Ein junges Mädchen schaut in die Ferne - ein Zeichen für die Frage nach Gottvertrauen.
29.07.2022

Für Dich

Was heißt es, auf Gott zu vertrauen?

Gottvertrauen: Wie sich Vikar Michael Stiehler von Gott angenommen und herausgefordert fühlt

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von Tobias Schulte

Gottvertrauen – das ist so ein großes Wort. Was ist Gottvertrauen? Was heißt es, auf Gott zu vertrauen? Das sind Fragen, die sich nicht hypothetisch beantworten lassen. Fragen, die sich am besten mit persönlichen Geschichten füllen lassen.
Dafür treffen wir uns mit Michael Stiehler, 29, Vikar in Soest. Wo spürt er heute Gottvertrauen? Wenn Michael diese Frage beantwortet, erzählt er von einer besonderen Aufgabe als Priester: dem Notdienst für Krankenhäuser.

Vikar Michael Stiehler

Es ist wie Lampenfieber

Es beginnt immer damit, dass sein Handy klingelt. Michael wird gerufen, um einem Menschen im Sterben die Krankensalbung zu spenden. „Meistens“, sagt er, „erfahre ich nur den Namen und die Zimmernummer. Das war es“.

Michael weiß nicht, ob die Person noch leben wird, wenn er das Krankenzimmer betritt. Er weiß nicht, welche Lebensgeschichte dieser Mensch hinter sich hat. Ob und wie viele Angehörige dabei sein werden. Und was von ihm als Seelsorger erwartet wird.

Wenn Michael auf dem Weg zum Krankenzimmer ist, spürt er, wie viele Erwartungen gleich an ihn gestellt werden könnten. Da sind Aufregung und Zweifel. Es ist fast wie Lampenfieber. Wie bei Schauspielenden, kurz bevor die Scheinwerfer angehen. Mit dem Unterschied, dass Michael keine Bühne betritt. Er geht dahin, wo Menschen von Trauer, Verzweiflung und Tod umfangen sind.

Michael Stiehler in seinem Garten in Soest.

Im Moment angekommen

Dann kommt der Moment, in dem Michael die Komfortzone verlässt. Er betritt das Zimmer, nimmt Blickkontakt mit den Menschen auf. Er hört zu. Beobachtet. Reagiert.
„Sobald ich dann im Moment angekommen bin und die ersten zwei, drei Worte gesprochen habe, werde ich innerlich wieder ruhig“, sagt Michael.

Dann denkt er meistens nicht groß nach. Er vertraut darauf, dass er den Menschen zur Seite stehen kann. Dass er sich nicht krampfhaft anstrengen muss, die richtigen Worte zu finden. Weil er erlebt hat, dass ihm die richtigen Worte schon zufallen. Dass sie ihm vielleicht auch von Gott gegeben werden.

Gottvertrauen ist nie am Ende

Dieses Beispiel zeigt eine Facette davon, was Gottvertrauen für Michael bedeutet: Dass er sich auf Gott verlassen kann. Dass er an Gottes Seite ist. Und das, obwohl das oft schwer zu greifen ist.

Gleichzeitig wird klar: Gottvertrauen ist nie fertig. Nie am Ende angelangt. Michael wird immer wieder zu sterbenden Menschen gerufen. Und dadurch aus der Komfortzone geholt. Er fühlt sich immer wieder neu herausgefordert.

Gottvertrauen bedeutet also nicht, einmal auf Gott vertrauen zu können und sich dann immer selbstbewusst und stark zu fühlen. Gottvertrauen ist ein Wechselspiel aus Unsicherheit und Gelassenheit. Aus Geborgenheit und Challenge.

God is Love Schild

Ein bisschen blauäugig

Auf Gott zu vertrauen hat für Michael noch weitere Ebenen. Zum Beispiel dabei, wie er sich selbst sieht. Wer er ist. Ob er gut genug ist.

Michael sagt: „Ich glaube, dass ich von Gott akzeptiert bin. Dass ich mit allen Stärken und Schwächen genauso hier sein kann, wie ich bin“. Dieser Glaube, dieses innere Wissen, ist bei Michael vor allem im Herzen angesiedelt. Er sagt: „Da ist ein wohliges Gefühl. Geborgenheit.“

Ein Gefühl, das mit dem Kopf gar nicht richtig zu erklären und zu beschreiben ist. Michael sagt: „Im Glauben hilft es mir, ein bisschen blauäugig zu sein. Wenn man versucht, die Liebe Gottes nur rational zu begreifen, fällt man auf die Schnauze. Das Herz muss mitspielen“.

