Eine Nacht. Drei Szenarien. Im Buch „Engel der letzten Nacht“ von Nils Mohl erlebt der Protagonist Kester eine Nacht in Hamburg auf drei verschiedene Weisen – je nachdem, welchen Menschen er begegnet.
Für das Buch wurde Mohl mit dem 37. Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis der Deutschen Bischofskonferenz ausgezeichnet.
Vor der Preisverleihung in Paderborn sprechen wir mit Autor Mohl über prägende Begegnungen, Zugehörigkeit und die Angst, keinen Platz zu finden.
Abi – und jetzt? Kester ist ein Außenseiter. Er hat als einer der besten seines Jahrgangs das Abitur geschafft – doch mit dieser Eintrittskarte ins Leben weiß er nichts anzufangen. Er fühlt sich lost.
Auf der Abschlussfahrt seines Abi-Jahrgangs kommt er auf einen Gedanken, den die anderen erst nicht erst nehmen: Wenn alle davon reden, dass sie die „Nacht der Nächte“ erleben wollen, müsste man dann nicht dafür bereit sein, dass es die letzte Nacht überhaupt sein könnte? Dass man es in Kauf nimmt, in dieser Nacht zu sterben?
Kester kommt von diesem Gedanken nicht mehr los. Er stürzt sich ins Nachtleben von Hamburg, das er bis dahin noch nie erkundet hat. Sein Ziel: die Disko im Bunker hinter dem Hamburger Dom. Ausgang: ungewiss.
Welche Begegnung hat dein Leben verändert?
Am ersten Schultag auf dem Gymnasium habe ich meine Frau kennengelernt. Das war eine Begegnung, die mein Leben bis heute prägt.
Und sonst?
Beim Boxen an der Uni habe ich Max Reinhold kennengelernt. Wir hatten beide die Rocky-Filme gesehen und wollten Boxen einfach mal ausprobieren. Dann haben wir festgestellt, dass wir auch beide Schriftsteller werden wollen. Er wurde ein wichtiger Freund und am Anfang meiner Karriere eine Art Mentor. Ein Glücksfall.
Zur Person
Nils Mohl wurde 1971 in Hamburg geboren, wo er als freier Schriftsteller und Drehbuchautor arbeitet. Er schreibt Romane und Gedichtbände für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.
Für seinen Jugendroman "Es war einmal Indianerland" erhielt er 2012 den Deutschen Jugendliteraturpreis.
2024 wurde Nils Mohl für sein Werk mit dem James Krüss Preis für internationale Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.
Sind solche prägenden Begegnungen selten?
Ja, davon erlebt man nicht viele. Oft merkt man erst später, ob eine Begegnung wirklich wichtig war. In jeder Lebensphase habe ich Freunde gefunden, die mich ein Stück begleitet haben – im besten Fall bis heute. Ich habe aber auch erlebt, dass gute Freunde plötzlich keinen Platz mehr für mich hatten. Das ist schmerzhaft.
Wie ist das mit dem Dazugehören? Kester ist ein Außenseiter. Gleichzeitig tut es ihm gut, dass Blanka, eine Schulfreundin aus der Nachbarschaft, ihn so nimmt, wie er ist.
Wir alle wünschen uns, jemandem zu begegnen, bei dem wir wir selbst sein dürfen. Eine gewisse Rolle entsteht durch Beziehung immer. Manche Rollen fühlen sich aber einfach gut an. Bei Blanka und Kester ist das so ein Fall. Dazu gehört auch, dass man nicht in einer Rolle aber nicht in jeder Hinsicht genügen kann. Als Partner für Blanka fühlt Kester sich nicht bereit – und das kann wehtun. Ich spoiler jetzt aber nicht.
»Beim Heranwachsen spielt es eine große Rolle, herauszufinden, wo man dazugehören möchte.«
Nils Mohl
Autor von "Engel der letzten Nacht"
Ist das bei Gruppen ähnlich?
Beim Heranwachsen spielt es eine große Rolle, herauszufinden, wo man dazugehören möchte. Vielleicht bin ich auch Schriftsteller geworden, weil ich dazugehören wollte. Wenn ich gefragt werde, warum ich Schriftsteller geworden bin, antworte ich oft ausweichend: Ich mag Sprache und Geschichten. Aber ich glaube: Ein fast noch wichtigerer Grund ist, dass ich dazugehören möchte.
Zum wem?
