Jule Müller hält die Fahne Dänemarks.
Jule Müller hält die Fahne Dänemarks.
13.08.2018

Perspektive

Wo wenige Katholiken vieles erreichen

Jule Müller hilft der katholischen Kirche im Norden als Praktikantin des Bonifatiuswerks

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von Tobias Schulte

Für Jule Müller sieht es so aus, als hätten all ihre Mitschüler einen Plan, nur sie nicht. Die einen haben schon eine Ausbildung angefangen, die anderen sich für Studienplätze beworben. Jule Müller weiß noch nicht so richtig, was für sie das Richtige ist. Deshalb geht die 19-Jährige aus Nieheim-Entrup erst mal ins Ausland. Genauer gesagt für acht Monate nach Kopenhagen - mit dem Praktikantenprogramm des Bonifatiuswerks. Im Norden kann sie Erfahrungen sammeln, die ihre Mitschüler vielleicht nicht machen.

Jule Müller

»Ich möchte selbstständiger werden,  von Zuhause rauskommen und etwas über mich selbst lernen, was ich noch nicht entdeckt habe.«

Jule Müller (19)
Praktikantin des Bonifatiuswerks

YOUPAX trifft Jule Müller in einem Café am Paderborner Dom. Ihre roten Haare reichen bis auf die Mitte ihres Rückens, in ihrem Gesicht tummeln sich Sommersprossen. Eine silberne Kette hebt sich von dem schwarz-weiß gemusterten Oberteil ab. So wie sie starten in den kommenden Wochen 17 junge Erwachsene in den Norden. Darunter sind drei Praktikanten aus dem Erzbistum Paderborn. Jules Flieger geht nach Kopenhagen, Patrick Vitt aus dem Siegerland reist nach Uppsala, Sara Skaliks aus Dortmund nach Reykjavik und Markus Tillmann aus Warburg-Bonenburg nach Riga.

Die Aufgaben der Praktikanten sind so unterschiedlich wie die Orte und Länder, in denen sie leben werden. Jule Müller hilft zum Beispiel am Niels-Stensen-Gymnasium in Kopenhagen. Sie übt Deutsch mit den dänischen Kindern oder unterstützt Unterrichtsstunden, die auf Englisch gehalten werden. Zusammen mit einer anderen Praktikantin des Bonifatiuswerks arbeitet sie auch für die katholische Kinder- und Jugendarbeit. Dort gestaltet sie die Vorbereitung auf Kommunion und Firmung und organisiert Fahrten.

Die 17 Praktikanten des Bonifatiuswerks haben sich zur Vorbereitung in Paderborn getroffen.
Die 17 Praktikanten des Bonifatiuswerks haben sich zur Vorbereitung in Paderborn getroffen.

„Das Praktikum ist für Viele ein prägendes Erlebnis“, sagt eine, die es wissen muss. Anna Nick (28) arbeitet am Newman-Institut in Uppsala, der einzigen katholischen Hochschule in Skandinavien, und koordiniert das Freiwilligenprogramm. 2014 ist sie selbst als Praktikantin nach Uppsala gekommen und danach in der Stadt und dem Projekt hängengeblieben. 90 Prozent der Praktikanten sind Abiturienten. Für sie ist es oft das erste Mal, dass sie länger von Zuhause weg sind. Sie lernen, ihren Alltag zu organisieren, Selbstvertrauen aus neuen Aufgaben zu ziehen und lernen eine neue Kultur kennen.

Auch Jule Müller geht direkt nach dem Abi in den Norden. Mit anderen Praktikantinnen des Bonifatiuswerks wohnt sie dann in Kopenhagen in einer WG. Sie erhofft sich, Selbstständigkeit zu lernen und zu erleben, wie die Menschen in Kopenhagen glauben. Sie ist in Nieheim-Entrup, einem Dorf mit 350 Einwohnern aufgewachsen und in Bad Driburg zum Gymnasium gegangen. Sie war jahrelang Messdienerin und sitzt noch im Vorstand der Katholischen Jugendbewegung (KJB). Mit den Jugendlichen zusammen hat Jule Müller bei der 72-Stunden-Aktion des BDKJ mitgemacht und eine Blockhütte in Entrup renoviert. Die Gruppe organisiert das Erntedankfest, wofür die Kirche mit einem Erntedankteppich geschmückt wird, und das Osterfeuer. „Ich spüre, wie sehr sich die Gemeinde und das Dorf freuen, wenn wir etwas für sie machen“, sagt Jule Müller. Dorf und Kirchengemeinde nennt sie in einem Zug. „Bei uns ist jeder katholisch.“

