Über dem Boden schwebend
Über dem Boden schwebend
16.05.2018

Exklusiv

"Der Zirkus ist meine zweite Familie"

Jasper ist Mitglied eines Kinder- und Jugendzirkus. Hier erlebt er Gemeinschaft, Unterstützung und wächst über sich hinaus.

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von Laura Konieczny

Mitten in einer Herner Wohnsiedlung steht ein großes, farbiges Manegen-Zelt, umgeben von einigen kleineren Zelten und Containern. Das ist das Gelände des Circus Schnick-Schnack. In einem der kleineren Zelte läuft eine Gruppe Grundschulkinder fröhlich lachend umher. Als Trainer Christopher Deutsch sie ruft, horchen sie auf. „Lasst uns die Choreographie vom letzten Mal wiederholen“, sagt er und stellt die Musik auf seinem Handy an. Im Takt der Musik bewegen sie sich nun mit Sockenbällen, an denen bunte Bänder befestigt sind. Etwas holprig ist es noch, hier und da korrigiert Christoper sie. 

Während die Proben weiterlaufen, kommt Jasper Thimm auf dem Gelände an. Der 21-Jährige ist ebenfalls Teil der Zirkusfamilie. Er steckt den Kopf durch die Zeltplane, grüßt die Trainingsgruppe gut gelaunt und geht weiter in eines der Nebenzelte der Manege. Hier übt er an diesem Abend mit einer Gruppe jüngerer Artisten das Jonglieren und Balancieren auf Rola-Bolas, das sind lange Holzlatten auf Zylindern.

Die Jonglage-Gruppe ist immer auch Teil der Zeltwoche.

An den Zeltfenstern vorbei huschen Mütter und Väter. Ab und an läuft jemand ins Zelt, um Stoffe aus dem Materialwagen zu holen, der hier parkt. „Alle Eltern verpflichten sich mit der Anmeldung der Kinder, mindestens fünf Stunden im Monat ehrenamtlich mitzuarbeiten“, erklärt Christopher später. „Wir sind ein Familienprojekt.“ Die Eltern, die an diesem Abend so geschäftig umherlaufen, nähen gerade Kostüme für die nächste Show. 

Jasper ist seit acht Jahren Mitglied des Circus Schnick-Schnack. In der Kirchengemeinde lernt seine Familie ein Zirkusmitglied kennen. Sein Bruder tritt daraufhin der Akrobatik-Gruppe bei. Wenig später packt auch Jasper das Zirkusfieber. 

„Ich war anfangs noch zu jung, um jonglieren zu lernen, also habe ich ein Jahr lang gewartet.“ Dann startet seine Artistenausbildung.Das war vor acht Jahren. Seitdem hat er unzählige Stunden in der Manege und im Probenzelt verbracht. Vom Gruppenmitglied steigt er nach vier Jahren auf zum Helfer und später Co-Trainer der Jongleure. Mittlerweile ist er verantwortlich für die Gruppe. „In die Rolle als Trainer bin ich einfach hereingewachsen. Das ist Learning by Doing“, erklärt er.

Die Traineraufgabe sei lustig und anspruchsvoll zugleich. Er weiß die Unterstützung seiner Kolleginnen und Kollegen zu schätzen: „Hier lernen Neuere von Erfahrenen und ich weiß, ich bekomme immer Unterstützung, wenn ich sie brauche.“ Das mache es einfacher. Lediglich daran, als Trainer während der Zeltwoche nicht mehr selbst in der Manege zu stehen, habe er sich zunächst gewöhnen müssen: „Das war total seltsam, weil mein Platz plötzlich woanders war und gleichzeitig super schön, weil ich so stolz war“, erinnert er sich.

»Hier lernen die Neuen von Erfahrenen und ich weiß, ich bekomme immer Unterstützung, wenn ich sie brauche.«

Jasper Thimm
Artist und Trainer im Circus Schnickschnack

Auch schauspielerisches Geschick ist von Jasper (2.v.l.) und seinen Artistenkollegen gefragt.
Auch schauspielerisches Geschick ist von Jasper (2.v.l.) und seinen Artistenkollegen gefragt.

