Nach dem Schulunterricht spielen die Kinder gern draußen.
27.04.2018

Perspektive

Zwei Sauerländer in Namibia

Niclas Wegener und Helge Helge Haveresch leben ein Jahr lang als Weltwärts-Freiwillige in Namibia. Die Zeit dort ist für sie prägend und lehrreich. Gemeinsamkeiten sind größer als Unterschiede.

test
von Laura Konieczny

Niclas Wegener, 23, ist im Sauerländischen Marsberg aufgewachsen. Helge Haveresch, 19, kommt vom Möhnesee. Seit Herbst letzten Jahres leben die beiden in Oshipeto, einem katholischen Internat im Norden Namibias.

Als Weltwärts-Freiwillige des Mundus Eine Welt e.V. arbeiten die zwei Sauerländer in einem von katholischen Nonnen geführten Internat. Vormittags unterrichten sie gemeinsam die Klassen eins bis drei in den Fächern Deutsch, Kunst und Sport. "Wir bereiten eigenständig den Unterricht vor, korrigieren und verteilen Noten", so Helge. Eine große Verantwortung. Nachmittags geben sie zusätzlich Englischnachhilfe für Kinder und spielen mit ihnen. Ihr Arbeitsalltag in Namibia sei ähnlich wie der in Deutschland, sagt Helge: "Auch hier klingelt der Wecker um 6.20 Uhr." Die übrigen Bewohner von Oshipeto seien dann schon längst wach, für die Jungs reiche es, um pünktlich zu Unterrichtsbeginn vor der Klasse zu stehen.

Aus dem Sauerland ging es für Niclas (l.) und Helge (r.) nach Namiia.

»Viel spannender und aufschlussreicher war aber die Erkenntnis, das im Großen und Ganzen doch alles ziemlich ähnlich ist.«

Niclas Wegener
Weltwärts-Freiwilliger in Namibia

Ausgebildete Lehrer sind sie nicht. Sie tun mit ihrem Wissen ihr Bestes und lernen von den namibischen Lehrern vor Ort. Niclas hat nach dem Abitur bis 2016 eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger gemacht. Niclas ist Abiturient. "Ich wollte neue Herausforderungen und neue Eindrücke sammeln", beschreibt er seine Motivation für den Freiwilligendienst.

Vor eine Herausforderung und Geduldsprobe stellte ihn und die Mitfreiwillige Marie bereits vor der Ausreise nach Afrika das Visum. Anstatt im August bekamen sie es erst im November und starteten ihre Reise deshalb etwas später als die übrigen Freiwilligen, nämlich Anfang Dezember. Weil die Kinder da gerade Ferien bekommen hatten, machten sie sich direkt mit einigen Mitfreiwilligen von Windhoek durch Sambia auf die Reise ins tansanische Daressalam zum Zwischenseminar für deutsche Freiwillige, das Mitte Januar stattfand. "Das war für mich etwas unüblicher, aber unfassbar erlebnisreicher und bereichernder Start in meine Freiwilligenzeit." Aus den übrigen Monaten bis zur Heimreise im Frühsommer versuche er nun noch, "möglichst viel mitzunehmen."

Helge macht mit den Kindern Sportübungen.

Niclas und Helge haben sich mittlerweile gut eingelebt. Vermissen sie auch etwas? "Käse!", sind sie sich einig. Der sei in Namibia ein absolutes Luxusgut und deshalb unglaublich teuer."deutsches Brot und einen Backofen", ergänz Helge. Im Winter außerdem: Schnee.

Langsam rückt die Heimreise näher. "Ich werde wohl die Eigenarten der namibischen Mentalität vermissen", mutmaßt Helge: "Hier hat man mehr Zeit für die Menschen und Dinge, denen man begegnet." Diese Zeit möchte er sich auch in Deutschland weiterhin nehmen und sich neben dem geplanten Maschinenbau- oder Physikstudium weiterhin sozial und politisch engagieren.

Niclas und Helge helfen auch im Schulunterricht aus.
Helge (l.) und Niclas on Tour mit einigen Kindern.
Nach Schulschluss wird Fußball gespielt.

Den Blickwinkel ändern

Politisches Engagement möchte auch Niclas nach dem Freiwilligendienst zeigen und Politikwissenschaft studieren. Die Zeit im Ausland habe ihn zu einem deutlich politischeren Menschen werden lassen, sagt er. Mit Themen Globalisierung, Kolonialpolitik und Entwicklungshilfe, Apartheit und Kapitalismus werde er während des Freiwilligendienstes direkt oder indirekt täglich konfrontiert und bekomme so Tag für Tag eine differenziertere Meinung dazu.

