Vinzenz Laarmann, 22 Jahre, Organist und Student
Vinzenz Laarmann, 22 Jahre, Organist und Student
19.11.2020

Faszination

Zwischen verstehen und glauben

Vinzenz Laarmann versucht noch, Gott zu begreifen

test
von Tobias Schulte

Die Schlagzeile klang so nach 0815, dass sie schon wieder neugierig machte. Eine Lokalzeitung, Ausgabe Lünen, berichtete über einen jungen Organisten. Die Überschrift: „Vinzenz Laarmann (22) gestaltet als Organist die Gottesdienste mit“. Der Bildunterzeile nach ein „junger und dynamischer“ Kerl. Gut eine Minute dauert es, den Artikel zu lesen, das wird am Computer schon direkt unter der Überschrift angezeigt.

Ein junger Mann in einer vermeintlich altmodischen Kirche an einem vermeintlich altmodischen Instrument – ist das Vinzenz Laarmann? Oder wie ließe sich seine Geschichte noch erzählen?

Partygespräche über "die Kirche"

Ein Donnerstagvormittag Ende Oktober im Dortmunder Kaiserviertel. Autos parken den Straßenrand bis auf den letzten Zentimeter zu, auf dem Bürgersteig bietet ein Mann das Straßenmagazin bodo an. Wir treffen Vinzenz Laarmann zum Kaffee und Käsebrötchen. Er studiert Musik und katholische Theologie auf Lehramt in Dortmund, hat gerade seine Bachelor-Arbeit abgeben. 

Als erstes erzählt Laarmann, wie er auf Partys auf seine Studienfächer angesprochen wird. So nach dem Motto: Du studierst ja Theologie, dann erklär mir doch mal, warum … (füge hier eine beliebige Frage rund um Glaube und Kirche ein). Für diese Kneipendiskussionen bekomme er manchmal im Theologiestudium tatsächlich auch hilfreichen Input, sagt Laarmann. Doch auf Partys würde er eigentlich viel lieber über andere Dinge diskutieren. 

Nachfrage: Worüber denn?

Seine Antwort: „Gesellschaftliches Engagement“.

Wiederum die Nachfrage: Was denn daran? Gesellschaftliches Engagement kann ja alles und nichts sein.

Laarmann antwortet:

„Viele leben in ihrem Mikrokosmos und meinen, dass man ein guter Mensch ist, wenn man zu seiner Familie und seinen Freunden gut ist. Da beginnt es aber erst“.

Vinzenz Laarmann

Vinzenz Laarmann erzählt im Café.
Vinzenz Laarmann erzählt im Café.

Er könne sich aber gerade zeitlich bedingt auch nicht so für andere einsetzen, gibt Laarmann zu. Vorlesungen und Seminare, Fachschaftsratarbeit, Hilfsjobs an der Uni, viermal die Woche Orgel, Chor und so. „Das ärgert mich“, sagt er. Und: „Manchmal geht es nicht darum, was man macht, sondern wie man mit den Menschen umgeht. Man kann andere Menschen wertschätzen, selbst wenn man sie nicht kennt.“

Dann erzählt Vinzenz Laarmann von Nadja. Sie verkauft das Straßenmagazin bodo an der St. Franziskus Kirche in Dortmund, wo Laarmann mittwochs Orgel spielt. Der Student erzählt, dass Nadja „Probleme mit der Hüfte“ habe und dass er ihr helfe, die Zeitschriften aus einem Trolli in ihr Auto zu heben, „weil es für sie sonst ein Riesen-Aufwand wäre“. Mit offenen Augen durchs Leben laufen, darauf komme es an.

Später, als der Kaffee und das Käsebrötchen auf sind, schweift Laarmann mit dem Blick ab. Er fuchtelt mit den Händen, steht halb auf und bleibt mit gebeugten Knien stehen, weil er sonst den Tisch im mittlerweile vollen Café umwerfen würde. Er hat eine ältere Dame gesehen, die mit einem Tablet in der Hand auf der Suche nach einem passenden Tisch ist. „Wir wollten eh gerade gehen“, ruft Laarmann ihr zu. Wir packen unsere Sachen, die Dame sagt so etwas wie: „Och, das ist aber nett.“

Minuten zuvor sagte Laarmann noch:

„Man sollte andere nicht nach dem Glauben fragen, sondern so leben, dass man selbst nach dem Glauben gefragt wird.“

Vinzenz Laarmann

Vinzenz Laarmann

Konkrete Situationen, in denen er diese Frage gestellt bekommen hat, fallen ihm nicht ein. Aber er erzählt, dass Freunde über ihn sagen würden: „Du bist ein netter Mensch und als Steigerung studierst du noch Theologie.“

