euch teilen.

»Endlich frei, voller Gnade hat Er mich erlöst.
War Sklave der Sünde doch Jesus starb für mich.
Ja, Er starb für mich«

Hillsong - "Ich weiß, wer ich bin"

Markus, (warum) ist Jesus für mich gestorben?
Ich würde nicht sagen, dass Jesus nur für mich gestorben ist. Das Wesentliche ist, dass Jesus für mich, für uns, gelebt hat, und für uns auferstanden ist. Außerdem finde ich die Frage nach dem „für mich“ sehr individualistisch. Eigentlich steht das Christentum eher für das „Wir“.

Also du sagst: Jesus ist für uns gestorben, nicht für mich…
Ja, definitiv. Das „uns“ schließt mich mit ein und es weitet den Blick. Nicht umsonst ist unser wichtigstes Gebet das „Vater Unser“. Die Welt und der Glaube sind eben nicht nur für mich da. Auch rein menschlich sind wir von Anfang an auf Gemeinschaft gepolt – das beginnt mit dem Durchschneiden der Nabelschnur nach der Geburt. Wir können uns gar nicht selber das Leben geben. Ohne „Wir“ ist gar kein Leben möglich – das gilt auch für das Leben im Glauben.

Pastor Markus Wippermann.
Pastor Markus Wippermann.
Wenn Jesus für uns gestorben ist – und gelebt hat – was ändert sich denn dann?
Das Vorzeichen unseres Lebens. Ich muss mir die Liebe Gottes oder die Erlösung nicht erarbeiten, im Sinne von: „Jetzt tu mal das, damit….“ Gott schenkt uns seine Liebe.

Das Wort Erlösung kommt in meinem Sprachgebrauch so gut wie nicht vor – wie erklärst du es?
Um es zu erklären, würde ich noch ein anderes theologisches Wort reinbringen: Sünde. Das ist die Gegenspielerin der Erlösung. Wenn ich Sünde mit „Trennung von Gott“ übersetze, dann ist die Erlösung das Loslösen von der Sünde. Erlösung ist das „Freiwerden für Gott“. Das kann ich mir letztlich nicht selbst schenken. So, wie ich mir das Leben nicht selbst schenken kann, kann ich mir das geistliche Leben nicht selber geben. Dieser Geburtsvorgang ist die Erlösung.
Dafür, dass wir erlöst und von Gott geliebt sind, müssen wir nichts tun. Das schenkt uns Gott einfach. Und dadurch ändert sich ja alles.
Hände mit gebrochenen Fesseln reichen in die Luft.

Zum Beispiel?
Dass wir auf die Barmherzigkeit Gottes vertrauen dürfen. Aus dieser Haltung heraus kann ich Gott gegenübertreten und mein Leben aus dieser großen Freiheit heraus gestalten. Wir müssen gar keine Angst haben, dass durch meine Sünden die Beziehung zwischen Gott und uns Menschen ins Ungleichgewicht kommt.
Es gibt eine Übersetzung der Zehn Gebote, die lautet: Du wirst nicht töten, nicht stehlen, nichtlügen, wenn du erstmal verstanden hast, dass Gott dich ja schon längst liebt. Dann ist es kein Befehl, den du ausführst, sondern du wirst dem automatisch folgen, weil du in dir spürst, dass du diese Liebe auch an Gott zurückgeben möchtest.

In meiner Heimatkirche hängt über dem Altar ein über-lebensgroßes Bild von Jesus, wie er ans Kreuz genagelt ist. Wenn ich darauf schaue, ist es auch manchmal ein bisschen komisch, dem Tod und der Situation ins Auge zu schauen. Dann frage ich mich manchmal: Kann ich das eigentlich glauben, dass das so passiert ist? Kannst du das nachvollziehen?
Dieses komische Gefühl ist immer da, wo der Tod ist. Wenn ich als Priester bei Sterbefällen ins Krankenhaus oder zu Hausbesuchen gerufen werde, fühlt sich das immer komisch an. Dann frage ich mich manchmal: Bist du, Mensch, das überhaupt noch? Wer oder was liegt jetzt eigentlich hier?
Kinder und Jugendliche haben mich auch schon öfter gefragt, warum Gott-Vater seinen Sohn sterben lässt. Das ist ja auch mehr als komisch. Das stellt das, was ich persönlich von Familie erlebt habe, auf den Kopf. Da liegt dann auch die Frage nahe: Musste Jesus sterben, für unsere Sünden?

