Menschen trauern am 22. Februar um die Opfer der Gewalttat von Hanau.
Menschen trauern am 22. Februar um die Opfer der Gewalttat von Hanau.
09.03.2020

Miteinander

Weiter, nach rechts

Wie können wir nach den rechtsradikalen Anschlägen in Halle und Hanau weitermachen?

Der Mord an Walter Lübke. Halle. Hanau. Rechtsradikal und rassistisch motivierte Gewaltverbrechen haben in letzter Zeit von Schlag auf Schlag zugenommen. Und das in Deutschland, dem Land in dem die Nationalsozialisten vor nur 70 Jahren mit ihrer Rassenideologie sechs Millionen Juden ermordet haben. Ein Land, in dem so oft „Nie wieder“ gesagt wurde. Die YOUPAX-Autoren Lioba Vienenkötter und Tobias Schulte möchten deshalb Stellung beziehen – und merken dabei auch, wie schnell sie dabei sprachlos werden.

Weitermachen ist nicht

test
Von Lioba Vienenkötter

In Dorsten, meiner Heimatstadt, steht das Jüdische Museum Westfalen. Es liegt direkt in der Innenstadt, ich habe es früher jeden Tag auf dem Weg zur Schule gesehen. Und vor dem Museum gibt es einen Parkplatz, einen Parkplatz nur für die Polizei. An fünf von sieben Tagen steht dort ein Polizeiwagen. Der Anschlag von Halle hat uns gezeigt, dass dies nötig ist, auch wenn im Ernstfall die hölzernen Türen und nicht die Polizei den Attentäter aufgehalten haben. Der Anschlag von Hanau zeigt uns, dass offenbar nicht nur jüdische, sondern auch muslimische Einrichtungen geschützt werden müssen.

Ich finde es beklemmend, als weiße, christliche, junge Frau über diese Verbrechen zu schreiben. Weil ich das Gefühl habe, so wenig dazu sagen zu dürfen. Weil ich nie rassistisch angegriffen werde. Und das ist doch totale Willkür: Es ist reiner Zufall, wo jemand geboren wurde. Ich habe schlichtweg Glück gehabt, in Deutschland geboren worden zu sein.

Die Ursache liegt nicht beim Opfer

In diesem Land der vielen Möglichkeiten, das jetzt schon so lange im Frieden lebt. Und in diesen Tagen darf ich es als Glück bezeichnen, dass das für meine Großeltern genauso gilt wie für deren Großeltern. Aber es ist keine Leistung, die ich für mich oder für sie verbuchen darf. Deshalb kann es auch kein Punkt zur Ausgrenzung sein, wenn jemand nicht schon seit Jahrhunderten hier verwurzelt ist, sondern vielleicht erst seit fünfzig, zehn oder zwei Jahren. So lange man bereit ist, sich an die Grundfesten unserer Demokratie zu halten, hat man jedes Recht, hier friedlich und unbescholten leben zu können.

Mich macht es wütend, dass in einem Land, das sich Toleranz und Freiheit auf die Fahnen und vor allem ins Grundgesetz schreibt, Menschen ermordet werden, weil ein anderer ihre Religion, ihre Hautfarbe oder ihre Herkunft als minderwertig empfindet. Ich schreibe das absichtlich in dieser Formulierung, denn für mich wäre es falsch, zu schreiben, sie würden ermordet, weil sie eine bestimmte Religion oder Hautfarbe haben. Das würde die Opfer schuldig erklären, schuld sind aber allein die rassistischen Täter. Oder, wie Kevin Kühnert kürzlich auf Twitter schrieb: „Rassistische Morde geschehen nicht, weil die Opfer „fremd“ sind. Das Mordopfer kann niemals die Mordursache sein. Rassistische Morde geschehen, weil die Täter rassistisch denken und handeln.“

»Nehmen wir die Verantwortung an, die uns alle trifft, und achten wir auf unsere Sprache – in der Politik, in den Medien und überall in der Gesellschaft! Halten wir dagegen, wenn Einzelnen oder Minderheiten in unserem Land die Würde genommen wird!«

Bundespräsident Frank Walter Steinmeier
am 20. Februar bei der Mahnwache für die Opfer der Gewalttat in Hanau

Mich macht es auch wütend, dass diese Anschläge und Morde als „fremdenfeindlich“ bezeichnet werden, obwohl sie offen rassistisch oder antisemitisch und vor allem rechtsradikal waren. Fremdenfeindlichkeit – die richtet sich gegen Fremde. Diese Taten richten sich aber gegen Menschen aus unserer Gesellschaft, die seit Jahren und Jahrzehnten in Deutschland leben, zum Teil wesentlich länger als ich selbst. Die unser öffentliches Leben mitgestalten und mitbestimmen.

Wie kann ich aktiv werden?

Mich macht es außerdem wütend, dass in vielen Zeitungsartikeln und politischen Diskussionsrunden nach den Morden von Hanau zuerst die Frage besprochen wurde, ob und wie die deutschen Waffengesetze angepasst werden müssten. Natürlich ist das eine wichtige Frage, die beantwortet werden muss. Aber wesentlich wichtiger ist doch, wie man stärker gegen Rechtsradikalismus vorgehen kann, der laut unserem Innenminister Herrn Seehofer die größte Gefahr in unserem Land ist.

