Marcus Hesselmann bei der Arbeit
19.11.2022

Miteinander

Wenn das Leben auf der Kippe steht

Marcus Hesselmann über seinen Arbeitsalltag als Notfallsanitäter und den Umgang mit belastenden Erlebnissen
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von Theresa Oesselke

Menschen bei Notfällen helfen. Rund um die Uhr. Dafür ist der Rettungsdienst da. Dazu gehört auch Marcus Hesselmann. Der 23-Jährige arbeitet als Notfallsanitäter beim Kreis Höxter. Wie ist es, bei der Arbeit ständig in Bereitschaft zu sein? Sich auf unbekannte Situationen einzulassen? Menschen in Not zu helfen – und manchmal nicht mehr helfen zu können?

Marcus erklärt die Ausstattung eines Rettungswagens
Marcus erklärt die Ausstattung eines Rettungswagens

Anderen Menschen helfen

Hinter Marcus liegt eine 24-Stunden-Schicht. Von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr morgens. Über Halloween. Neun Einsätze verteilt im Gebiet von Höxter bis Paderborn. Als wir uns am Tag darauf treffen, ist ihm die Erschöpfung noch anzumerken. Um nach der Arbeit abzuschalten, hilft Marcus Sport und Zeit mit Familie und Freunden.

Während der gesamten Schicht sind die Sanitäter in Bereitschaft. Wird der Alarm ausgelöst, müssen sie tagsüber innerhalb von 60 Sekunden am Einsatzfahrzeug sein. Auf dem Weg zum Einsatzort spricht Marcus oft mit seinen Kolleginnen und Kollegen darüber, was sie wohl erwarten wird. Am Einsatzort versorgt er die Patientin oder den Patientin. Ein Rettungssanitäter unterstützt ihn dabei. Nach dem Einsatz dokumentiert Marcus die medizinischen Maßnahmen, reinigt das Fahrzeug und füllt die Medikamente wieder auf.

Einsätze, die herausfordern

Während wir über seinen Arbeitsalltag und seine Aufgaben sprechen, frage ich ihn, welcher Einsatz bislang am herausforderndsten für ihn war. Er zögert etwas und überlegt. Dann erzählt er von einer 17-jährigen Frau, die mit ihrem Motorrad verunglückt ist. Tödlich. 

„Du funktionierst in diesem Moment halt, führst die medizinischen Maßnahmen durch. Dieses Realisieren, was da eigentlich passiert ist, das kommt dann im Nachhinein. Bei mir hat das 10, 20 Minuten nach dem Einsatz angefangen. Ich sollte die Dokumentation für den Notarzt vorbereiten. Als ich da mit der Mappe in der Hand saß, habe ich einfach nur geradeaus geguckt. Das war so ein Punkt, an dem ich gemerkt hab, das ist jetzt schon etwas anderes als sonst.“ Man merkt, dass ihn dieser Einsatz auch heute noch bewegt.

»Du funktionierst in diesem Moment halt, führst die medizinischen Maßnahmen durch. Dieses Realisieren, was da eigentlich passiert ist, das kommt dann im Nachhinein.«

Marcus Hesselmann
über die Erfahrung mit herausfordernden Einsätzen

Noch ein anderer Einsatz fällt ihm ein: morgens um kurz nach sieben wurde er in ein Pflegeheim gerufen. Die Meldung: eine leblose Person. Für ihn und seinen Kollegen sei relativ klar gewesen, dass es sich um eine Bewohnerin oder einen Bewohner handelt, der über Nacht verstorben ist. Als sie im Zimmer ankommen, zeigt sich etwas ganz anderes: ein Bewohner hat sich selbst das Leben genommen. Ritueller Suizid. Überall brennen Kerzen, im Fernsehen läuft ein Gottesdienst. Ein Gesamtbild, das sich bei Marcus eingeprägt hat. Später erfährt er, dass der Mann an diesem Tag die Nachricht vom Tod seines Sohnes erhalten hat.