Besonders am Herzen liegt es Niclas und Helge, mit Vorurteilen aufzuräumen und ein Bewusstsein für die Auswirkungen des Handelns jedes Einzelnen zu schaffen. Niclas erklärt dazu: Man hat in Deutschland oft viel Mitgefühl für Menschen, die auf dem afrikanischen Kontinent von Misere, Armut und Hunger geplagt sind - und gleichzeitig ist es doch den wenigsten Menschen bewusst, dass wir durch unser eigenes Konsumverhalten, z.B. unseren exzessiven Fleischkonsum, immens zu dieser Situation beitragen." Gleichzeitig sei es eher rassistisch als empathisch, afrikanische Länder auf Leid, Armut und Kriege zu reduzieren", betont Niclas. "Unser Blick auf den afrikanischen Kontinent ist oft durch Spendenaufrufe und Werbespots geprägt. Dabei merken wir nicht, wie wir uns durch den Blick auf die so genannten ‚Entwicklungsländer' über sie stellen." Das sei nicht in Ordnung.

»Glaube und Kirche spielen hier in Namibia eine ganz andere Rolle. Sie sind zentraler Bestandteil des Zusammenlebens.«

Helge Haveresch
Weltwärts-Freiwilliger in Namibia

Überhaupt: Es gebe mehr Gemeinsamkeiten zwischen Namibia und Deutschland, als es auf den ersten Blick scheint, betonen die zwei Sauerländer in Oshipeto. "Klar kann ich aufzählen, was alles anders ist: Essen, Wetter und Bereiche des sozialen Lebens zum Beispiel", sagt Niclas. "Aber bekanntlich reicht es da manchmal aus, nach Bayern oder in den Norden Deutschlands zu fahren, um ähnliche Erfahrungen zu machen. Viel spannender und aufschlussreicher war für mich die Erkenntnis, das im Großen und Ganzen doch vieles ziemlich ähnlich ist." Durch die Globalisierung ähneln die Straßenbilder in Namibia beispielsweise den Deutschen: Coca-Cola, große Mobilfunkanbieter und Textilketten zieren auch hier diverse Werbetafeln. Auch große Reisebusse, Straßen, Autos, Supermärkte und Co unterscheiden sich von denen in der Heimat nur minimal.

Einen auffälligen Unterschied nennen beide Sauerländer dann doch noch: "Glaube und die Kirche spielen hier eine ganz andere Rolle", sagt Helge. "Sie sind zentraler Bestandteil des Zusammenlebens hier." Da die Schule katholisch und von Nonnen geführt werde, werde mehrmals täglich gebetet. "Auch sonst identifizieren die Menschen sich viel stärker mit dem Christlichen Glauben als das in Deutschland der Fall ist." Besonders gut gefalle ihm die Lebensfreude in den Messen zwei Mal pro Woche, dienstags auf Englisch, sonntags auf Oshivambo, dem lokalen Dialekt. "Man spürt, dass die heilige Messe für die Menschen hier ein riesiges Fest ist. Es wird geklatscht, gesungen und getanzt. So kann man die Messe genießen, auch wenn man eigentlich kein Wort versteht."

»Man spürt, dass die heilige Messe für die Menschen hier ein riesiges Fest ist. «

Mundus Eine Welt e.V. entsendet jährlich rund ein Dutzend junger Menschen über das Weltwärts-Förderprogramm für einen Freiwilligendienst im Ausland nach Brasilien, Peru,, Mexiko, Madagaska, Südafrika, Namibia, Ruanda, Sambia und Bosnien-Herzogowina.

Der Verein besteht seit 25 Jahren und arbeitet zusammen mit dem BDKJ im Erzbistum Paderborn

Die Bewerbung für die Ausreise im Sommer 2019 ist noch bis Oktober 2018 möglich. Bewerber benötigen eine abgeschlossene Berufsausbildung oder (Fach-)Abitur und müssen bei der Ausreise zwischen 18 und 28 Jahre alt sein. Sie sollten ein Interesse an entwicklungspolitischen Zusammenhängen und internationaler Partnerschaft haben. Weitere Informationen gibt es hier

Mix

Mit der Nutzung dieser Website erklärst du dich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Mehr Informationen