Abendgebet in der Kirche der Ökumenischen Gemeinschaft von Taizé.
14.04.2026
FASZINATION

Was ist das Besondere an Taizé?

Wie junge Menschen Gebet, einfaches Leben und innere Freiheit bei der Ökumenischen Gemeinschaft in Frankreich erleben

von Tobias Schulte

Taizé in Frankreich zieht jedes Jahr über 100.000 junge Menschen an. Was finden sie hier? Was ist das Besondere an Taizé? Was geben die Brüder der Communauté, der Ökumenischen Gemeinschaft?

Um das herauszufinden, begleiten wir eine Gruppe aus dem Erzbistum Paderborn nach Taizé, dem kleinen Dorf im mittleren Osten Frankreichs. Es ist die Osterwoche, „die größte Woche des Jahres“, wie die Brüder von Taizé über die Zeit nach der Osternacht sagen. 

2700 junge Menschen sind angereist. Mit dem Reisebus und Bulli. Sie kommen aus Deutschland, Frankreich, Schweden, Spanien, Lettland und Co. Sie schlafen in Zelten und Baracken, beten dreimal am Tag, tauschen sich in Kleingruppen über die Bibel aus – und können nur an bestimmten Spots das Handy laden.

Eine von ihnen ist Clara Carius (21) aus Hövelhof. Sie ist schon zum dritten Mal in Taizé und erinnert sich noch genau an ihre erste Ankunft vor drei Jahren. „Der erste Tag war schrecklich“, sagt sie.

Die Communauté von Taizé

Etwa 80 Brüder sind Teil der Communauté von Taizé. Sie leben in Ehelosigkeit. Etwa 50 davon leben vor Ort in Taizé, der Rest wirkt in internationalen Fraternitäten.

Die Gemeinschaft wurde 1940 von Roger Schutz-Marsauche gegründet. Der Schweizer verlässt damals seine Heimat in der Schweiz, um sich um Menschen in Frankreich zu kümmern, die unter den Folgen des Zweiten Weltkriegs leiden. Er nimmt Menschen auf, die vor dem Krieg fliehen und hat den Wunsch, eine spirituelle Gemeinschaft zu gründen. Nach und nach schließen sich junge Brüder seiner Communauté an. Sie arbeiten landwirtschaftliche und in einer Töpferwerkstatt. Schon in den 40er-Jahren finden erste Treffen und Einkehrtage statt. Mehr zur Geschichte findest du hier.

Das einfache Leben in Taizé

An Claras erstem Tag in Taizé erfährt sie, dass sie zusammen mit elf fremden Frauen in einer schmalen Baracke schläft. Sie sieht die engen und dreckigen Toiletten, die alten Duschen, die den ganzen Tag von vielen Menschen benutzt werden. Das Abendessen schmeckt ihr überhaupt nicht. Dann geht sie zum Abendgebet in die Kirche, kennt keines der Lieder, weiß in der Stille nichts mit sich anzufangen.

Taizé ist ein Ort, an dem man erst mal ankommen muss. Im ständigen Kontakt mit fremden Menschen. In der Spiritualität der Ökumenischen Glaubensgemeinschaft. In der Einfachheit.

Clara Carius aus Hövelhof

Heute sagt Clara:

»Taizé ist für mich eine stressfreie Zone. Ich habe kaum Verantwortung, muss keine Entscheidungen treffen. Ich esse, was es gibt. Schlafe, wo ich eingeteilt werde. Man muss über nichts nachdenken – außer über sich, sein Leben und seinen Glauben.«

Clara Carius

 Was hat ihr geholfen, sich darauf einzulassen? 

Sie sagt: „Die anderen Menschen hier. Sie waren dankbar, statt sich zu beschweren. Sie haben im Moment gelebt, waren ruhig in der Kirche.“

Das Besondere an Taizé ist, dass unbequemer Minimalismus hier eine Möglichkeit bietet, frei und dankbar zu werden.

Anstehen fürs Essen in Taizé.

So läuft ein Tag in Taizé ab

Ein Tag in Taizé läuft unter der Woche immer gleich ab. 

8 Uhr Morgengebet, anschließend Frühstück.
10 Uhr Bibelgruppen, 12.20 Mittagsgebet und Mittagessen.
Nachmittags wieder Bibelgruppen oder Arbeiten. Dazu gehören beispielsweise Klos putzen, Essen verteilen, Abwaschen oder Kirche putzen. Dann gibt es noch Freizeit.
Am Abend: 19 Uhr Essen, 20.20 Uhr Abendgebet, anschließend Party am Oyak.

Taizé-Lieder helfen, den Kopf auszuschalten

Clara beim Mittagsgebet in der Kirche der Communauté von Taizé.
Teil der Gebete von Taizé ist, dass das Evangelium auf mehreren Sprachen vorgelesen wird.