Mit Kollegen über die Einsätze sprechen

Um mit den Einsatzerfahrungen umgehen zu können, spricht Marcus viel mit seinen Kolleginnen und Kollegen. Wir kommen nochmal auf den Unfall der jungen Motorradfahrerin zu sprechen. Marcus erzählt, dass sich in der Situation die Kollegen vor Ort nochmal gemeinsam die Unfallstelle angesehen haben. Sie haben überlegt, was eigentlich passiert ist. „Du versuchst dir dann vorzustellen, ob du da überhaupt irgendeine Chance hattest, noch was zu machen. Dann besprichst du das und versuchst, irgendwie selber zur Ruhe zu kommen. Dir ein Bild zu machen, was da jetzt überhaupt passiert ist, vielleicht auch wie das passiert ist.“
Neben dem Austausch mit Kollegen gibt es auch die Möglichkeit zu psychosozialer Unterstützung oder einem Gespräch mit der Notfallseelsorge.

Arbeit, die Freude macht

Trotz der oft herausfordernden Einsätze ist Aufgeben und den Beruf wechseln für Marcus aktuell keine Option. Dafür macht ihm die Arbeit zu viel Freude. Und es gibt immer wieder Momente, die ihn in seiner Berufswahl bestärken: „Zwischendurch hast du auch immer wieder Einsätze, wo du alles anwenden kannst, was du gelernt hast und dann auch einen Erfolg siehst. Wenn du z.B. zu einem eigentlich ganz harmlosen Einsatz hinkommst, der dann zu einer Reanimation wird und die Person dann nachher im Krankenhaus wieder mit dir spricht – das sind dann schon Momente, die alles andere wieder aufwiegen.“

Marcus in Bereitschaft auf der Rettungswache

Vorsorge für einen Plan B

Marcus Hesselmann ist so jemand, für den schon immer klar war, in welche Richtung er mal beruflich gehen möchte: Medizin. Weil ihn aus naturwissenschaftlicher Perspektive interessiert, wie der menschliche Körper funktioniert. Und vor allem, weil er anderen Menschen helfen kann.
So hat er nach seinem Abitur die dreijährige Ausbildung zum Notfallsanitäter absolviert und ist beim Kreis Höxter geblieben. Doch er weiß auch, dass er den Job nicht ewig machen wird. Marcus erzählt, dass die Mitarbeitenden im Rettungsdienst in Deutschland nach durchschnittlich 10 Jahren den Beruf wechseln.

Deswegen studiert er nebenbei Gesundheitspädagogik. Schon während seiner Ausbildung hat er gemerkt, dass es ihm Spaß macht, sein Wissen an andere weiterzugeben. Genau das macht er auch schon jetzt als Dozent bei „Jan Niklas Spiegel Medical-Training“ – ein junges Unternehmen, das sich auf medizinische Trainings spezialisiert hat.
In Kindernotfalltrainings bereitet Marcus Eltern darauf vor, ihren Kindern in Notfällen zu helfen. Bei Hebammenfortbildungen schult er Mitarbeiterinnen von Praxen und Krankenhäusern zu Komplikationen rund um die Geburt.

Das Bestmögliche tun

Ob bei Fortbildungen oder bei medizinischen Notfällen – Marcus erlebt immer wieder Momente, die ihn spüren lassen, dass er den richtigen Weg gewählt hat. Auch wenn er dafür viel Verantwortung und Belastungen auf sich nimmt. Er muss mit der Erfahrung umgehen, dass er manchmal zu spät an den Einsatzort kommt. Der Person nicht mehr helfen kann. Marcus macht sich dann immer wieder bewusst: „Wir werden alarmiert, wenn etwas passiert ist. Verhindern können wir es nicht. Aber ich kann versuchen, das Bestmögliche in der Situation für die Person zu tun.“

»Wir werden alarmiert, wenn etwas passiert ist. Verhindern können wir die Ereignisse nicht. Aber ich kann versuchen, das Bestmögliche in der Situation für die Person zu tun.«

Marcus Hesselmann
über seine Einstellung als Notfallsanitäter

Zum Abschluss erzählt Marcus, dass sich das Wissen in der Medizin etwa alle fünf Jahre verdoppelt – ein Tatsache, die ihn anspornt, sich selbst immer weiter zu bilden und die neuen Erkenntnisse in der Praxis umzusetzen. Um Menschen in Notsituationen zu helfen.

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