Thomas Michna vor seiner Ausstellung in der KHG Dortmund.
Thomas Michna vor seiner Ausstellung in der KHG Dortmund.
28.11.2019

Faszination

Warum kann ich nicht glauben?

Fotograf Thomas Michna beschäftigt sich in seiner Ausstellung in Dortmund damit, dass seine Eltern streng gläubig sind – und er nicht

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von Tobias Schulte

Seine aktuellen Bilder seien ein Stück weit Therapie für ihn, sagt Thomas Michna, Fotografie-Student an der FH Dortmund. Seine Ausstellung ist derzeit in den Räumen der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) Dortmund zu sehen. Der Titel: „Mary youth“. Darin beschäftigt sich der 23-jährige Essener damit, was es mit ihm macht, dass er im Gegensatz zu seinen Eltern nicht an Gott glaubt.

Gott, Glaube, Kirche – Thomas Michna spricht davon als bohrende, beschwerliche Themen. Seine polnisch-stämmigen Eltern lebten ihren Glauben „unglaublich traditionell“. Als Kinder wurden er und seine Schwester mit zur Heiligen Messe und auf den Friedhof genommen. Morgens und abends beteten Mama und Papa mit ihm. „Sie wünschten sich, uns an den Glauben heranzuführen“, sagt er. Doch Thomas Michna fand keinen Zugang zu Glaube und Kirche – und machte sich immer wieder Vorwürfe dafür. Wer enttäuscht schon gern seine Eltern?

Thomas Michna
Thomas Michna

»Wie viel Entscheidungsmacht habe ich? Wie viel muss ich tun, um zu dem zu kommen, was ich haben möchte – oder ist da etwas vorbestimmt für mich?«

Thomas Michna
23, Fotograf aus Essen

Die Bilder der Ausstellung hat Michna für ein Semesterprojekt geschossen. Im vergangenen Jahr zog er mit einem Smartphone los, das den Studenten in seinem Kurs eigens dafür zur Verfügung gestellt wurde. Er suchte Kreuze, Ikonen oder Marienbildnisse im öffentlichen Raum – als erstes auf dem Essener Weihnachtsmarkt. „Da war ich fast schon schockiert, dass es da so gut wie keine christlichen Motive gab“, sagt Michna. Und: „Ab dem Punkt, an dem ich nicht mehr gesucht habe wie ein Wilder, kam der Rest automatisch.“ Als er seine Wahrnehmung geschärft hatte, merkte er, wie omnipräsent christliche Motive und Symbole sind. Er fand sie an Hauswänden in Bochum, in einem Secondhandladen in Venlo oder am Campus in Dortmund.

Unscharfe, verpixelte Bilder gehören zu Michnas Ausstellung genauso wie Fotos aus dem Studio.
Unscharfe, verpixelte Bilder gehören zu Michnas Ausstellung genauso wie Fotos aus dem Studio.

So kannst du die Kunstwerke betrachten
Jede Ansicht eines Kunstwerks oder einer Ausstellung sei berechtigt, sagt Thomas Michna. Niemand solle sich als Desinteressierter oder Kunst-Amateur sehen. „Wenn sich jemand bewusst Bilder anschaut, wäre es gut, wenn er oder sie eine Offenheit mitbringt und sich nicht nur mit dem Inhalt der Bilder sondern auch der Ästhetik auseinandersetzt.“ Mögliche Beobachtungen könnten sein: Wie funktionieren die Farben und Formen innerhalb eines Bilds für mich? Wie harmonieren die Bilder in der gesamten Hängung zusammen?

Das Bild einer Marienfigur, in dem sich die Gegenseite der Straße spiegelt.

Weil jemand an ihn geglaubt hat

Künstlerisch wollte Michna bei den Bildern mit den Schwächen des Geräts arbeiten. Davon zeugen Unschärfen und manche pixelige Bilder. Er sagt: „Das passt dazu, dass ich selbst sehr unsicher in dem Thema bin und die eher schwammigen Bilder meine eigene Sicht fast schon verbindlichen.“ Die Schwächen der Handykamera seien eine Art Filter, durch die er die christlichen Symbole sehe.