Ein Herz und ein Kreuz hängen nebeienander.

"Befreit durch seine Gnade von aller meiner Last. Gereinigt durch sein teures Blut"

Outbreakband - "Am Kreuz"

Und?
Ich würde es so erklären: Weil Jesus durch und durch aus der Tradition des Judentums kam, war ihm der Opfergedanke sehr geläufig. Er wollte es jedoch vollenden, indem er gesagt hat: Ihr könnt euch Gottes Liebe nicht erkaufen, seine Genugtuung nicht erwerben. Jesus hat durch sein eigenes Opfer alle Opfer ein für alle Mal hinfällig gemacht. Deswegen sagt er am Vorabend seines Todes beim letzten Abendmahl zu seinen Jüngern: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“.
Wenn wir das verstehen würden – ich behaupte ja gar nicht, dass ich es bis zum Ende durchdrungen habe – dann müsste das Komische ja eigentlich weg sein. Sowohl das Komische dieses Opfergedankens als auch das Komische des Todes, weil der Tod durch die Auferstehung überwunden wurde.

Du hast das letzte Abendmahl angesprochen. Was meint Jesus denn mit „Tut dies“?
Am Vorabend wurde das Opfermahl der Juden gefeiert, bei dem sie das Lamm im Gedenken an den Auszug aus Ägypten geopfert haben. Jesus sagt quasi: Ich möchte nun euer Opfer sein. Eben in Analogie zur Befreiung durch den Durchzug durchs Rote Meer möchte Jesus sagen: „Ich führe euch heraus – aus diesem Leben, aus dem Komischen, aus dem Tod – ins neue Leben hinein.“ Er führt uns aus der Gefangenschaft in die Freiheit.

Das feiern wir ja praktisch in der Eucharistie, in jeder Heiligen Messe. Ich habe mal gelesen, dass wir damit auch feiern, dass sich alles in unserer Welt noch heute zum Positiven wandeln kann…
Ja. Daher ist das Kreuz als das Plus-Zeichen, das positive Vorzeichen, zu verstehen. Jesus sagt ja: „Das ist mein Gebot: Liebt einander.“ Also: Handelt aus diesem Schatz heraus, den ihr schon habt. Wuchert mit euren Talenten.

Das ist ein sehr befreiender Gedanke. Warum haben wir das scheinbar vergessen? Und wie können wir uns das wieder klarmachen?
Als die Heilige Mutter Teresa von einem Reporter gefragt wurde, was sich in der Kirche ändern müsste, hielt sie einen Moment inne, guckte den Reporter an, und sagte: „Du und ich“.
Ich muss diese Botschaft erstmal selbst kapieren und in mein Leben übersetzen. Zum Beispiel: Ich muss nicht zuerst die große Welt retten - ich kann bei mir anfangen. Am besten ist es natürlich, wenn man den Glauben auch erlebt. Ich kann viel über Liebe reden – aber dadurch spüre ich noch keine Liebe.

Wie ist das für dich als Priester, ist die Botschaft von Jesu Tod und Auferstehung so tief in dein Herz gewandert, dass du es nicht mehr hinterfragst?
Mir gibt der Gedanke Sicherheit, dass die Bibel als Ganzes ja über Jahrhunderte entstanden ist. Ich denke, dass sich das keiner so ausgedacht haben kann, dass alles nur erdichtet ist. In dem Werk als Ganzes steckt für mich schon der Geist Gottes drin. Und auch im Leben Jesu – das macht es für mich plausibel.
Außerdem überzeugt es mich, dass es die frohe Botschaft - trotz allen negativen Kapiteln in der Kirchengeschichte – bis ins 21. Jahrhundert geschafft hat, und Menschen immer wieder davon berührt werden.
Das heißt nicht, dass man nicht manches hinterfragen darf und sich auf die Suche macht. Bei theologischen Fragen muss man sich allerdings daran gewöhnen, dass durch eine Antwort zehn neue Fragen entstehen – und dass wir mit unseren Fragen nie an ein Ende kommen. Wir haben zwar ein menschliches Hirn und stehen mit Gott in Verbindung - aber die letzte Frage, Gott selbst, werden wir nicht lösen. Gott ist unerschöpflich und damit unsagbar. Damit müssen wir uns anfreunden. Deswegen bleibt es auch spannend bis zum Schluss. Wenn unsere Augen zugehen, gehen sie wahrscheinlich erst richtig auf.

Markus Wippermann, vielen Dank für das Gespräch.

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