"Egal, wer du bist - du wirst hier angenommen"

Um sich auch selbst artistisch weiterzuentwickeln, trainiert Jasper seit 2014 mit den Gauklern, einer Gruppe älterer Artisten. Sie erarbeiten selbstständig und im freien Training ihr eigenes Programm, mit dem sie das Zirkusrepertoire ergänzen. Er findet: „Es ist schön, gleichzeitig etwas weiterzugeben und selbst zu lernen.“ Die Zirkusarbeit fördere, lasse ihn zwischenmenschlich, körperlich und kognitiv ständig weiter wachsen.
Eine Besonderheit am Circus Schnick-Schnack ist die gelebte Inklusion. Jede und jeder ist willkommen: Egal, ob mit oder ohne Behinderung und unabhängig vom reichen oder armen Elternaus. „Egal, wer du bist – du wirst hier angenommen.“ Das ist es, was das Zirkusleben für Jasper ausmacht.

Der Circus Schnick-Schnack hat aktuell rund 300 Mitglieder. 


100 Kinder und Jugendliche trainieren regelmäßig nach der Schule in verschiedenen Gruppen. Sie arbeiten ein Jahr lang gemeinsam an einem Projekt, das sie anschließend in der so genannten Zeltwoche in einer Show der Öffentlichkeit vorstellen.


Rund 250 weitere Kinder lernen jedes Jahr in Projekt- und Schulgruppen den Zirkus kennen.


Weitere Informationen auf der Zirkus-Website.

Der Zirkus als Familie

Auch deshalb verbringt er nach wie vor so viel Zeit im Zelt. Zwei Mal pro Woche übt er mit seinen Gaukler-Freunden, daneben trainiert er die Jonglage und Rola-Bola-Gruppe. Hier dreht sich alles um Balance, Konzentration und Spaß. Jasper mag die Kombination aus körperlichen und geistigen Herausforderungen. Außerdem ist er Mitglied im Jugendrat, einer Steuerungsgruppe des Zirkus, die wichtige Planungsentscheidungen mittreffen darf. Damit, dass der Zirkus neben der Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger viel Zeit in Anspruch nimmt, müssen seine Freunde und die Partnerin klarkommen. Das sei nicht immer einfach für sie, verrät er lachend. Doch: „Der Zirkus ist ein Teil Familie für mich.“

Nach der Ausbildung möchte Jasper studieren. Für ihn steht fest: „Da, wo ich dann wohne, suche ich mir auch einen Zirkus.“ Im Circus Schnick-Schnack und in andere Jugendzirkussen treffe sich ein besonderer Schlag Mensch. Durch die intensive Arbeit miteinander entstehen schnell wertvolle, tiefe Beziehungen zueinander.

»Gemeinschaft und Zusammenhalt sind aus christlicher Perspektive und in der Zirkusarbeit wichtige Werte.«

„Gemeinschaft und Zusammenhalt sind nicht nur aus christlicher Perspektive, sondern auch in der Zirkusarbeit wichtige Werte“, findet Jasper: „Ohne Nächstenliebe geht es auch im Zirkus nicht. Du musst den Menschen kennenlernen und einander vertrauen, vor allem bei der Akrobatik.“ Seit eineinhalb Jahren übt er auch Luftakrobatik – eine besondere Herausforderung, die sein Körperbewusstsein gesteigert habe: „Ich respektiere meinen Körper besser und lerne meine Grenzen kennen.“ Diese Achtsamkeit möchte er auch den jüngeren Artisten vermitteln.


„Wir akzeptieren hier im Zirkus jeden so, wie er ist. Wenn ein Kind neu in die Gruppe kommt, frage ich mich: Wo steht der Mensch? Wie kann ich ihn abholen?“ Das Thema der Gruppe sei zwar Jonglage, am Ende müssten aber nicht alle jonglieren können. „Wichtig ist vielmehr, jeden individuell zu fördern." Was schließlich zähle, seien der Spaß und die Gemeinschaft zu erleben.

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