Die Frage nach dem guten Leben fasziniert Prof. Dr. Dr. Martin Breul von der TU Dortmund. Die Frage nach dem perfekten Leben aber langweilt ihn. Aber was ist das eigentlich, gutes Leben? Zusammen mit drei Kolleginnen und Kollegen hat der Theologe in dem 2024 erschienenen Buch „Was ist das gute Leben?“ genau darüber nachgedacht. Ein Gespräch über erfüllte Beziehungen, Gottes Zuspruch und trügerischen Perfektionismus.
Wie geht's Ihnen, Prof. Breul?
Gut.
Das ist ja so eine Standard-Antwort. Hat man schon ein gutes Leben, weil man sagen kann, dass es einem gut geht?
Nein. Man kann auch sagen, dass man ein gutes Leben hat, wenn es einem gerade nicht gut geht.
Wo ist der Unterschied zwischen „Es geht mir gut“ und „Ich habe ein gutes Leben“?
Das eine fragt: Wie läuft der Tag, wie ist die Stimmung? Das andere fragt: Bist du eigentlich zufrieden mit deinem Leben? Denkst du, du führst ein gelingendes Leben? Die Frage nach dem guten Leben geht noch tiefer.
»Glück hängt davon ab, ob man erfüllte Beziehungen in seinem Leben hat.«
Prof. Martin Breul
Wann unterscheidet sich das bei Ihnen?
Ich habe zwei Kinder. Da gibt's Tage, die einfach nervig sind. Da geht’s einem dann nicht super und trotzdem ist man glücklich und unglaublich happy, dass man diese Kinder hat.
Was ist gerade gut in ihrem Leben?
Meine Kinder (lacht) - die Antwort lag jetzt nahe…
Also dass sie die Kinder haben und es denen gut geht? Oder dass sie eine gute Beziehung zu den Kindern haben?
Beides. Ich glaube: Vieles von dem, was ein Leben gut macht, hat damit zu tun, in welchen Beziehungen man steht. Glück hängt gar nicht so sehr von vielen materiellen Dingen ab – das zeigen auch Studien. Natürlich ist klar, dass für ein gutes Leben gewisse Grundbedürfnisse befriedigt sein müssen. Aber: Es gibt eben auch sehr reiche, sehr unglückliche Menschen.
Was macht denn gute Beziehungen aus?
Vertrauen, Liebe, gegenseitige Zuneigung. In Freundschaften zum Beispiel geht's ja um die Person an sich. Man ist nicht befreundet, um etwas zu erreichen - dann wäre jemand kein echter Freund, sondern nur jemand, der einem nützt.
Vertrauensvolle Beziehungen machen das Leben zu einem guten Leben – so könnte man ihre Aussage auf einen Satz reduzieren. Jetzt haben sie aber ein ganzes Kapitel in dem Buch „Was ist das gute Leben?“ dazu geschrieben. Warum muss man da noch mehr sagen?
Die Frage ist ja, wie man das begründen kann. Warum sollen Beziehungen so wichtig sein? Da kann man zum Beispiel darauf schauen, warum der Mensch im Vergleich zu seinen nächsten Verwandten, den Affen, evolutionär so erfolgreich ist. Menschen können ja nicht schneller laufen oder besser klettern als Affen, da sind sie uns überlegen. Außerdem sind Affen auch sehr schlau und handeln intentional.
Also was ist der Unterschied?
Dass Menschen dazu in der Lage sind, langfristig und fair miteinander zu kooperieren. Menschen sind Wesen, die extrem stark auf Gemeinschaft angewiesen sind.
Wir können uns aufeinander verlassen?!
Ja, im Idealfall schon. Also, mit bestimmten Menschen hört man auch auf zu kooperieren, wenn man merkt, dass man sich nicht auf sie verlassen kann.
»Durch diesen Zuspruch kann ich dann aber auch nicht meine Füße hochlegen, sondern muss etwas tun. Ich muss Sorge dafür tragen, dass sich diese unbedingte Liebe auch im Leben anderer zeigt.«
Prof. Martin Breul
Für wen ist ein gutes Leben eigentlich gut? Für mich, für die anderen, für die Umwelt, für Gott?
