Helena Schmidt
08.10.2021

Miteinander

Laut im Glauben

BDKJ-Diözesanseelsorgerin Helena Schmidt über Mitbestimmung im Glauben und das Aufwachsen im Jugendverband

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von Lioba Vienenkötter

Sie ist eine junge Frau und hat nicht einmal Theologie studiert. Und trotzdem wurde Helena Schmidt im August zur Diözesanseelsorgerin des BDKJ Paderborn gewählt. Was sie mitbringt ist die jahrelange Erfahrung in einem der Jugendverbände, der starke Wunsch Glauben für junge Menschen erfahrbar zu machen und eine ordentliche Portion Respekt vor der neuen Herausforderung. Aber wer ist Helena Schmidt eigentlich?

Einfach mal raus aus dem Gewohnten, aus den alten Ämtern und rein ins Neue: Das war für Helena Schmidt eine Motivation, um als Diözesanseelsorgerin des BDKJ im Erzbistum Paderborn zu kandidieren. Denn die 25-Jährige kommt aus der Kolpingjugend – sie war Gruppenkind und Leiterin in ihrem Heimatort Siedlinghausen und hat sich dann mit dem Studium in Paderborn auch auf Diözesanebene engagiert. Die Jugendverbandsarbeit ist ihr so über die Jahre ans Herz gewachsen. „Die meisten Termine in meinem Kalender waren immer von der Kolpingjugend“, erzählt sie. Das Amt im BDKJ ist nun der nächste große Schritt.

Helena Schmidt, Diözesanseelsorgerin BDKJ
Helena Schmidt, Diözesanseelsorgerin BDKJ

Bei der Frage, was sie da jetzt eigentlich so tun müsse, muss Helena lachen. Diese Frage haben ihre Freundinnen und Verwandten offenbar schon häufiger gestellt. Aber kein Problem. Schnell ist der Kalender mit den Terminen der letzten Wochen hervorgekramt: Vernetzungstreffen mit den Verbänden, Planungstreffen für die Diözesankonferenzen, YOUNG MISSION-Weekend – die Aufgabenliste ist lang und abwechslungsreich. Besonders freut Helena sich aber auf das, was noch kommt: Die Planungen für das Dreikönigssingen zum Beispiel.

Die Sternsingeraktion gehört zu Helenas Herzensprojekten. Während sie oft mit bürokratischer Organisationsarbeit zugepackt ist, kann sie dort direkt mit den Kindern und Jugendlichen zusammenzuarbeiten. Im November steht außerdem eine Gruppenleiterschulung der KjG an, bei der Helena die Spiri-Zeit übernimmt. Über diese Einladung hat sie sich besonders gefreut, erklärt sie lächelnd: „Mein Ziel ist es, jungen Menschen zu zeigen, dass man nicht Theologie studiert haben muss, um unseren Glauben in der Verbandszeit anzusetzen. Jeder kann mal einen Impuls vorbereiten oder eine Diskussion anleiten. Jeder sollte sich das zutrauen können.“

Den Glauben für junge Menschen erlebbar machen. Das sieht Helena als ihr größtes Ziel. Sie möchte Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit geben, sich selbst im Glauben besser kennenzulernen. Für sie hatte gerade der Weltjugendtag in Panama und Costa Rica eine große Bedeutung: Die vielen jungen Menschen, die Gottesdienstfeiern, das bunte Programm – diese Erlebnisse weckten in ihr den Wunsch ihre Erfahrungen mit Gott auch an andere weiterzugeben: „Ich freue mich, wenn ich den Weltjugendtag 2023 mitgestalten und anderen dieses Erlebnis ermöglichen kann. Denn da kann für junge Menschen in Bezug auf den Glauben einiges wachsen.“ Es sei wichtig, dass Kinder und Jugendliche den Glauben kennenlernen könnten, denn nur so könnten sie auch eine eigene Beziehung zu ihm aufbauen. Für sie selbst war das Aufwachsen in der Kolpingjugend immer eine wichtige Stütze. Aber auch die Begegnungen im pastoralen Dienst der Katholischen Hochschulgemeinde bewegen sie bis heute. Der Austausch mit anderen über den Glauben ist es, der den Glauben für Helena so lebenswert macht.

Auch mal mit anpacken!