Die Gebete rahmen den Tag. Die Kirche ist nur im Altarraum schön. Der Rest hat den Charme einer Turnhalle mit Teppichboden und Rolltoren.

Besonders wird die Kirche erst, wenn die Brüder und die jungen Menschen einströmen um gemeinsam zu beten. Dann setzen und knien sich alle auf den Boden, wie in einem Wohnzimmer. Der Raum entwickelt seine ganz eigene Atmosphäre, die besonders ist für Taizé.

Die Gebetszeiten dauern eine halbe bis dreiviertel Stunde. 2700 junge Menschen singen Lieder, hören eine Bibelstelle, gehen fünf bis zehn Minuten in Stille. Zum Abschluss singen alle wieder. 

Die Lieder sind von den Brüdern selbst komponiert. Die Gesänge von Taizé tragen die Gottesdienste. Sie helfen, den Kopf auszuschalten: meditative Melodie, kurze Texte, minutenlange Wiederholungen, warmer Gesang.

Gebet, Gesang und Stille in Taizé

In den Taizé-Gebeten fühlt sich Clara geborgen. „Das gibt mir ein Gemeinschaftsgefühl und ein Dazugehören“, sagt sie. Und: „In den stillen Phasen komme ich von Tag zu Tag mehr zur Ruhe.“

Das Besondere an Taizé: Ruhe, Geborgenheit und innerer Friede in den Gebetszeiten. „Gott ist hier mit dabei – ohne sich aufzuzwängen“, sagt Clara.

Taizé ist ein Ort, um im Glauben zu wachsen. Durch das bestätigende Gefühl, dass so viele andere junge Menschen aus anderen Ländern hier sind. Durch die Erlebnisse in den Gottesdiensten. Und durch den Austausch in den Bibeleinführungen.

In Taizé wächst der Glaube

Es ist 10 Uhr morgens. Clara geht nach dem Frühstück (ein Stück Baguette, ein Stück Butter und zwei Stücke Schokolade) zurück in den hinteren Teil der Kirche. Rolltore trennen den Raum ab. Hier sitzen fast 300 Jugendliche aus Deutschland. Zur Bibeleinführung. 

Jeden Tag ist eine andere Bibelstelle im Mittelpunkt. Heute beschäftigen sich alle damit, wie Jesus seine ersten Jünger beruft, indem er sagt: „Kommt und seht“.

Die Berufung der ersten Jünger (Joh 1,35-46)

Am Tag darauf stand Johannes wieder dort und zwei seiner Jünger standen bei ihm.
Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes!
Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus.
Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, sagte er zu ihnen: Was sucht ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi - das heißt übersetzt: Meister -, wo wohnst du?
Er sagte zu ihnen: Kommt und seht! Da kamen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde.
Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren.
Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden - das heißt übersetzt: Christus.
Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen, das bedeutet: Petrus, Fels.
Am Tag darauf wollte Jesus nach Galiläa aufbrechen; da traf er Philippus. Und Jesus sagte zu ihm: Folge mir nach!
Philippus war aus Betsaida, der Stadt des Andreas und Petrus.
Philippus traf Natanaël und sagte zu ihm: Wir haben den gefunden, über den Mose im Gesetz und auch die Propheten geschrieben haben: Jesus, den Sohn Josefs, aus Nazaret.
Da sagte Natanaël zu ihm: Kann aus Nazaret etwas Gutes kommen? Philippus sagte zu ihm: Komm und sieh!

Bibeleinführung in der Kirche in Taizé

Einer der Brüder führt eine halbe Stunde lang in den Text ein. Er versetzt sich in die Personen hinein und erklärt, welche Bedeutung das Wort „Sehen“ im Johannesevangelium hat – zum Beispiel, dass es darin gipfelt, dass Jesus als Auferstandener zum ungläubigen Thomas sagt: „Selig, die nicht sehen und doch glauben.“

Dann teilt sich die Gruppe auf. Clara leitet eine Kleingruppe. Sie sucht sich draußen mit ihren zehn Jugendlichen einen Platz. In ihrer Gruppe sind zum Beispiel Mirko aus dem Vogtland, Jill, die Kampftaucherin werden will und Maria, die kleine längliche Narben an den Unterarmen trägt. 

Sie unterhalten sich darüber, woher sie kommen, was sie mal werden wollen und wann sie schon mal am Glauben gezweifelt haben. Da erzählt Clara, wie sie in der Pubertät gegen Gott und die Kirche „rebelliert“ hat. In einer Zeit, nach der ihre Mutter mit Brustkrebs gekämpft hat.