»Das wichtigste dabei ist, total respektvoll miteinander umzugehen. Mit der Offenheit, dass jeder seinen Glauben so leben darf, wie er will.«

Thomas Michna

Thomas Michna möchte später als Porträtfotograf arbeiten. Am liebsten würde er Künstler oder Musiker fotografieren, um sie durch seine Bilder zu profilieren. Er sagt: „Ich liebe Gesichter“. Die Ausstellung in Dortmund ist auf diesem Weg ein erster Schritt und ein Wagnis zugleich. Manche Bilder sind (bewusst) unscharf oder verpixelt. Zudem öffnet er sich persönlich in der Ausstellung. Michna zeigt „Verletzlichkeit“, wie er selbst sagt: „Eigentlich möchtest du in der Fotografie nicht verletzlich wirken. Du möchtest starke Bilder haben, die bombenfest wirken.“

Was Thomas Michna an seiner Ausstellung besonders spannend findet, ist, dass er mit seinen Bildern, die seine Zweifel zum Ausdruck bringen, in der Dortmunder KHG Platz findet. Dort, wo Studierende zusammenkommen, die vom Glauben überzeugt. Die in der Kirche eine Gemeinschaft finden. Dort möchte er sich mit seinen Zweifeln stellen und mit überzeugten Christen ins Gespräch kommen. „Und das ohne, dass sofort infrage gestellt wird, ob ich nicht doch tief im innersten gläubig bin.“

Damit fordert Michna auch die Dortmunder Studenten und alle Gläubigen heraus. Er ist einer von wahrscheinlich vielen jungen Erwachsenen, bei denen man spürt, dass man mit christlichen Botschaften bei ihnen andocken könnte. Gleichzeitig möchte er nicht das Gefühl haben, missioniert zu werden. Etwas übergestülpt zu bekommen. „Das wichtigste dabei ist, total respektvoll miteinander umzugehen“, sagt der 23-Jährige. „Mit der Offenheit, dass jeder seinen Glauben so leben darf, wie er will.“

Marienbildnisse - eingefangen von Thomas Michna.
Marienbildnisse - eingefangen von Thomas Michna.

Laut Shell-Jugendstudie hat für 61 Prozent der jungen Katholiken der Glaube an Gott keine Bedeutung. Michna gehört dazu. Er bezeichnet sich dagegen als „spirituell veranlagt“. Welche Fragen hat er an das Leben? Michna antwortet: „Inwiefern kann ich das Leben beeinflussen? Wie viel Entscheidungsmacht habe ich? Wie viel muss ich tun, um zu dem zu kommen, was ich haben möchte – oder ist da etwas vorbestimmt für mich?“ Er glaube, dass es „irgendwas Größeres“ geben muss. „Etwas, das vielleicht auch Entscheidungen für uns trifft“, sagt Michna.

Ein Gottesbild, das nicht von Vertrauen zeugt – und auch nicht dem christlichen Gottesbild entspricht. Gott ist für uns jemand, der uns so sehr liebt, dass er uns Freiheiten lässt und uns bei unseren Entscheidungen begleitet.

Trotzdem, das Thomas Michna nie über Gott spricht, sondern eher über Religion, Kirche und Christentum, lassen sich im Gespräch immer wieder Spuren Gottes erkennen, wenn man will. Zum Beispiel, wenn er sagt, dass seine Familie und Freunde ihn so akzeptieren und lieben, wie er ist. Bedingungslose Liebe – für uns Christen die große Eigenschaft Gottes. Oder wenn er erzählt, wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass nun Bilder von ihm zum ersten Mal überhaupt ausgestellt werden.

Zunächst fügte er die Bilder für seine Prüfung in einem Buch zusammen, das eine Anspielung auf das fladerige Gotteslob seiner Oma sein sollte. „Das haben die meisten nicht verstanden“, sagt Thomas Michna. Doch nach der Prüfung kam eine Professorin auf ihn zu, die ihn anregte, seine Bilder auszudrucken und als Hängung auszustellen. Sie stellte Kontakt zur KHG her. „Das wirkte wie ein Zufall. Fast schon eine Vorbestimmung“, sagt Thomas Michna. „Weil eine Dozentin an mich geglaubt hat, habe ich endlich die Möglichkeit, meine Bilder auszustellen.“

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