„Da tut mir etwas gut“

Michael kann gar nicht genau beschreiben, woher er dieses Gefühl von Vertrauen im Herzen hat. „Es ist wirklich gewachsen“, sagt er. Dann erzählt er davon, wie er als Kind die Kommunion empfangen und danach einfach frei mit Jesus gesprochen hat. „Da habe ich manchmal gemerkt: Oh, da tut mir etwas gut. Da bekomme ich ja gerade Kraft geschenkt“.

Später ist er im Glauben durch die Bibel gewachsen. „Da gibt es viele Geschichten von Menschen, die sich auf Gott verlassen mussten. Manchmal auch in sehr herausfordernden Situationen.“ Er denkt an die Jünger, die alles stehen und liegen lassen sollten, um Jesus zu folgen. „Das ist schon eine Hausnummer“, sagt Michael. „Aber das hat mich auch gepackt. Ich habe gedacht: Wenn Menschen damals auf Jesus vertrauen konnten, dann kann das auch bei mir klappen“.

Abraham und Isaak

Eine weitere biblische Geschichte, die von Gottvertrauen erzählt, ist die von Abraham und Isaak (Gen 22,1-13).

Darin stellt Gott Abraham auf die Probe. Er erteilt ihm den Auftrag, seinen Sohn zu opfern. Kurz bevor Abraham Isaak mit dem Messer töten kann, kommt ein Engel des Herrn und hält ihn davon ab.

"Die Geschichte triggert mich", sagt Michael. "Ich würde gern verstehen, was in Abraham vorgeht. Würde er wirklich bis zum Äußersten gehen und seinen Sohn opfern? Oder hofft er, dass Gott ein Gott der Liebe ist und nicht zulassen wird, dass er seinen Sohn opfert? Und ich frage mich: Wenn Gott das bis aufs Äußerste ausgereizt hätte - hätte ich dann ein Problem mit meinem Gottesbild?"

Menschenmenge

Das würde er gern optimieren

Zurück ins Heute. Gottvertrauen hat für Michael auch viel mit Selbstannahme zu tun. Nach dem Motto: „Weil Gott mich liebt und annimmt, kann ich das selbst auch tun.“ Michael sagt: „Ich weiß, dass es Dinge an mir gibt, die ich gern optimieren würde. Meine Fitness zum Beispiel. Oder meine Schüchternheit. Und trotzdem kann ich mich annehmen. Ich muss nicht ständig an mir herummäkeln.“

Als Schüler, erzählt Michael, habe er sich durch seine Schüchternheit regelmäßig die Noten verhagelt. Nach dem Motto: Klausur 1, mündlich 4. „Ja, ich bin halt der Ruhige“, habe er damals gedacht. „Damit müssen meine Eltern und Lehrer leben. Ich lebe ja auch damit, dass ich eine schlechtere Note bekomme“.

Wenn Michael das heute erzählt, klingt er fast analytisch. Er weiß: Er hätte es damals leichter haben können. Aber er hat sich selbst wenig Vorwürfe gemacht. Und: Er hat sich weiterentwickelt, als es an der Zeit dafür war.

Durch Herausforderungen wachsen

Als Michael ins Priesterseminar eintrat, war ihm klar: Die Schüchternheit wird ihm im Weg stehen. Seinen inneren Monolog von damals beschreibt er so: „Jetzt musst du mal aus dem Quark kommen. Du willst ja später Pastor sein – und da stehst du im Gottesdienste da vorne und musst auch persönliche Gespräche mit Menschen führen.“
Michael beschreibt sich auch heute noch als schüchternen Menschen. Ihm fällt das vor allem auf, wenn er bei Veranstaltungen ist, auf denen er wenig bis keine Menschen kennt. Dann ist er eher unsicher und in sich gekehrt. Aber er weiß auch, welchen Weg er schon gegangen ist.

Dass er persönlich aufgetaut ist. Zum Beispiel, indem er sich als Haussprecher des Priesterseminars bewusst in die erste Reihe gestellt hat. Indem er geübt hat, Gottesdienste zu leiten und sich den Blicken anderer auszusetzen.
Rückblickend sagt Michael: „Ich stand vor vielen Herausforderungen. Und wenn ich vor einer Herausforderung stehe, will ich die auch meistern“. Auch das zeichnet das Gottvertrauen von Michael aus. Dass er glaubt: Gott lässt uns Menschen durch Herausforderungen wachsen.

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