Vertrauen lernt man. Im Optimalfall schon als Kind, wenn man spürt, dass sich die Eltern oder andere Bezugspersonen um einen kümmern. Doch: Wie ist es, ohne dieses Gefühl aufzuwachsen?
Elias ist mit acht Jahren vom Jugendamt aus seiner Familie geholt worden. Seitdem ist er bei seinen Großeltern aufgewachsen. Über das, was er in seiner Kindheit erlebt hat, sagt er: „Entschuldigung, aber es war einfach beschissen. Das wünscht man keinem.“
Elias erzählt seine Geschichte, weil er anderen Mut machen will: Eine Kindheit kann Wunden hinterlassen, sie entscheiden aber nicht über das ganze Leben.
Vertrauen kann neu entstehen, Schritt für Schritt.
Elias ist 21 Jahre alt und wohnt im Kreis Soest. Nach der Ausbildung zum Tischler arbeitet er als Lagerlogistiker.
Bevor das Interview losgeht, entschuldigt er sich dafür, dass es in seinem Wohnzimmer so chaotisch und vollgestellt aussieht. Und er zeigt den Grund dafür. Das Schlafzimmer ist bis auf einen Schrank komplett leergeräumt. An der weißen Decke sind quadratmetergroße Wasserflecke.
Seit anderthalb Jahren wohnt er hier, seine erste eigene Wohnung. Vor einer Woche tropfte plötzlich Wasser von der Decke. Ein Rohrbruch in der Wohnung über ihm. Elias informiert seinen Vermieter und ruft dann seinen Opa an. Er fragt, ob er ihm helfen kann, das Schlafzimmer leerzuräumen und alles mit dem Vermieter und der Versicherung zu klären.
Wenn es um solche Erwachsenenthemen geht, ist für Elias sein Opa der erste, den er anruft. Zu seinen leiblichen Eltern hat er keinen Kontakt mehr.
»Wo möchtest du lieber wohnen? Bei denen Eltern oder woanders?«
Frage des Jugendamts an den damals achtjährigen Elias
Die ersten acht Jahre seines Lebens wohnt Elias bei seinen Eltern im Sauerland. Sein Vater ist viel am Arbeiten und kaum präsent. „Viel Nachtschicht“. Seine Mutter arbeitet nicht. Sie ist zwar fast den ganzen Tag zuhause, aber oft am Trinken, Kiffen, Zocken oder Schlafen.
Als Fünfjähriger, erinnert sich Elias, fühlte er sich schon auf sich allein gestellt. Er erinnert sich, wie er über der Badewanne Geschirr spült oder wie er zur Schule aufsteht, sich allein fertigmacht und dann drei Euro für den Bäcker auf dem Tisch liegen. Wie er nach Hause kommt, schnell den Schulranzen in die Ecke wirft und zum Spielen nach draußen oder zu Freunden geht.
Als Elias acht Jahre alt ist, zieht das Jugendamt die Reißleine. Er erinnert sich an eine Frage der Beamten, die er damals nicht verstanden hat: Wo möchtest du lieber wohnen, bei deinen Eltern oder woanders?
Elias antwortet: "Bei meinen Eltern".
Das Jugendamt sagt: "Das geht aber nicht".
»Hast du Lust dich zu treffen? Wir können auch zu mir, aber ich wohne bei meinen Großeltern.“«
Ein Satz, den Elias oft zu Freunden gesagt hat
Noch am selben Tag nehmen seine Großeltern Elias auf, er zieht zu ihnen und nur die wichtigsten Sachen kommen mit.
Wenn Elias von seiner Kindheit bei den Großeltern erzählt, klingt das nach Wärme und Geborgenheit. Doch es bringt für ihn auch Schwierigkeiten mit sich.
Ein Beispiel: Als Elias auf eine die neue Schule geht, will er sich mit neuen Freunden treffen. „Da war es für mich ein komisches Gefühl, zu sagen: Hast du Lust dich zu treffen? Wir können auch zu mir, aber ich wohne bei meinen Großeltern“, sagt er. „Natürlich wirst du dann auch gefragt, was mit deinen Eltern ist.“
Deshalb traut Elias sich erst gar nicht, Leute zu sich einzuladen. Dann erzählt er, dass er „nur heute“ oder „übers Wochenende“ bei seinen Großeltern ist. „Aber irgendwann gehen dir die Lügen aus“.
Seinem neuen besten Freund aus der Schule erzählt Elias als erster, was wirklich los ist. Dann anderen Freunden aus der Schule, bis mehr und mehr davon erfahren.
In seiner Kindheit helfen Elias vor allem zwei Gruppen dabei, Freunde zu finden: der Musikverein und die Messdiener. Beide Gruppen stellen sich in der Grundschule bei den Schulklassen vor und laden ein.
