Alleine unterwegs zu sein kann Spaß machen, aber auch eine Herausforderung sein.
22.07.2019

Lifestyle

Alleine unterwegs

Wie es wirklich ist ohne Begleitung zu verreisen

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von Christina Behrens

Urlaub tut der Seele und Körper gut. Aber wie ist es, wenn man keine Reisebegleitung will und ganz bewusst alleine unterwegs ist? YOUPAX-Autorin Christina hat sich auf den Weg gemacht, um mal ganz alleine ein paar Tage rauszukommen. Wie das so ist und was sie erlebte, hat sie hier und auf Instagram festgehalten.

Es ist einer dieser leicht warmen Tage, wo sich nach der kühlen und regnerischen Sommerfrische doch mal wieder die Sonne zeigt. Ich steige in Viersen den Regionalexpress nach Venlo, wo ich später abermals umsteigen werde. Der Zug ist gut gefüllt, die Ferienzeit hat gerade begonnen und die Urlaubsstimmung steht allen ins Gesicht geschrieben. Gespräche und entspannte Heiterkeit füllen den Waggon. Ich beobachte neugierig das geschäftige Treiben, denn einen Gesprächspartner habe ich nicht – ich bin alleine unterwegs.

Der Zug fährt an und ich mache im Gang einer Familie Platz. Mit meinem kleinen Gepäck bin ich als allein reisendes und junges Individuum der Universal-Baustein im Zug-Tetris, der überall Platz findet. Meinen Klapp-Sitz in Türnähe habe ich schnell gefunden und am Fenster zieht die Landschaft vorbei. Ich tauche beim Blick nach draußen in meine Gedanken ein und überlege, wann ich eigentlich zum ersten Mal alleine unterwegs war. Schmunzelnd muss ich an mein gerade 18-jähriges Ich denken, wie es versuchte den Eltern zu verkaufen, dass ein Sommer in den schottischen Highlands genau das richtige sei, um für die mündliche Abiturprüfung an den Englisch-Kenntnissen zu feilen. Ihren Segen holte ich mir nur pro forma. Irgendwie wussten wir doch alle, dass ich meine gerade erworbene Volljährigkeit dazu nutzen würde um die Welt zu entdecken. Wie absurd der Plan bei dem schottischen Dialekt zu sein schien, erschloss sich mir erst später. Wie großartig das Reisen alleine sein kann, erfuhr ich jedoch sehr schnell: Keine drei Monate nach der Idee saß ich alleine im Flieger, um auf einer Schaffarm in der Nähe von Inverness zu helfen – der Beginn einer Leidenschaft, die mich die kommenden Jahre prägen sollte. Nichts würde mich nach der Erfahrung aufhalten, eine Reise auch alleine anzutreten.

Das erste Mal alleine unterwegs: 2007 in Schottland auf der Schaffarm.
Das erste Mal alleine unterwegs: 2007 in Schottland auf der Schaffarm.
Die "Steppe" Hollands.
Die "Steppe" Hollands.
Christina 2009 auf dem Camino Francés. 2015 ist sie ihn nochmal gelaufen - "weil man als Frau dort so gut alleine unterwegs sein kann".
Christina 2009 auf dem Camino Francés. 2015 ist sie ihn nochmal gelaufen - "weil man als Frau dort so gut alleine unterwegs sein kann".
Tierische Begleitung.
Tierische Begleitung.

Zurück zu dieser Reise. Etwas gefrustet war ich schon am Abend zuvor, als ich meine Unterkunft buchte: Als Alleinreisende ist das Einzelzimmer immer verhältnismäßig teuer. Der erste Nachteil wäre also schon einmal entdeckt. "Hätte es nicht auch ein Hostel getan?" frage ich mich "Da gäbe es immerhin auch neue Freunde statt hellhörige Hotelwände...". Der Gedanke währt nicht lange, denn ich ziehe auf dieser Reise bewusst die Ruhe vor und genieße den Luxus, meine Habseligkeiten nicht nur mit einem Vorhängeschloss vor ungewünschtem Zugriff sichern zu müssen. So war es damals, als ich mich vor meinem Studium aufmachte, um den Jakobsweg zu laufen. Die Privatsphäre war dort gleich Null, teilte man doch alles mit anderen Pilgern – Bettwanzen inklusive. Dafür gab es neue Freundschaften, Blasen und Schweiß gratis. Eine gute Mischung aus gemeinsamen Kilometern mit Weggefährten wie auch ruhige Stunden auf dem Weg machten die Wochen des Pilgerns sehr angenehm. Damals wollte mich niemand von meinen Freunden begleiten und ich war nie böse drum – wie auch sonst hätte ich die spannenden Begegnungen mit dem wesentlich älteren Millionär oder dem Ultra-Leichtgepäck-Gelsenkirchener mit japanischen Wurzeln machen sollen?

Das Kleinkind am Nebentisch reißt mich wieder aus den Gedanken. Es blubbert fröhlich vor sich hin, beobachtet mich vorsichtig und strahlt über das ganze Gesicht, als ich ihm zuwinke. Seine Großmutter schaut etwas irritiert zu mir rüber. "War das Mitleid in ihrem Blick", frage ich mich kurz und komme ins Grübeln: "Warum denken wir, dass andere uns komisch anschauen, wenn wir keine Begleitung haben?" Glücklicherweise verwerfe ich den Gedankenstrang wieder. Alleine einen Kaffee trinken zu gehen habe ich schließlich wieder erlernt als ich meine Thesis schrieb und häufig meinen Pausen-Cappuccino am Einzeltisch schlürfte. Es ist keine Herausforderung mehr, sondern ein liebgewonnenes Ritual nur für mich. Ich lächle und freue mich darüber, dass ich die Zeit alleine genießen kann.