Gutes Stichwort. Es führt zu der Frage: Hattest du schon ein Aha-Erlebnis im Studium? Vinzenz Laarmann antwortet mit einem Stichwort: Trinität. „Damit habe ich gehadert, bevor ich im Studium auf eine zufriedenstellende Lösung gekommen bin“, sagt der 22-Jährige. Er zitiert den emeritierten Papst Benedikt XVI, Joseph Ratzinger, der sich Gott als Dreieck zwischen Gott Vater, Gott Sohn und dem Heiligen Geist vorstelle. „Um das Dreieck zieht man einen Kreis“, sagt Laarmann, „und alles, was darin ist, ist Gott.“ Dann vergleicht er Trinität mit dem Aggregatzustand von Wasser und erzählt, dass im Gotteslob auf der Seite, auf der das Lied „Großer Gott wir loben dich“ gedruckt ist, ein Zitat von Karl Rahner steht: „Glauben heißt: die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang auszuhalten“.

Vinzenz Laarmann geht durch das Dortmunder Kaiserviertel.
Vinzenz Laarmann geht durch das Dortmunder Kaiserviertel.

Vinzenz Laarmann spielt in drei Gemeinden in Dortmund und Lünen vier Gottesdienste in der Woche. Er singt im Kammerchor der TU Dortmund, leitet einen eigenen Chor und geht ab und zu zur Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) Dortmund. Wenn er da ist, begleitet er die Gottesdienste am Klavier. Wen wundert’s. Mit der KHG ist er auch schon nach Irland und Salzburg gereist, hat in Dublin am Tresen sein Mentoratsgespräch geführt. Darin sei es auch um den Heiligen Geist gegangen, erzählt Laarmann und wird dann fast poetisch.

Er erzählt von Beinahe-Unfällen mit dem Auto und Gottesdiensten, in denen er zwischendurch abwesend war, sein Stichwort hörte und binnen einer halben Sekunde den richtigen Akkord anspielte. „Da kann man sagen, dass das jahrelange Übung ist, aber das wäre doch trostlos. Die Welt wird zu einem wundervolleren Ort, wenn man den Heiligen Geist mit reinnimmt. Vielleicht war er das ja.“

Vinzenz Laarmann saß mit fünf Jahren zum ersten Mal am Keyboard, mit 12 Jahren ist er zur Orgel gewechselt. Wenn er von seiner Faszination für Musik erzählen soll, sagt er: „Musik ist für mich ein Ausgleich“. Wenn er emotional geladen sei, dann gehe er nicht wie andere ins Fitnessstudio trainieren oder schalte auf der Konsole einen Shooter an. Er spielt Klavier, zum Beispiel „Das Wohltemperierte Klavier“ von Johann Sebastian Bach. „Ich werde von der Musik Bachs nicht komplett glücklich“, sagt er, „aber ich komme auf null. Und von scheiße auf null, das ist immerhin eine riesige Steigerung.“

Musik hat ihn reifen lassen, wie Vinzenz Laarmann erzählt.

Dass Musik eines seiner Studienfächer werden wird, sei klar gewesen. Genauso, dass er auf Lehramt studiert. „Es gibt so viele schlechte Lehrer“, sagt Laarmann. „Wenn ich das nur etwas besser mache, dann verändert sich doch schon was“. Mit Musik und Theologie möchte er ein künstlerisches und ein philosophisches Fach unterrichten, „weil das einen Menschen voranbringt“, wie er sagt.

Vor allem, als er als 14-Jähriger im C-Kurs sich an objektiven Maßstäben mit 17-Jährigen messen musste. Musik zeigt ihm, dass er sich nie als der Geilste fühlen darf. „Spätestens wenn man Musik studiert, merkt man, dass man nichts kann. Man darf halt nie überheblich werden“, sagt Laarmann. Musik verbindet für ihn diese Welt mit Gott.

Denn obwohl Laarmann sagt, dass er im Alltag nur sehr wenig bete, lernt er durch das Orgelspielen doch gelebte Spiritualität anderer kennen. „Mittlerweile sind total klischeehafte Marienlieder für mich emotional aufgeladen, weil ich zu jedem Lied eine Person vor Augen habe, für die es das Stück war, das bei der Trauung oder einer Beerdigung gespielt wurde“, sagt er.

Gleichzeitig spürt Laarmann, dass er die Glaubenswahrheiten, die er im Studium lernt, noch nicht so ganz mit seinem persönlichen Glauben verknüpfen könne. Er sieht eine Hürde zwischen dem rationalen Verstehen und dem Glauben daran. „Aber“, sagt er, „das Christentum gibt eine Lebensanweisung an die Hand, die nicht auf den egoistischen Menschen schaut“. Wir als Menschen könnten es uns nicht erlauben, überheblich zu sein, weil es über uns immer noch eine Stufe gebe: Gott. „Wer ist denn ein Mensch“, fragt Laarmann, „dass er sich erdreisten kann, über Menschen zu urteilen, wenn du weißt, dass du jemanden über dir hast, der über dich urteilt?“

Mix