„Oft gefragt“ was Weihnachten noch bedeutet
22.12.2015

„Oft gefragt“ was Weihnachten noch bedeutet

Die Weihnachtsreportage zum Thema Familie

Von Tobias Schulte

Last Christmas, All I want for Christmas is you, Feliz Navidad – die meisten Weihnachtslieder hängen uns doch jetzt schon zu den Ohren raus, wenn wir ehrlich sind. Neben den vielen typischen Weihnachtssongs hat in der Adventszeit ein deutschsprachiges Lied die Charts gestürmt: „Oft gefragt“ von AnnenMayKantereit. „Zu Hause bist immer nur du“ lautet der Refrain, der sofort im Ohr bleibt. In dem Lied denkt die Band aus vier Kölner Jungs über die Beziehung zu ihren Eltern nach. Ein Lied, das Lena Topp und Till Kupitz gerade an Weihnachten zum Nachdenken anregt.

Die Eltern an Weihnachten alleine Zuhause lassen – das geht für Lena Topp aus Soest gar nicht. Sie ist von Heiligabend bis zum zweiten Weihnachtsfeiertag mit ihrer Verwandtschaft zusammen. „Weihnachten gehört der Familie“, sagt die 18-Jährige ganz selbstverständlich. Sie freue sich jedes Jahr wieder darauf, ihre Verwandten zu treffen.

Auch für den 21-jährigen Till Kupitz sind Weihnachten drei schöne Tage, bei denen er sich auf das Zusammensein konzentriere. „Es sind vielleicht die drei schönten Tage im Jahr“, sagt der Marsberger, der Journalistik in Dortmund studiert.


Du hast mich angezogen, ausgezogen, großgezogen
Und wir sind umgezogen, ich hab dich angelogen!
Ich nehme keine Drogen
Und in der Schule war ich auch

Ehrlich und dankbar gegenüber anderen Menschen zu sein, das fällt Lena Topp, wie wohl den Meisten, schwer. „Im stressigen Alltag verliere ich oft das Bewusstsein dafür, meinen Eltern genug zu danken“, gibt sie zu. Sie macht derzeit ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) beim Diözesanverband der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG) in Paderborn. Ihr werde oft erst im Nachhinein bewusst, wie viel ihre Eltern für sie leisten würden: „Ein ‚Dankeschön‘ ist im Alltag schnell verflogen. Gerade an Weihnachten habe ich aber mehr Zeit für meine Familie und mir wird klar, wie wichtig meine Eltern für mich sind.“

Till Kupitz ist für sein Studium von Marsberg weggezogen und wohnt in Dortmund. „Unter der Woche merke ich, wie viele Kleinigkeiten meine Eltern im Alltag für mich erledigt haben. Wenn ich am Wochenende Zuhause bin, spüre ich, wie gut die Hilfe der Familie tut“, sagt der Marsberger. Deshalb versuche er auch, dass der Sonntag der Familie gehört.

Till Kupitz stammt aus Marsberg und studiert in Dortmund.

Du hast dich oft gefragt, was mich zerreißt
Ich wollte nicht, dass du es weißt
Du warst allein zu Haus', hast mich vermisst
Und dich gefragt, was du noch für mich bist
Und dich gefragt, was du noch für mich bist

In ihrem Lied denken AnnenMayKantereit darüber nach, was wohl in ihren Eltern vorgeht: Was bin ich noch für meine Kinder? Umgedreht ist es auch für Jugendliche schwer in Worte zu fassen, was einem die Eltern noch bedeuten. „Meine Eltern sind die Grundsteine, auf denen mein Leben aufgebaut ist“, antwortet Till Kupitz. Eine abstrakte Formulierung. „Von ihnen weiß ich alles. Sie haben mich zu dem gemacht, was ich bin“, wirft der Student hinterher.

Auch Lena Topp findet nur schwer eine Antwort auf diese doch so wichtige Frage. „Meine Eltern sind Ratgeber für wichtige Fragen in meinem Leben“, antwortet sie schließlich. Lena ergänzt: „Ich kann auch auf sie zurückkommen, wenn ich etwas falsch gemacht habe. Über Themen reden, die ich nie bei meinen Freundinnen ansprechen würde.“

Zu Hause bist immer nur du

Allein Zuhause ist an Weihnachten hoffentlich niemand. Für Lena Topp und Till Kupitz ist es schließlich das Fest der Familie, das Fest der Liebe. Am meisten freuen sich die beiden auf Heilig Abend. Till Kupitz sagt, er warte den ganzen Tag darauf, dass seine Verwandten bei ihm in Marsberg eintreffen. Gemeinsam wird dann erst mal gegessen. „Das Essen an Weihnachten ist das Beste im ganzen Jahr. Es wird immer etwas Besonderes gekocht und die Gemeinschaft am Tisch vergoldet die Mahlzeit“, schwärmt Till.

