Steffi (Sinje Irslinger) und Steve (Max Hubacher) brennen nach Paris durch.
Steffi (Sinje Irslinger) und Steve (Max Hubacher) brennen nach Paris durch.
28.09.2020

Perspektive

Zum ersten und vielleicht letzten Mal

„Gott, du kannst ein Arsch sein“ ab 1. Oktober im Kino

test
von Dietmar Gröbing

Was weiß der Uhrmacher über die Zeit? Es ist ihm zwar möglich, kleinteilige Chronometer zu bauen, die Stunden und Minuten messbar machen. Doch, was die Zeit konkret bedeutet, insbesondere, wenn sie abläuft, weiß er nicht. Steffi (Sinje Irslinger) weiß es, denn ihr bleibt nur noch wenig Zeit.

Steffi ist 16 Jahre jung, hat blende Zukunftsaussichten und scheinbar das ganze Leben noch vor sich – wäre da nicht die tödliche Krankheit, die in ihr schlummert. Steffi hat Krebs, was ihren Lebensentwurf implodieren lässt. Ein Rückzug von der Welt kommt für sie nicht infrage. Sie ersetzt ein passives Dahinvegetieren durch ein aktives „Jetzt erst recht“. Sie spürt, dass ihre letzten Tage zu einem kostbaren Gut werden.

Steffi (Sinje Irslinger) reitet auf einer Kuh.

Auf der Schwelle von Leben und Tod

Dies ist der Auftakt zu „Gott, du kannst ein Arsch sein“, einem tragikomischen Roadmovie. Denn als nächstes geht auf die Straße. Wir haben es mit einem spirituellen Vorgang zu tun – mit einer Grenzerfahrung auf der Schwelle zwischen Leben und Tod. Weil der Film aber vor allem unterhalten will, wird er nur an wenigen Stellen nachdenklich, kratzt nur partiell an den letzten Fragen der menschlichen Existenz.

Wo die Buchvorlage des aus Ostwestfalen stammenden Autoren Frank Pape den Schmerz des endgültigen Abschieds plausibel vermittelt, kommt die Regiearbeit von André Erkau kaum über gut gemeinte (Trauer-)Ansätze hinaus. Das liegt vor allem an einem Drehbuch, das populistischen Elementen den Vorrang vor glaubensinnovativen Fragen gewährt. Freie Fahrt für den Tequila-Vollrausch. Freie Fahrt für den burlesken Ritt auf einer Kuh. Freie Fahrt für Wintersport im Hochsommer.

Wohin das alles führt? Natürlich nach Paris, in die ewige Sehnsuchtsstadt des romantisierten Mittelstandes. Dort muss man hin, wenn rosa Schäfchenwolken am Horizont vorüberziehen. Steve (Max Hubacher) heißt der Schäfchenschubser und kommt geradewegs aus dem Wanderzirkus. Ein Manegenkind, das weiß, welche Attraktionen es braucht, um den zahlenden Zuschauer zufrieden zu stellen. Folglich klauen Steve und Steffi ein Auto und brausen Richtung Frankreich.

Selbstredend ist man nicht allein auf der Straße, denn Steffis Eltern sitzen ihrem Kind im Nacken. Frank und Eva (Til Schweiger, Heike Makatsch) sind das erwachsene Spiegelbild der halbwüchsigen Ausbrecher. Nicht mehr so rebellisch, nicht mehr so entschlossen, nicht mehr so verliebt. Doch je weiter man sich von heimischen Gefilden entfernt, desto mehr rückt man in der Fahrgastzelle zusammen.

Till Schweige rujd Heike Makatsch spielen die besorgten Eltern.
Till Schweige rujd Heike Makatsch spielen die besorgten Eltern.

Das Auto als sinnstiftende Maschine, dessen fehlende Ausweichmöglichkeiten seine Insassen klebstoffartig zusammen schweißt. Hier müssen Mann und Frau zwangsläufig Farbe bekennen. Hier wird man sich der Macht der Gefühle bewusst. Und der Endlichkeit aller Dinge. Was weiß der Uhrmacher von der Zeit? Nichts, außer, dass sie vergeht.

„Gott, du kannst ein Arsch sein“ ist ab dem 1. Oktober in den deutschen Kinos zu sehen.

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