»Alleine unterwegs zu sein ist wie ein Muskel, den man immer wieder trainieren kann.«

Ein Stückchen muss ich noch mit dem Zug fahren, um in meiner Herberge anzukommen. Auch beim Einchecken im Hotel habe ich den Eindruck, dass ein Funken Argwohn mitschwingt, als der ich Rezeptionistin erklären muss, dass es keine Begleitung gibt. Dabei sind Alleinreisende längst keine Besonderheit mehr. Gerade auch die Geschichten von langzeitreisenden Frauen haben in den letzten Jahren das Internet erobert. Global und unabhängig unterwegs zu sein, ist mittlerweile zum Lifestyle geworden – digitales Nomadentum inklusive. So weit muss man sein Leben nicht umstellen, aber die Erfahrungsberichte bieten gute Eindrücke was einen erwartet. 

Dabei muss man vor allem eins: Sich selbst gut aushalten können, mit all seinen Macken und Launen. Denn alleine unterwegs zu sein bedeutet auch, dass die Einsamkeit durchaus näher kommt. Mir passiert das vor allem abends, wenn man selbst zur Ruhe kommt und nichts mehr zu tun ist. Aber auch da lernt man sich besser kennen und es lohnt sich, Mittel parat zu haben. Bücher, Schreib- oder Malwerkzeug oder eine Kamera unterhalten einen bei einem Durchhänger und sind auch so angenehme Beschäftigungen. Das gilt sowohl für Ablenkung als auch zur tieferen Auseinandersetzung mit sich selbst. Ich werde jedenfalls immer sehr kreativ auf Reisen und setze mich darüber mit meiner Umwelt auseinander.

Der Selbstauslöser wird zum besten Freund
Der Selbstauslöser wird zum besten Freund

Alleine, aber nicht gottlos unterwegs

Am nächsten Morgen breche ich zu einem Ausflug auf. Spontan verzichte ich auf Schwimmbad und Sauna und ziehe doch etwas Actionreicheres vor: Mit dem Fahrrad soll es in ein etwas weiter entferntes Naturreservat gehen. Die Bewegung tut gut und das Rad sorgt für eine gehörige Portion gute Laune: Ich probiere zum ersten Mal ein E-Bike aus und freue mich wie ein Kleinkind über dieses Extra. Selbst als ich mich versehentlich im Fahrradkeller einsperre, bleibt meine Laune ungetrübt – sind dies nicht die Geschichten, die wir später erzählen? Ich werde zeitig von einem netten Herrn befreit und breche endlich auf. Fahrtwind und gute Musik sind die Begleitung meines Tages auf den endlosscheinenden niederländischen Radwegen. Und dann ist es da, das Naturschutzgebiet mit seinen Seen. Als es mit dem Fahrrad nicht mehr weitergeht, laufe ich weiter. Sand rieselt bei jedem Schritt, den ich weiter in die holländische Steppe laufe in die Schuhe, während die Nachmittagssonne immer wieder zwischen den Wolken hervorschaut. Es ist ruhig. Außer ein paar Kühen und Schafen ist niemanden in Sicht. Dann wird mir klar, warum ich wieder alleine unterwegs bin: Für Momente wie diese. Die Landschaft, die Weite, die Stille und das Gefühl, dass Gott nicht weit ist. Ich genieße es und tauche in den Moment ein, den ich ganz für mich alleine habe.

Ausruhen am See.

Nichts geht über Sicherheit

Auf dem Heimweg naht schon der Abend und ich bin froh, dass der Motor unter meinem Sattel für den nötigen Anschub sorgt. So gesehen auch ein wichtiger Faktor um sicher durch den Tag zu kommen. "Pass ja auf dich auf, Kind", mahnen meine Großeltern bei jedem Trip. So auch dieses Mal, obwohl es nur nach Holland geht. Ich kann es ihnen nicht verübeln, denn gerade bei meinen Aufenthalten in Asien muss ich rückblickend manchmal schlucken. Damals bin ich ganz unverhofft zur Alleinreisenden geworden, als meine Begleitung mitten auf der Reise spontan wieder für Weihnachten in die Heimat flog. Südostasien gegen das Ruhrgebiet zu tauschen kam bei mir jedoch nicht in Frage. Ich reiste alleine weiter und forderte mein Glück aus heutiger Sicht manches Mal heraus. Passiert ist mir nie etwas. 

Dankbar unterwegs: Aufgrund neuer Weggefährten änderte sich 2011 meine Reiseroute komplett und ich verbrachte Weihnachten in einem Kinderheim an der Grenze zu Myanmar.
Dankbar unterwegs: Aufgrund neuer Weggefährten änderte sich 2011 meine Reiseroute komplett und ich verbrachte Weihnachten in einem Kinderheim an der Grenze zu Myanmar.

Gelernt habe ich jedoch viel: Langfristig auf sich selbst aufpassen zu müssen, kann sehr anstrengend sein. Der Blick von außen auf sich selbst, die Situation in der man ist und das Durchspielen der nächsten Reisezüge um potentielle Gefahrensituationen zu erkennen, kann dabei hilfreich sein. Die Sicherheit beim Reisen sollte immer oberste Priorität haben.

Mein nächster Tag ist der Abreise vorbehalten. Ein kurzer Abstecher nach Eindhoven und eine letzte holländische Pommes runden den Trip ab. Zufrieden blicke ich auf die kurze Auszeit zurück und nehme mir vor, wenigstens einmal im Jahr allein unterwegs zu sein. Für mich muss es nicht mehr weit weg sein. Denn egal ob Eindhoven, Asien oder Pilgerweg: sich regelmäßig selbst zu begegnen tut gut und birgt immer Potential zu wachsen.

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