In die Messe geht seine Familie erst an Weihnachten. „An Heiligabend ist die Kirche einfach zu voll, da finde ich keine Besinnung“, sagt Till. Gerade weil er im Jahr nicht so oft in die Kirche gehe, freue er sich besonders auf den Gottesdienst an Weihnachten. „Nach der Kommunion nehme ich mir an Weihnachten besonders Zeit, um Gott für die letzten Tage und Wochen zu danken. Das gibt mir Kraft.“

Lena Topp freut sich auf Weihnachten und ihre Familie.

Zu Hause bist immer nur du

Die Familie von Lena Topp muss sich an Heiligabend zunächst trennen. „Mein Papa spielt Orgel in der Christmette, meine Mutter ist Gemeindereferentin und arbeitet erst in einem anderen Ort“, erklärt Lena. Nach der Christmette treffen sich Lena und ihre Schwester dann zu Hause mit ihren Eltern und ihrer Oma aus Soest.

„Als Beginn unseres gemeinsamen Festes stellen wir Josef, Maria und das Christuskind in die Krippe im Wohnzimmer. Die Verbindung aus dem Fest Christi Geburt und dem Fest der Familie macht Weihnachten erst so besonders. Zusammen mit Kerzenschein und Musik schwebt eine besondere Atmosphäre in der Luft“, sagt Lena voller Freude.

Drei Tage lang eine „Familienfeier Weihnachten“ – für Till Kupitz ist das nicht etwa langweilig, sondern eine gute Tradition. „An Weihnachten kann ich bei meiner Familie Abstand vom Alltag nehmen. Wir erzählen uns viele Geschichten und blicken auf das fast vergangene Jahr zurück. Gerade das gemeinsame Essen und die Spaziergänge tun mir gut“, sagt der 21-Jährige. Abends in die Stadt zum Feiern zu gehen – darauf hat er überhaupt keine Lust. Lena Topp geht es genauso: „Ich kann das ganze restliche Jahr feiern gehen – Weihnachten gehört der Familie“, begründet sie.“ Meine Eltern wären auch ein Stück weit von mir enttäuscht, wenn ich sie alleine lassen würde.“

Du hast mich abgeholt und hingebracht
Bist mitten in der Nacht wegen mir aufgewacht
Ich hab in letzter Zeit zu oft daran gedacht

Wir waren in Prag, Paris und Wien
In der Bretagne und Berlin, aber nicht in Kopenhagen
Du hast dich oft gefragt, was mich zerreißt
Ich habe aufgehört, mich das zu fragen

Nach dem Essen an Heilig Abend gibt es bei Lena und Till jeweils Geschenke und die Familien feiern das Weihnachtsfest gemeinsam weiter. In dem Lied von AnnenMayKantereit spielt auch das schlechte Gewissen gegenüber den Eltern eine Rolle. Ist Weihnachten also ein Fest, um etwas wiederzugeben? Für Lena Topp definitiv, aber nicht aus einem schlechten Gewissen heraus. Weihnachten sei einfach die beste Möglichkeit dazu. „Ich glaube, meine Eltern freuen sich am meisten darüber, wenn wir Zeit mit unserer Familie verbringen. Und wenn ich und meine Schwester ehrlich gut gelaunt sind, dann sind sie es auch“, sagt die 18-Jährige.

Um seinen Eltern ein Stück weit etwas wiederzugeben, versucht Till ihnen an Weihnachten mehr unter die Arme zu greifen. „Auch sie sollen Weihnachten genießen können“, begründet der 21-Jährige. Deshalb sind auch Geschenke für ihn wichtig, wie Till erzählt: „Ich will mir aber keine Liebe erkaufen, sondern meinen Eltern einfach Freude bereiten.“ Auch für Lena Topp sind Geschenke „ein Symbol der Zuneigung. Ich denke, Eltern freuen sich, wenn wir uns damit beschäftigen, was sie gebrauchen könnten und was ihnen gefällt“, sagt sie.

Ich hab keine Heimat, ich hab nur dich
Du bist zu Hause für immer und mich

Obwohl Lena und Till schon 18 und 21 sind, haben sie beide mit kindlicher Vorfreude auf Weihnachten gewartet. Für sie ist es mehr denn je das Fest der Familie. Student Till begründet: „Ich feiere dort, wo ich aufgewachsen bin und hingehöre. Was gibt es Schöneres?“

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