Katholiken in der Unterzahl

Ganz anders sieht das im den Ländern des Praktikantenprogramms aus, wie Anna Nick beschreibt. Die katholischen Christen leben in Skandinavien in einer Diaspora-Situation. Sie sind in der krassen Minderheit. Beispiel Schweden: Dort gab es bis 2000 eine protestantische Staatskirche. Die römisch-katholische Kirche war über Jahrhunderte verboten, erst in den 50er-Jahren entstand das bislang einzige Bistum Stockholm. Schweden waren mit Geburt automatisch protestantisch. Nur wer als Einwanderer kam, durfte sich zu seinem katholischen Glauben bekennen. Bis heute besitzt die katholische Kirche in Schweden nicht viel Geld. Viele normale Wohnhäuser wurden von innen zu Kirchen umgebaut. Die Kirche kann längst nicht so viele Veranstaltungen und Jugendgruppen wie in Deutschland anbieten. Gerade deshalb ist die Hilfe des Bonifatiuswerks – zum Beispiel durch die Praktikanten – an vielen Stellen unabkömmlich: „Die Caritas in Stockholm könnte ihre Treffpunkte für Flüchtlinge gar nicht ohne die Freiwilligen aus Deutschland anbieten“, sagt Anna Nick.

»Wir haben nicht viel, wir sind nicht viele, aber wir machen das Beste draus.«

Anna Nick
Projektkoordinatorin Bonifatius-Praktikantenprogramm

Sie beschreibt die Einstellung der Katholiken im Norden: „Wir haben nicht viel, wir sind nicht viele, aber wir machen das Beste draus.“ In ihrer neuen Heimatstadt Uppsala (118.000 Einwohner) gibt es eine katholische Gemeinde. Sonntags werden vier Gottesdienste auf drei Sprachen gefeiert – alle proppenvoll. Die nächste Gemeinde liegt 40 Kilometer weit entfernt. „In Nordschweden sind manche Kirchen 100 Kilometer vom Wohnort der Menschen weg. Und die Leute kommen trotzdem“, sagt Anna Nick. Sie spürt, dass die Katholiken aus einer starken Überzeugung heraus leben und zusammenhalten. „Als es mir nicht gut ging, sind viele junge Leute auf mich zugegangen und haben mir gesagt: Ich bete für dich.“ Die Praktikanten können im Norden lernen, sich nicht für ihren Glauben schämen zu müssen.

Eine gut besuchte Messe in der Kirche St. Eugenia in Stockholm.
Eine gut besuchte Messe in der Kirche St. Eugenia in Stockholm.
Anna Nick ging selbst als Praktikantin des Bonifatiuswerks in den Norden und koordiniert das Projekt nun.

Entstehung des Praktikantenprogramms
2012 gingen die ersten Prakikanten des Bonifatiuswerks nach Uppsala in Schweden. Monsignore Austen hatte die Idee, dass junge Erwachsene die Katholiken in der Diaspora unterstützen. Zunächst was das Praktikum auf einen Ort und ein paar Wochen ausgerichtet - mittlerweile sind Praktikanten für bis zu ein Jahr auch in Norwegen, Island, Finnland und Lettland unterwegs.

Für Jule Müller ist es nach dem Abitur und Chillen zu Hause jetzt „so langsam an der Zeit, dass etwas anderes kommt.“ Sie spürt eine Vorfreude, hat aber auch Zweifel und Ängste. „Ich wusste bis jetzt jeden Tag, was ich vorhabe und hatte meine Familie bei mir. Jetzt bin ich erst mal auf mich gestellt. Davor habe ich extremen Respekt.“ Sie denkt auch daran, wie es ist, wenn sie mit der dänischen Sprache nicht klarkommt.

Doch Jule Müller möchte die Zeit in Kopenhagen auch für sich nutzen. Sie kommt von Zuhause raus, kann reisen, den Menschen und der Kirche helfen. Vielleicht findet sie auch ihren Plan fürs Leben. Momentan schwebt ihr für die Zukunft ein Studium auf Lehramt oder „was Soziales“ vor. „Ich bin jetzt in der Schule in Kopenhagen. Da sehe ich auch, ob das was für mich ist oder nicht.“

Ein Blick auf die Stadt, in der Jule Müller als Prakitkantin arbeitet: Aussicht über Kopenhagen von der Erlöserkirche.
Ein Blick auf die Stadt, in der Jule Müller als Prakitkantin arbeitet: Aussicht über Kopenhagen von der Erlöserkirche.

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