Schon bald finden sich Luisa (Mala Emde) und ihre Mitstreiter auf feindlichem Terrain wieder.
Schon bald finden sich Luisa (Mala Emde) und ihre Mitstreiter auf feindlichem Terrain wieder.
28.10.2020

Faszination

Was tun gegen Rechts?

Im neuen Kinofilm „Und morgen die ganze Welt“ gerät eine Jurastudentin in linksautonome Kreise und radikalisiert sich schleichend.

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von Dietmar Gröbing

Von der Vorstadtvilla ins besetzte Haus. Für die 20-jährige Jurastudentin Luisa (Mala Emde) kein Abstieg, sondern drängende Notwendigkeit. Ganz einfach, weil der Landadel traditionell wenig Verständnis für Revolutionen aufbringt. Doch Luisa ist genau darauf aus, denn sie will nicht länger untätig im Hörsaal sitzen, sondern dem Rechtsruck und seinen Begleiterscheinungen entgegentreten.

Anfangs genügt Luisa (Mala Emde) und ihren Freunden der gutlaunige Protest gegen herrschende Verhältnisse
Anfangs genügt Luisa (Mala Emde) und ihren Freunden der gutlaunige Protest gegen herrschende Verhältnisse

Luisa schließt sich der Antifa-Bewegung an und zieht in eine linke Mannheimer Kommune, wo sie anfangs eher geduldet denn akzeptiert wird. Das Mädchen aus reichem Hause habe angeblich „nichts zu verlieren“ und daher eine (zu) geringe Fallhöhe. Trotz mangelhaftem Standing bleibt Luisa der Gruppierung treu. Vor allem wegen Gruppenkopf Alfa (Noah Saavedra) und seinem Kumpel Lenor (Tonio Schneider), in denen „die Neue“ probate Vorbilder sieht.

Gewalt mit Gewalt beantworten?

Gemeinsam tut man, was man in linken Kreisen eben so tut: freie Liebe praktizieren, Containern, Musik hören, gemeinsam abhängen, die Fitness trainieren für die nächste Demo, Plakate malen und Klamotten für Flüchtlinge sammeln. Nicht zu vergessen die engmaschige Beobachtung der Neonazi-Szene und ihrer führenden Köpfe, die reichlich Sprengstoff und Munition für einen Anschlag gebunkert haben.

Doch wohin mit der erlangten Information? Zur Polizei oder Staatsanwaltschaft gehen? Nein, die Linksradikalen wollen die Rechtsradikalen mit ihren eigenen Mitteln schlagen – mit Gewalt. Womit wir beim entscheidenden (moralischen) Dilemma wären: Ist es gerechtfertigt, Gewalt mit Gegengewalt zu beantworten? Geht es nach dem Grundgesetz, dann möglicherweise ja. Nicht nur einmal wird dem Zuschauer Artikel 20, Absatz 4 unter die Nase gerieben. Genauer „das Recht auf Widerstand gegen jeden, der versucht, die (gesellschaftliche) Ordnung zu beseitigen“. Aber ist Widerstand mit gewaltbereitem Handeln gleichzusetzen? Oder kann man auch auf pazifistische Weise Widerstand üben?

Von der Milieustudie zum Politthriller

Die Schutz suchende Luisa (Mala Emde) braucht eine Schulter zum Anlehnen.
Die Schutz suchende Luisa (Mala Emde) braucht eine Schulter zum Anlehnen.

Verharrt der Film in der ersten Hälfte beim Alltag der antifaschistischen Linken und somit im Subgenre der deutschen Milieustudie, so bewegt er sich im zweiten Abschnitt Richtung Politthriller. Es geht um unbequeme Fragen nach dem polizeilichen Gewaltmonopol, der Verhältnismäßigkeit der Mittel sowie der Verantwortung des Einzelnen gegenüber dem staatlichen Ganzen. Endlich ersetzt die Regie (Julia von Heinz) nackten Realismus durch leidenschaftliche Empathie, durch Blut, Schweiß und Tränen. Und damit durch unmittelbares Kino, das es hierzulande selten zu sehen gibt.

Gerade deshalb liegen die Stärken des Film in den randständigen Details, die fast unbemerkt ins Zentrum drängen. Etwa die Stadt Mannheim, ein bisher vom hiesigen Kino vernachlässigter, gleichwohl hochinteressanter Schauplatz. Vor frischen, unverbrauchten Kulissen agiert eine Schauspielriege, die ihre Sache erstaunlich gut macht. Allen voran Newcomerin Mala Emde, die unlängst beim Filmfest Venedig als bester Darstellerin ausgezeichnet wurde. Die unabhängige Kritik stellte nicht nur ihre Leistung heraus, sondern prämierte obendrein das Gesamtwerk als „besten Film“.

Die gewaltbereite Luisa (Mala Emde) gerät mit den Einsatzkräften der Polizei aneinander.
Die gewaltbereite Luisa (Mala Emde) gerät mit den Einsatzkräften der Polizei aneinander.

„Und morgen die ganze Welt“ ist ab dem 29. Oktober in den heimischen Kinos zu sehen.

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