Die Erzählung vom Auszug aus Ägypten im Buch Exodus
05.04.2023
Faszination

Exodus: Der Weg vom Tod ins Leben

Die Erzählung vom Auszug aus Ägypten als Mutmacher in Krisenzeiten

von Theresa Oesselke

Samstagabend ist es wieder so weit: Die Osternacht steht an. Die große Feier der Auferstehung Jesu. Der höchste Feiertag im Jahr. Das Licht der Osterkerze erhellt die dunkle Kirche, das Osterlob erklingt. Und da ist sie wieder: die Lesung von der Rettung der Israeliten aus Ägypten. Fester Bestandteil des Gottesdienstes. Jedes Jahr hören wir sie wieder. Es ist wohl einer der bekanntesten biblischen Texte und gleichzeitig einer der schwierigsten. Gott erscheint als grausamer Krieger, der die Ägypter im Meer untergehen lässt. Nicht wenige Gläubige werden sich fragen: Wie lässt sich das mit meinem Gottesbild vereinbaren? Warum ist die Rettung nur möglich durch den Tod der Ägypter? Wir werfen einen Blick in die Erzählung und fragen, warum es sich auch heute noch lohnt, diesen Text zu lesen.

» [...] Die Israeliten aber waren auf trockenem Boden mitten durch das Meer gezogen, während rechts und links von ihnen das Wasser wie eine Mauer stand. So rettete der Herr an jenem Tag Israel aus der Hand der Ägypter. Israel sah die Ägypter tot am Strand liegen. Als Israel sah, dass der Herr mit mächtiger Hand an den Ägyptern gehandelt hatte, fürchtete das Volk den Herrn. Sie glaubten an den Herrn und an Mose, seinen Knecht. Damals sang Mose mit den Israeliten dem Herrn dieses Lied; sie sagten: Ich singe dem Herrn ein Lied, denn er ist hoch und erhaben. Ross und Reiter warf er ins Meer. [...]«

Ex 14, 15 – 15, 1

Was laut Bibel passiert ist

Zwar ist in der Bibelwissenschaft umstritten, inwieweit der Auszug des ganzen Volkes Israel aus Ägypten ein historisches Ereignis darstellt, aber es ist eine der zentralen Glaubenserzählungen des biblischen Israel: Gott hat sein Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten herausgeführt.

Die Israeliten wollen aus Unterdrückung und Todesgefahr in Ägypten fliehen. Ihnen steht jedoch die militärisch starke Macht Ägypten gegenüber. Streitwagen mit Pferden, Wagenfahrern und Heer verfolgen sie bei ihrer Flucht. Als sie am Rand des Meeres angekommen sind, scheint es für die Flüchtlinge keinen Ausweg mehr zu geben. Vor ihnen droht der Tod durch das Wasser, hinter ihnen warten die ägyptischen Streitkräfte. An dieser scheinbar ausweglosen Stelle greift Gott ein: Er teilt das Meer und schafft den Israeliten so einen Weg in die Freiheit. Die Streitmacht aus Ägypten zieht hinter den Israeliten ebenfalls ins Meer hinein, aber sie ertrinkt.

Wie es damals gewesen sein könnte

In welchem Maß die Befreiung aus Ägypten auf historischen Ereignissen beruht, ist in der biblischen Forschung umstritten. Ein historischer Kern dieser Erzählung vom Auszug der Israeliten aus Ägypten könnte so ausgesehen haben: Einige Mitglieder des Volkes Israel sind als Kriegsgefangene nach Ägypten gelangt. Unter nicht mehr rekonstruierbaren Umständen erlangte diese kleine Gruppe von Kriegsgefangenen ihre Freiheit wieder und zog zurück nach Palästina. Dies geschah um das Jahr 1200 v. Chr. Die Erzählung ihres wunderbaren Befreiungserlebnisses aus Ägypten wurde dann identitätsstiftend für das ganze Volk Israel.