Elias springt darauf an. Er lernt Flügelhorn im Jugendorchester und geht mit drei, vier Freunden immer montags zu den Gruppenstunden der Messdiener – auch, obwohl er nicht getauft ist. Die Messdiener nehmen ihn gern auf und finden es okay, wenn er hauptsächlich in den Gruppenstunden und nicht in den Gottesdiensten am Start ist.
Elias wird immer mehr zum Vereinsmenschen. Neben der Musik und der Messdienergruppe geht er später zum Fußball und ist im Schützenverein aktiv. Elias gehört dazu. Er wird aufgenommen, wie er ist. Das schenkt ihm Selbstvertrauen.
Ein Moment, in dem dieses Gefühl für ihn besonders greifbar ist, ist das Zeltlager der Messdiener. Zwölf Tage Freiheit, Nachtwachen am Lagerfeuer unterm Sternenhimmel, Gruppenspiele, Gebete und Messe.
Frage an Elias: Hat er sich mit den anderen Leitern schon mal darüber gesprochen, was sie glauben? Seine Antwort: Nein, bis jetzt nicht. Aber er wüsste gern mal, was in den Köpfen seiner Freunde vorgeht, wenn sie zum Beispiel nach der Kommunion still beten. „Du denkst immer: Was sagen die? Ich habe nie gelernt, wie man das macht.“
Elias hat nicht das Gefühl, dass ihm ohne Glauben an Gott etwas fehlt. Er sagt: „Die Gottesdienste waren immer mal interessant für mich, aber ich konnte nie wirklich was damit anfangen“.
Nachfrage: Kann es sein, dass es für dich super fremd ist, an einen göttlichen Vater zu glauben, wenn dein leiblicher Papa nie so für dich war, wie du es dir gewünscht hättest?
Elias antwortet: Klar.
Dann sagt er: „Mein Papa ist Moslem und wollte auch nicht, dass ich in die Kirche gehe. Er wollte mir immer seine Religion andrehen. Dann kam wieder Mama dazwischen, die das nicht wollte.“
Aus der Kindheit bleiben offene Wunden. Das scheint zum Leben dazuzugehören. Was und wie tief diese Wunden sind, ist bei jeder und jedem unterschiedlich.
Ein Thema für Elias ist zum Beispiel, dass er Probleme zu stark in sich hineinfrisst. Er weiß, wie gut es tut, sich mit anderen darüber zu unterhalten – und doch kann er sich nur schwer dazu überwinden.
Ein anderes Thema für ihn ist, dass er schwer allein sein kann. Wenn er nach Hause kommt, muss der Fernseher laufen oder Musik dudeln.
Wenn es still ist, fängt er an zu grübeln. Gerade trauert Elias um seine andere Oma, die zu Beginn ihres Rentnerlebens plötzlich erkrankt und vor wenigen Wochen verstorben ist. Und er fragt sich: Wie wird es sein, wenn seine Großeltern, quasi seine Ersatzeltern, nicht mehr da sind?
Elias sagt: „Dann bin ich allein. Dann habe ich keinen mehr, den ich mal um einen Rat fragen kann.“ Ihm kommen die Tränen. „Oder auch wie mit dem Wasserschaden in der Wohnung – da kann ich nicht mal eben Opa fragen, ob er sich darum kümmern kann, weil ich arbeiten bin.“
Seine Sorge zeigt, wie tief das Vertrauen verwurzelt ist, das seine Großeltern ihm geschenkt haben. Es trägt längst weiter: in Freundschaften, im Engagement in den Vereinen, in Beziehungen, die wachsen. Vielleicht ist er noch dabei zu entdecken, dass dieses Vertrauen nicht verschwindet, sondern in ihm selbst weiterlebt.
Elias hofft, dass ihm noch viele Jahre mit seinen Großeltern bleiben. Sein Opa ist „erst“ 72 und topfit. Und aus dem Grübeln heraus spürt Elias auch den Antrieb, weiter in seiner Selbstständigkeit zu wachsen. Dass er mal selbst kocht, statt nach der Arbeit immer zum Essen zu den Großeltern zu fahren. Dass er sich im Job etabliert, seine Freundschaften vertieft und lernt, Probleme wie den Wasserschaden, selbst in die Hand zu nehmen.
Vertrauen lernt man. Manchmal langsam. Manchmal begleitet von Angst.
Und vielleicht beginnt Glaube genau dort: wo ein Mensch erfährt, dass ihm etwas zugetraut wird – und dass er getragen ist. Auch wenn Elias nicht an Gott glaubt. Gott glaubt an ihn.