Zu denen, die Künstler sind. Die etwas machen, das anders ist als der Durchschnitt. Dahinter steckt oft der Wunsch, zu einer bestimmten Welt zu gehören. Manche Gruppen wirken auch schwer erreichbar. Dann wächst die Angst, dort keinen Platz zu finden oder abgelehnt zu werden. Es kann sehr verletzend sein, dazugehören zu wollen und Abwehr zu spüren.
Wie erlebst du das?
Ich bin Kinder- und Jugendbuchautor. Ich merke, dass wenn Kollegen auf mich zukommen, die für Erwachsene schreiben, denken, dass ich mich mit etwas beschäftige, was nicht so viel Wert hat, wie was sie machen. Das verletzt mich, weil ich eigentlich denke: Ich gehöre doch zu euch dazu, aber ich werde trotzdem anders wahrgenommen.
Wie gehst du damit um?
Ich könnte mit dem Fuß aufstampfen und sagen: Nehmt mich doch ernst. Aber das kann man nicht erzwingen. Entweder man wird aufgenommen oder nicht.
»Mut besteht ja nicht nur darin, den Schritt zu wagen, dazugehören zu können – sondern auch, es auszuhalten, dass man zurückgewiesen werden könnte.«
Nils Mohl
Gewinner des 37. Kinder- und Jugendbuchpreises der Deutschen Bischofskonferenz
Woran liegt es, ob ich dazugehöre oder nicht?
Ich habe da keine handfeste Antwort. Oft geht es um Selbsteinschätzung: Passe ich wirklich in diese Gruppe – oder wünsche ich mir das nur? Und es ist eine Frage des Muts. Der Mut besteht ja nicht nur darin, den Schritt zu wagen, dazugehören zu können – sondern auch, es auszuhalten, dass man zurückgewiesen werden könnte.
Und deswegen probiert man es erst gar nicht?
Genau. Es ist wie ein Selbstschutz, der Möglichkeiten verbauen, aber auch Schmerzen reduzieren kann. Man wiegt ab: Bin ich bereit, mögliche Zurückweisung auszuhalten? Manchmal braucht es einen Rahmen, der diese Hemmschwelle senkt.
Auf dem Weltjugendtag habe ich erlebt: Wenn alle offen sind, traut man sich eher, andere anzusprechen.
Da fallen Unsicherheiten weg, weil alle aus demselben Grund da sind. Alles, was Gemeinschaft stiftet, erleichtert die Kontaktaufnahme.
Wie viel ist im Leben abhängig davon, zu wem ich dazugehöre?
Ich glaube, es kommt sehr darauf an, wo ich unterwegs bin. Ich glaube aber auch, dass man Antennen dafür hat, wo man den richtigen Leuten begegnen kann. Wenn man mein Beispiel mit dem Boxen sieht: Wenn ich dort hin gehe, dann treffe ich natürlich auf andere, die auch diese Erfahrung suchen – und habe die Chance, Begegnungen zu erleben, die das Leben verändern können.
Vielen Dank für das Gespräch.
Der Roman „Engel der letzten Nacht“ wurde mit dem 37. Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis der Deutschen Bischofskonferenz ausgezeichnet. Die Jury würdigt damit das Jugendbuch, weil es „von Identität, Freundschaft und der großen Unsicherheit beim Übergang ins Erwachsenenleben erzählt“.
Der Katholische Kinder- und Jugendbuchpreis zeichnet Titel aus, die Orientierung geben, verbinden und einen Beitrag zu einem respektvollen und demokratischen Miteinander leisten. Der Preis wird seit 1979 verliehen. Unter dem Vorsitz von Weihbischof Robert Brahm (Trier) hat die Jury 147 vorgeschlagene Bücher von 47 Verlagen gesichtet.
Engel der letzten Nacht nimmt nicht das Schwere aus dem Leben junger Leute heraus. Aber es gibt den Erfahrungen dieses Alters eine Sprache. Und wo Sprache entsteht, da entsteht immer auch Beziehung. Da ist ein Mensch nicht mehr allein mit dem, was ihn bedrängt.
Hier erkenne ich ein Sinngeflecht zwischen Literatur, Seelsorge und christlicher Hoffnung. Wir leben davon, dass Worte tragen können: ein gutes Wort, ein ehrliches Wort, ein Wort zur rechten Zeit, ein Wort, das nicht schont und gerade deshalb rettet. Nicht jedes Wort rettet. Aber ohne Worte bleiben Menschen oft eingeschlossen in sich selbst. Bücher können Türen öffnen. Sie können ein Gegenüber sein. Sie können jungen Leserinnen und Lesern sagen: Deine Fragen sind nicht falsch. Deine Dunkelheit ist nicht das Ende. Deine Geschichte ist noch nicht fertig erzählt.