Zum guten Leben gehört Freiheit. Also ich würde jetzt niemandem vorschreiben, dass es zu einem guten Leben dazugehört, Sport zu machen oder dreimal im Jahr in den Urlaub zu fliegen. Aber: Diese Freiheit findet ihre Grenze an der Freiheit der anderen. Ich kann einer Auffassung vom guten Leben nicht folgen, wenn dazugehört, etwas Unmoralisches zu tun oder etwas, das die Freiheit von anderen einschränkt.
Und wie kommt da der Glaube ins Spiel?
Wenn der christliche Glaube wichtig für meine Auffassung vom guten Leben ist, bekomme ich eine Einstellung zum Leben im Ganzen, die sagt: das Leben ist ein Geschenk. Ich erfahre großen Zuspruch, weil sich Jesus den Menschen als unbedingte Liebe zugewandt hat. Durch diesen Zuspruch kann ich dann aber auch nicht meine Füße hochlegen, sondern muss etwas tun. Ich muss Sorge dafür tragen, dass sich diese unbedingte Liebe auch im Leben anderer zeigt.
Die Frage des Buchs heißt: "Was ist das gute Leben?" Warum denken Sie nicht über das sehr gute oder das perfekte Leben nach?
Ich wüsste nicht, was das „sehr“ verändern würde. Das „perfekte Leben“ würde die Frage schon verändern – aber dann würde ich sie nicht mehr so spannend finden.
Warum?
Ein perfektes Leben würde ja bedeuten, dass man nie schuldig wird. Aber: Wir alle kommen allein schon nicht aus strukturellen Zusammenhängen raus, in denen man schuldig wird: die Klamotten, die man trägt, die Mobilität, die man wählt, die Nahrung, die man zu sich nimmt… Man lädt immer irgendwo und irgendwie Schuld auf sich. Wer da perfekt leben will, kann ja nur scheitern.
Und will das Gott auch so, dass wir uns Schuld aufladen?
Nein, das wäre zu einfach gedacht – wenn Gott unbedingte Liebe ist, kann er keine Freude daran haben, wenn wir Schuld auf uns laden. Aber natürlich versucht die Theologie, sich einen Reim darauf zu machen. Eine Möglichkeit ist, diese strukturelle Schuld als Erbsünde neu zu interpretieren. Es braucht gewisse Bedingungen für das gute Leben – und schon die Bedingungen dafür sind nicht unschuldig. Es ist völlig klar, dass allein der körperliche Prozess des Lebens ein verbrauchender Prozess ist. Wir können nicht anders leben, als dass wir uns anderes Leben einverleiben – ob pflanzlich oder tierisch ist erstmal eine ganz andere Frage.
Warum ist das so?
Es scheint dazuzugehören. Und für mich ist eine Botschaft daraus: Nicht resignieren. Man kann ein gutes Leben führen, ohne den überbordenden Anspruch zu haben, moralisch perfekt sein zu müssen.
Sie haben ein Buch über das gute Leben geschrieben, dazu schon viele Interviews und Podiumsdiskussionen geführt. Haben Sie durch die Beschäftigung mit dem Thema das Gefühl, dass ihr Leben dadurch auch gut oder besser geworden ist?
Nein.
Oh.
Es macht Spaß, über das gute Leben nachzudenken und ich habe durch das Buch auch viel gelernt. Aber es ist doch ein Sprung zwischen der wissenschaftlichen Debatte und dem, was das eigene Leben gelingen lässt. Auch wer unser Buch liest, wird nicht am Ende nicht sagen: So, ich weiß jetzt genau, was das gute Leben ist. Aber sie oder er wird vielleicht etwas reflektierter darüber nachdenken können. Ja, aber das Nachdenken darüber führt nicht automatisch dazu, dass man ein gutes Leben hat.
Vielen Dank für das Gespräch.