Doch sie weiß auch, dass das Thema Glauben längst nicht mehr für alle relevant ist: „Das Schöne in der Jugendverbandsarbeit ist, dass es bei vielen Jugendverbänden einfach mit dazugehört. Das ist zwar manchmal nur der Gottesdienst, der ab und zu stattfindet. Wir dürfen natürlich auch nicht vergessen, dass der Glaube für viele Menschen nicht mehr wichtig ist und dass viele jungen Menschen sich davon verabschiedet haben. Aber ich bin gewählt worden auf einer Diözesanversammlung von den Diözesanleitungen und Vorständen der Jugendverbände und deshalb bin ich mir sicher, dass es gewollt ist, dass wir Glaube in unseren Jugendverbänden weiter leben.“

Aber auch ein anderer Punkt lässt sie manchmal zweifeln. Denn sie hat, im Gegensatz zu ihren Vorgängern, nicht Theologie studiert, sondern Soziale Arbeit. Dass sie sich gegen das Theologiestudium entschieden hat, wundert sie heute, zumal ihr dieses nach ihrem FSJ im Bildungs- und Exerzitienhaus Elkeringhausen von ihrer Anleiterin ans Herz gelegt wurde. Um sich trotzdem auch theologisch weiterzubilden, studiert sie nun den Master „Christentum in Kultur und Gesellschaft“ an der Uni Münster. Im Gespräch verrät sie, dass sie vor der der Wahl zur Diözesanseelsorgerin Angst hatte, dass ihre theologische Ausbildung nicht ausreichen könnte. Predigen habe sie zum Beispiel nie gelernt. Gleichzeitig ist sie davon überzeugt, dass ihr Blick von außen und ihre politische und soziale Expertise sehr hilfreich sein können. Ihrem Amt blickt sie deshalb optimistisch entgegen, denn sie weiß: „Ich bin fest davon überzeugt, dass es viel auf die Haltung und das Herz ankommt und nicht unbedingt um die fachliche Ausrichtung.“

Haltung – das ist für Helena ein wichtiges Stichwort. Denn als junge Frau stimmt sie längst nicht mit allen Werten der Amtskirche überein. Und sie weiß, dass auch viele Vertreterinnen und Vertreter der Jugendverbände ihre Zweifel an den Prinzipien der Kirche haben, schließlich wüchsen junge Menschen heute in einer demokratischen und emanzipierten Gesellschaft auf, zu der manche Strukturen der katholischen Kirche eben nicht mehr passten. Die häufigsten Kritikpunkte seien dabei die Sexualmoral und die Frauenfrage. Keine leichten Themen, findet Helena:

»Ich stehe manchmal dazwischen, weil ich mich in der Kirche total wohl fühle und hier die Angebote habe, die ich brauche und die mir gut tun. Aber ich sehe auch, dass das nicht für alle so gilt. Und in der Frauenfrage könnte ich mich tierisch aufregen.«

Genau für diese Streitpunkte ist sie innerkirchlich mit dem BDKJ zuständig. Der BDKJ müsse der Verband sein, der Kritik an die Kirche zurückmeldet: „Wir haben viele Mitglieder in unseren Verbänden, denen der Glaube viel bedeutet und die gerade deshalb die Stimme erheben und sagen, dass es so nicht weitergehen kann“. Schließlich müsse der Verband auch für seine Mitglieder authentisch bleiben. Helenas Statement zur Situation der Kirche lautet: „Es muss sich etwas tun, damit wir das Label ,katholisch‘ für die Kinder- und Jugendverbände nicht verlieren. Es ist deshalb wichtig, dass wir immer wieder sagen, dass wir bestimmte Punkte – zum Beispiel in der Sexualmoral – wissenschaftlich nicht halten können. Es muss um den Menschen gehen. Und der Glaube muss gelebt werden können, egal welcher Mensch ich bin und wie ich lebe."

Helena bei der Nacht der Lichter der Kolpingjugend in Paderborn
Helena bei der Wahl zur Diözesanseelsorgerin

Dass Helena bereit ist, sich für andere stark zu machen, merkt man ihr sofort an. Sie tritt entschieden auf, erzählt leidenschaftlich von den Themen, die ihr wichtig sind. Für Helena ist es keine Frage, dass junge Menschen mehr Gehör finden müssten. Schließlich läge die Zukunft der Kirche in den Händen der Jugendverbände des BDKJ, die den größten Anteil der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit leisteten. Sie sehe in Veränderungen aber einen Vorteil für die gesamte Kirche, urteilt Helena augenzwinkernd: „Eine Erfahrung, die ich in der Kirche gemacht habe, ist: Alles, was die jungen Leute gut finden – zumindest was den Gottesdienst angeht, finden die meisten alten Leute auch gut. Alle Aktivitäten sind schöner, wenn sie von allen Generationen mitgetragen werden.“

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