1500 Kerzen mit dem Friedenslicht wurden am Container verteilt.
1500 Kerzen mit dem Friedenslicht wurden am Container verteilt.
15.02.2018

Exklusiv

Was ein goldener Container bewirkt

Interview zur Aktion "Gott kommt nach Herne" mit Dominik Mutschler

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von Tobias Schulte

Ein kantiger goldener Container ist vier Wochen lang der markanteste Ort der katholischen Kirche in Herne, vermutlich im gesamten Ruhrgebiet. Das hat die Aktion "Gott kommt nach Herne" in der Adventszeit geschafft. Gemeindereferent Dominik Mutschler (30) hat die Aktion initiiert. Im Interview mit YOUPAX sagt Mutschler, wie die Botschaft ankam und warum er an Weihnachten mehr Zeit mit Obdachlosen als mit seiner Familie verbracht hat.

Vier Wochen lang stand der Container in der Herner Innenstadt. Wie lief die Aktion?
Es war ein tolles Erlebnis. Die Menschen und die Presse sind von Anfang an auf den Container aufgesprungen. Ich durfte viele Interviews geben. Auch die Zahlen klingen gut: Hunderttausende Menschen sind laut der Stadt am Container vorbeigelaufen, bei unseren Aktionen haben wir rund 1200 Schokonikoläuse, 2500 Wunschzettel und 1500 Kerzen mit dem Friedenslicht verteilt. Dazu haben an Heiligabend 60 Menschen nachmittags am Container gefeiert, die ich so nicht erwartet hätte, und 300 Personen sind nach der Christmette zum Container gegangen.

Eure Botschaft war: Gott kommt an Weihnachten für jeden Menschen. Wie waren die Reaktionen der Leute darauf?
Ganz unterschiedlich. Einige haben mich gefragt: „Ist Gott gerade nicht da?“ Dann hab ich gesagt: „Natürlich glauben wir, dass er immer mitten unter uns ist, aber schaut mal auf euer Weihnachtsfest, ist Gott da im Zentrum?“ Ein älterer Herr sagte mir im Vorbeigehen: „Gott kommt nach Herne, in dieses Sündenloch?“ Der konnte sich gar nicht vorstellen, dass Gott auch an so einem Ort seinen Platz hat. Neben ganz positiven Reaktionen wollten drei, vier Personen auch ganz grundsätzlich mit mir über Kirche diskutieren. Das war interessant und anstrengend.

Das Ziel des Containers war zu zeigen, dass Weihnachten das Thema der Kirche ist. Wer ist zu euren Veranstaltungen gekommen?
Zu den festen Veranstaltungen kamen hauptsächliche Leute aus unserer Kerngemeinde. Ich habe aber auch zu einigen einen Draht bekommen, die mit Kirche gar nichts am Hut hatten, zum Beispiel zu fünf Obdachlosen. Für mich war es am ersten Tag befremdlich, weil die Obdachlosen nicht gut riechen und teilweise schon Bier getrunken haben. Am zweiten Tag habe ich die Berührungsangst abgelegt. Dass der Container sie angezogen hat, ist auch eine schöne Parallele zu den Hirten aus der Bibel. Die wollte auch keiner um sich rumhaben, sie waren aber die Ersten an der Krippe.

Dominik Mutschler vor dem goldenen Container in der Innenstadt von Herne.
Dominik Mutschler vor dem goldenen Container in der Innenstadt von Herne.
Die Band "1InChrist" spielt in der Herner Innenstadt.

Was hat die Aktion bei denen Obdachlosen ausgelöst?
Die sind dadurch nicht zum Glauben gekommen, aber wir haben gegenseitig einen gehörigen Respekt voreinander gekriegt. Sie haben gemerkt, dass ich ein Kirchentyp bin, aber mit ihnen auf Augenhöhe rede. Und ich habe gemerkt, wie nah die an mir dran sind als Mitbürger von Herne.

Kommt durch die Aktion auch nur eine Person mehr in die Kirchen eurer Pfarrei St. Dionysius Herne?
Ich glaube nicht, dass jemand durch die Aktion zum Glauben gekommen ist. Aber ungleich mehr Menschen in Herne haben dieses Weihnachten darüber nachgedacht, was Gott mit ihrem persönlichen Weihnachtsfest zu tun hat. Mehr Menschen in Herne haben Weihnachten mit Gott gefeiert.

»Das Leben gelingt besser, wenn Gott dabei ist.«

Dominik Mutschler
Gemeindereferent in St. Dionysius Herne

Eine Kerze mit dem Friedenslicht leuchtet.
300 Menschen sind Heiligabend nach der Christmette an den Container gekommen.
Die Krippe, die im Container versteckt war.

Du bist jung, kannst Leute faszinieren, hast Ideen. Warum bemühst du dich so sehr für die Kirche?
Weil ich mein ganzes Leben spüre, dass es besser gelingt, wenn Gott dabei ist. Ich konnte mich immer drauf verlassen, dass Gott an meiner Seite ist und die Gemeinschaft der Kirche mich unterstützt und mir hilft. Davon erzähle ich gern und das möchte ich auch anderen ermöglichen. Es tut mir mittlerweile weh, zu sehen, wie vielen Menschen in meinem Alter Gott nichts mehr bedeutet.

Was hat die Aktion mit dir gemacht?
Erst mal hat die Aktion mich flachgelegt, Anfang Januar hatte ich eine herbe Erkältung. Beruflich hat es mir gezeigt, wie groß Herne wirklich ist. In der Zeit wurde ich viel mit dem Container und der Kirche in Herne in Verbindung gebracht. Da ist ein ganz neues Netzwerk entstanden. Die Obdachlosen sehe ich heute noch, winke ihnen zu und trinke Kaffee mit ihnen. Außerdem hat es mich innerlich motiviert, am Ball zu bleiben. Viele Menschen sind offen, mit Menschen der Kirche ins Gespräch zu kommen. Da brauchen wir noch viel mehr öffentliche Präsenz. Wir müssen raus.

Wo wollt ihr da ansetzen?
Wir haben erkannt, dass wir einen Schwerpunkt auf die Mission legen müssen. Da muss es uns um das Leben der Leute gehen. Wir brauchen aber auch Aufmerksamkeit, um diesen Kontakt herzustellen. Das geht durch konkrete Personen, die ein Projekt entwickeln und mit den Menschen ins Gespräch kommen. Ich kann mir vorstellen, dass wir ein Kirchenbistro in der Stadt aufmachen, etwas anderes aus dem Boden stampfen oder zu Ostern ein großes Osterfeuer veranstalten.

»Leute suchen, mit denen man den neuen Weg gehen kann.«

Was rätst du anderen Gemeinden?
Macht euch frei von gefühlten Standards, die von vornherein einengen. Zum Beispiel, wer die Projekte bezahlt. Das Erzbistum Paderborn fördert mit dem Zukunftsbild massiv neue Projekte. Ganz wichtig ist es, sich Leute zu suchen, mit denen man den neuen Weg gehen kann. Leute, die auf so was Bock haben. Dann kann man sich gegenseitig entlasten und das machen, was man am besten kann. Wir müssen den Mut haben, mal was anderes zu machen und was sausen zu lassen, was in den letzten zehn Jahren wichtig war. Ich war an Weihnachten nicht bei meiner Familie, sondern am Container und habe gefroren. Aber am Container habe ich etwas erlebt, was ich sonst nicht erlebt habe. Und das war es wert. Das zeigt, dass Kirche erfolgreich ist, wenn sie sich traut, neue Wege zu gehen. Denn Gott begleitet mich und uns auf diesem anderen Weg.

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