Der Erfahrungskontext der Autoren und Redaktoren

Unabhängig von der Frage, wie sich das Ereignis am Roten Meer historisch und naturwissenschaftlich erklären lässt, stellt sich eine noch tiefere Frage: Was müssen Menschen erlebt haben, damit sie so eine dramatische Geschichte aufschreiben? Biblische Texte wie die Erzählung von der Befreiung aus Ägypten haben in der Form, wie wir sie heute kennen, einen langen Entstehungsprozess hinter sich. Sie wurden von verschiedenen Personen zu unterschiedlichen Zeiten bearbeitet. Häufig sagen diese Texte daher indirekt auch viel über die Zeit aus, in der sie geschrieben und bearbeitet wurden. Über den Erfahrungskontext, in dem die Autoren und Redaktoren gelebt haben. Im Hintergrund dieses Textes steht unbestreitbar die Erfahrung von Unterdrückung. Menschen leiden unter der grausamen Herrschaft der Machthaber. In dieser Situation erinnern sie sich an die Erfahrungen ihrer Vorfahren in Ägypten. Welche Botschaft soll der Text den Leserinnen und Lesern vermitteln – damals wie heute?

Gott als Retter der Unterdrückten

Beim ersten Hören scheint der Text einen Kampf zwischen den Israeliten und Ägyptern zu erzählen, den die Israeliten mit der Unterstützung Gottes gewinnen, während die Ägypter grausam sterben. Ein genauer Blick auf den Wortlaut zeichnet aber ein ganz anderes Bild: Es geht nicht um eine militärische Schlacht zwischen zwei Völkern, sondern um das Wunder des Lebens, das den Tod besiegt. Die Israeliten selbst kämpfen überhaupt nicht. Sie sind nur passive Zuschauer des Eingreifens Gottes: „Der HERR kämpft für euch, ihr aber könnt ruhig abwarten.“ (Ex 14, 14) Gott rettet sein Volk aus der Unterdrückung und dem Tod. Die Erzählung vom Auszug der Israeliten aus Ägypten ist eine Rettungs- und Wundergeschichte. Gott wirkt das größte aller Wunder: In einer völlig aussichtslosen Lage rettet er sein Volk und lässt die Todesmacht „Ägypten“ in den Chaoswassern versinken.

Gott teilt das Meer und schafft den Israeliten so einen Weg in die Freiheit

Müssen die Ägypter sterben, damit die Israeliten leben können?

Ein kleines sprachliches Detail hilft, den Text zu verstehen: Im Originaltext wird fast nie vom ägyptischen Volk als „die Ägypter“ gesprochen, auch wenn es in der deutschen Version fälschlicherweise so übersetzt ist. „Ägypten“ wird als Kollektiv verstanden, als anonyme Größe. Als Symbol für die lebensvernichtende Todesmacht. Demgegenüber sind „die Israeliten“ eine Gruppe aus Individuen mit ihren verschiedenen Familiengeschichten.
Wenn am Ende der Erzählung beschrieben wird, wie die Israeliten „Ägypten“ tot am Strand liegen sehen, geht es nicht um die getöteten Soldaten, sondern um das lebensfeindliche Prinzip allgemein. Es ist ein Bild für den Tod. Gott kämpft für das Leben – und gegen den Tod.

"Fürchtet euch nicht!"

Genau diese Botschaft feiern Christinnen und Christen in der Osternacht: Mitten im Tod rettet Gott und führt die Menschen zum Leben. Der Weg führt durch den Tod ins Leben hinein. Hier verbinden sich Altes und Neues Testament, die Erzählung vom Auszug aus Ägypten und die Botschaft vom leeren Grab. Gott hat sein Volk Israel aus Ägypten gerettet und er hat Jesus Christus, seinen Sohn, vom Tod auferweckt. Gott hat über den Tod gesiegt.

Die Lesung vom Auszug aus Ägypten und die Verkündigung vom Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu sind zwei Seiten derselben Medaille. Mose sagt seinem Volk vor dem Wunder der Rettung dieselben Worte, die der Engel den Frauen am leeren Grab sagt: „Fürchtet euch nicht!“ (Ex 14, 13; Mt 28, 5) Diese Botschaft klingt bis in unsere Zeit hinein, wenn wir in der Osternacht diese Texte hören. Auch wir können uns auf Gott verlassen. Er lässt auch uns in Krisenzeiten nicht allein. Die Erzählung vom Auszug aus Ägypten bietet über die Jahrtausende hinweg eine Rettungsgeschichte mit hoffnungsvollem Ende – für die Menschen damals und heute.

Lesetipp

Für alle, die sich ausführlicher mit den verschiedenen biblischen Lesungen der Osternacht beschäftigen möchten:
Georg Steins/Egbert Ballhorn (Hg.): Und es wurde Morgen. Die biblischen Lesungen der Osternacht, Regensburg 2020

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