Claras Glaubenskrise

Clara erzählt es so: „Meine Mama ist an Brustkrebs erkrankt, als ich zehn Jahre alt war. Sie hatte eine aggressive Krebsart, aber sie hat es geschafft. Ihr Kampf ging anderthalb Jahre – genau, nachdem ich vorher einen Schulfreund an Krebs verloren hatte. Das war schon viel mit Angst verbunden. Als Kind merkst du dann: Meine Mama ist heute nicht zuhause, andere Mamas schon. Mein Papa ist heute im Krankenhaus, also bleibe ich bei den Nachbarn. Da hast du diese Unsicherheit konstant bei dir. In der Pubertät, mit 13, 14 Jahren habe ich dann angefangen, gegenüber Gott zu rebellieren und zu zweifeln. Ich war lange wütend auf Gott, habe nicht verstanden, warum er das macht. Das hat fast drei Jahre gebraucht, dass ich verstanden habe: So Dinge passieren. Ich kann das nicht verändern, ich kann nur darauf vertrauen, dass Gott zuhört und da ist – egal was passiert. Mit 16, 17 Jahren habe ich dann angefangen, den Glaube mit meinen eigenen Terms and Conditions wieder anzugehen. Ich glaube nicht alles, was mir gesagt wir, sondern das, was sich für mich richtig anfühlt. Glaube sollte niemand anderen Menschen schaden. Gott ist nur die Liebe."

Das Besondere an Taizé sind die Gespräche über den Glauben. Fremde vertrauen sich in kurzer Zeit wichtige Dinge aus ihrem Leben an.

Taizé - ein Ort, für Auszeit

In Taizé sieht man viele junge Menschen. Kaum einer ist am Handy. Manche relaxen im Liegen auf den Wiesen, andere lesen dort. Die meisten sitzen im Kreis, unterhalten sich, spielen Karten. Und dann sind da noch die, die auf den Bänken balancieren und Taizé-Twister spielen. 

Das Besondere an Taizé, dass hier alle eine Auszeit suchen. Weniger am Handy, mehr durch den Kontakt zu sich selbst oder anderen Menschen. 

In den Bibelgruppen oder bei den Arbeiten passiert es automatisch, dass man mit Fremden ins Gespräch kommt. Beim Essen oder zum Chillen kann man sich immer zu Fremden dazusetzen und kommt ins Gespräch.

Was macht Taizé noch so besonders?

Neben Clara haben wir sieben andere Menschen in Taizé gefragt, was für sie den Ort so besonders macht. Das sind ihre Antworten.

»Besonders hier ist der Frieden. Es sind so viele Menschen aus unterschiedlichen Ländern hier und trotzdem kommen alle gut miteinander klar. Warum ist das nicht in der ganzen Welt möglich?«

Emily Reuß, 17
aus Arnsberg-Bruchhausen

»Taizé ist für mich Zuhause. Es ist der Ort, an dem ich seit fast 50 Jahren lebe. Es ist hier gut verstanden, dass der Menschen Zeit zum Beten braucht. Dass man Zeit braucht, über alles nachzudenken und einen Sinn in seinem Leben zu suchen und zu haben.«

Bruder Paolo, 70
aus Taizé

»Taizé ist ein Ort, um nachzudenken und Antworten zu finden. Oft kann Nachdenken ja in die falsche Richtung führen, wenn man Sachen viel zu sehr hinterfragt. Aber in Taizé findest du wirklich Antworten durch die Gespräche.«

Bawan Khorrami, 22,
aus Frankfurt am Main

»Die Bibelgruppen in Taizé helfen mir für den Glauben. Vor allem, weil ich anderen zuhören kann, wie sie Gott näherkommen. Natürlich ginge das auch Zuhause, aber es ist da viel schwerer, ins Gespräch zu kommen. «

Martha Schaffrinski, 19
aus Neuss

»Besonders an Taizé ist die Kirche. Die Gebetszeiten dreimal am Tag geben mir sehr viel Frieden. Da kann ich runterkommen, meine Gedanken fließen lassen. Und: Es macht sehr viel Spaß, hier gemeinsam zu singen. «

Kim Matys, 15
aus Schlangen

»Hier sind nirgendwo Tische und Stühle. Man hat nur Bänke oder sitzt auf dem Boden. Das ist sehr runtergebrochen, aber auch gut, weil man froh sein kann, dass man überhaupt etwas hat. Das zeigt, wie privilegiert wir Zuhause sind.«

Mara Jaske, 18
aus Balve

»Taizé ist ein Ort, wo man sich in Stille bewegen und leben kann. Besonders finde ich auch, dass man hier zusammenarbeitet, zum Beispiel in den Koch- und Putzteams. Ohne einander funktioniert es hier nicht.«

Jonas Rabke, 23
aus Altenbeken

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