Ich weiß ehrlich gesagt noch nicht, wie ich meine Wut in positive Energie umsetzen kann, um aktiv zu werden. Was ich aber weiß, ist, dass die rassistischen Anschläge des letzten halben Jahres im Endeffekt nicht nur Anschläge auf die ermordeten Menschen, sondern auf unsere Demokratie waren. Die rechtsextremen Täter sind offensichtlich nicht bereit, sich an die Regeln unserer Republik zu halten. Dessen müssen wir bewusst sein, wenn wir rassistische oder rechtsradikale Äußerungen dulden. Weitermachen wie bisher ist nicht!

Bin ich Teil des Problems?

test
Von Tobias Schulte

Selten habe ich mich so schwer damit getan, Gedanken für einen Artikel zu sammeln und aufzuschreiben, wie bei diesem Statement. Deswegen möchte ich an meiner Sprachlosigkeit Anteil geben.

Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass die Nachricht der Morde an Walter Lübke, in Halle und Hanau relativ wenig mit mir gemacht haben. Genauso bei den aktuellen Vorfällen, dass Fußballspieler in Italien, England, in Münster oder auf Schalke öffentlich rassistisch beleidigt wurden. Mir ist klar, dass das schlimm ist, aber innerlich kann ich nicht so richtig trauern. Ich bin nicht so richtig wütend deswegen, nicht so richtig fassungslos. Am ehesten fühle ich mich gelähmt, weil ich nicht weiß, wie ich reagieren soll. Ich höre die Nachrichten, verarbeite das irgendwie, aber dann geht es auch weiter. So, wie in der Tagesschau nach Halle und Hanau die nächste Meldung vorgetragen wird. Ich frage mich: Bin ich Teil des Problems?

Ich versuche bei jedem Artikel hier auf YOUPAX - so gut es geht - meine Perspektive als gläubiger Christ einfließen zu lassen. Jetzt aber denke ich eher: Das muss doch klar sein, dass es schlimm ist, wenn man andere Menschen tötet. Erst recht aus rassistischen und rechtsradikalen Motiven. Erst recht in Deutschland. Ich finde kaum Worte dafür, wie schlimm es ist, dass Menschen andere Menschen verachten, hassen, verletzen, umbringen. Es scheint aber irgendwie menschlich zu sein, sonst würde es nicht passieren.

Tja, und jetzt?

Jetzt könnten Parolen kommen, wie: Wir müssen uns noch klarer gegen Rassismus und Rechts positionieren. Wir müssen gegen den gemeinsamen Feind ankämpfen. Das hört man ja oft, zum Beispiel von Politikern. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass sich etwas bewegt. Erstens, weil sich „der Feind“ sich nicht so richtig greifen lässt. Gerade in den Fällen Walter Lübke, Halle und Hanau haben Einzeltäter, oft „einsame Wölfe“ genannt, zur Waffe gegriffen. Zweitens, weil beim Verfolgen des politischen Tagesgeschäfts viel zu schnell wieder der Eindruck entsteht, dass sich die linken und rechten Flügel innerhalb der jeweiligen Parteien aneinander abarbeiten und die demokratischen Parteien Deutschlands aufeinander rumhacken.

»Der Feind heißt Rassismus und muss auch als solcher bekämpft werden. Wir Demokraten müssen über alle Parteien hinweg endlich begreifen: Rassismus, egal welcher Ausprägung, tötet. Früher oder später.«

Grünenpolitiker Cem Özdemir
im SPIEGEL über die „Todesursache Rassismus“,

Und was ist mit mir selbst? Muss ich klarer, schärfer reagieren, wenn ich beispielsweise höre, dass meine Freunde einen Witz über Ausländer machen? Ein Klassiker auf den Fußballplätzen dieser Nation ist zum Beispiel: „Der Schwarze kann so schnell rennen, weil er früher vor einem Löwen weggelaufen ist.“ Ich frage mich, wie ich reagieren soll, wenn ich so einen dämlichen Spruch das nächste Mal höre. Bis jetzt habe ich immer gedacht: Das ist nur so ein dummer Spruch, derjenige meint das nicht rassistisch, er will den anderen nicht beleidigen.

Als ich es fast schon aufgegeben habe, aus meinen vorherigen Gedanken einen Schluss für das Statement zu entwickeln, erinnere ich mich an ein Interview mit einem befreundeten Priester. In unserem Gespräch ging es auch um das, was wir gemeinsam beim Weltjugendtag in Panama und vorher in Costa Rica erlebt hatten. Er sagte: „Wer davon zurückkehrt, der überwindet die Grenzen und Mauern des Nationalismus.“

Füreinander interessieren

Ja, denke ich mir. Das ist es. Es geht um Begegnung, Austausch. Und weil ich kein Mensch bin, der gern fremd wirkende Menschen (mit oder ohne Migrationshintergrund) in der Bahn anspricht, brauche ich wohl die Erfahrungen auf Reisen. Die Neugierde, andere Länder und Kulturen kennenzulernen. Das Gefühl, wie beim Weltjugendtag, von Menschen in Panama und Costa Rica in ihre Wohnungen aufgenommen und umsorgt zu werden.

Klar ist mir natürlich, dass wir jetzt nicht einfach alle jungen Leute in den Bus oder ins Flugzeug setzen können, um Begegnung zu ermöglichen. Wir brauchen die Begegnung hier vor Ort. Den Mut dazu, aus seinem gemütlichen Zuhause rauszukommen und unsere großartige Gesellschaft zu entdecken.

Vereinfacht gesagt würde meine Botschaft wohl lauten: Lasst uns füreinander interessieren, kennenlernen und aufnehmen.

Mix